Natur inspiriert zu neuen Tönen

ABSCHLUSSKONZERT DER ESTNISCHEN MUSIKTAGE
(Yxus Ensemble)

Besuch am
19. April 2018
(Urauf­führung)

 

Estonian Composer’s Union in der Estonia Concert Hall, Tallinn

Das größte der drei balti­schen Länder, Estland, hat sich dank der Dirigier-Dynastie der Familie Järvi – Vater Neeme und die beiden Söhne Paavo und Kristjan – und dem mittler­weile schon fast legen­dären Arvo Pärt fest im Bewusstsein von Musik­lieb­habern etabliert. Aber diese inter­na­tional bekannten Persön­lich­keiten bilden nur die Spitze des musika­li­schen Eisbergs.  Seit 1979 werden neue Kompo­si­tionen bei den Estni­schen Musik­tagen rund eine Woche lang auf etlichen Konzerten gefeiert. Die werden sowohl in Kirchen, im Konzertsaal oder unter freiem Himmel gespielt. Das Abschluss­konzert findet tradi­tionell feierlich im Großen Konzertsaal in der Haupt­stadt Tallinn statt und beinhaltet heuer sechs Stücke von schon etablierten wie auch ganz jungen estni­schen Komponisten.

Dieses Jahr war das Motto „Heilig“, wobei es nicht unbedingt etwas mit Religion zu tun hat. Gerade die Stücke im Abschluss­konzert befassen sich eher mit der Natur. Ecotone von Jüri Reinvere nimmt Bezug auf den Raum zwischen einer urbanen Landschaft und dem öden Hinterland, wo sich Gegen­sätze treffen, wo wilde Tiere sich der Zivili­sation nähern, ein Niemandsland, doch voller Leben. Dieses abstrakte Konzept wird von nur einem Musiker, Anto Önnis, auf einer Vielzahl von Schlag­zeug­instru­menten übersetzt: Trommeln, Xylophone, Marim­ba­phone, Klavier, elektro­nische Sounds, akzen­tuiert von Triangeln, gezupften und gestri­chenen Geigen­bögen. Es ensteht ein Biotop von Klängen, die alle aufein­ander reagieren und mitein­ander leben.

POINTS OF HONOR

Dirigent
Orchester
Solisten
Programm
Publikum
Chat-Faktor

Robert Jürjendal bringt mit Raba, was sich mit „Moor“ übersetzen lässt, ein Strei­cher­quintett, in dem sich das Thema der Natur fortsetzt. In Estland gibt es sehr viel Wald und sehr viele Moorge­biete. Jürjendal setzt die Streicher mit minima­lis­ti­schen Mitteln ein.

Auch Ardo Ran Varres führt das Thema Natur mit seinen Apis Mellifera – Honig­bienen – für Cello, Akkordeon, elektro­nische und Fixed Media weiter. Der Flug der Bienen ist klar erkennbar – manchmal tanzen sie sogar Tango. Witzig winden sich die Instru­mente um die elektro­ni­schen Töne in diesem kleinen Stück, das aller­dings mit dem Bienentod endet und somit auch ein agropo­li­ti­sches Signal setzt.

Der zurzeit wohl bekann­teste Komponist nach Arvo Pärt ist Erkki-Sven Tüür. Seine Kompo­sition Licht­türme für Geige, Cello und Klavier wurde für den Pianisten Lars Vogt 2017 geschrieben und auf seinem Festival in Heimbach urauf­ge­führt. Aus dem Nichts ertönen die einzelnen Instru­mente, polyrhyth­misch baut sich ein drama­ti­scher Klang auf, der den Zuhörer emotional mitreißt und das symbo­lische Licht der Leucht­türme sehen lässt.

Foto © Rene Jakobson

Die Kompo­sition für großes Ensemble mit dreizehn Musikern vom jüngsten der hier präsen­tierten Kompo­nisten Pärt Uusberg – Jahrgang 1986 – ist mit Innerer Ton tituliert und ein roman­ti­sches Kleinod. Harmo­nische Melodien lassen das Publikum für einige Minuten in eine ideale Welt versinken. Ein tragendes Element spielt die Harfe, für die Uusberg rhyth­mische Moll-Melodien kompo­niert hat, die eben diesen inneren Ton ganz neu definieren.

Das letzte Stück auf dem Programm stammt von der einzigen Kompo­nistin an diesem Abend – Helena Tulve. Der Titel Ligne d’Horizon beschreibt die niemals erreichte „Horizont­linie“, die uns umgibt, den Himmel von der Erde, das Sichtbare vom Unsicht­baren trennt. Auch dieses Stück ist für großes Ensemble geschrieben, inklusive Harfe und Klavier, die hier mit Pizzicato-Tönen Akzente setzen.

Das Yxus Ensemble besteht seit 2013 und hat sich auf experi­men­telle Musik spezia­li­siert. Es besteht in seinem Kern aus einem Strei­cher­quartett, das je nach Kompo­sition zusätz­liche Musiker mitein­be­zieht und aktiv mit den Kompo­nisten die Stücke erarbeitet. Unter der präzisen Leitung des Dirigenten Kaspar Mänd spielt das Ensemble mit feiner Artiku­lierung und offen­sicht­licher Freude am Musizieren und Experimentieren.

Das Publikum im nicht ausver­kauften Saal empfängt die Kompo­nisten mit durchaus herzlichem und warmem Applaus.

Im nächsten Jahr feiern die Estni­schen Musiktage ihr 40-jähriges Jubiläum und sind gleich­zeitig Gastgeber für die inter­na­tio­nalen ISCM Tage für Neue Musik, die seit 1922 eine der wichtigsten Platt­formen für Neue Musik sind.

Zenaida des Aubris

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