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Foto © Anne van Aerschot

Tagesrhythmus schreibt Geschichte

ROSAS DANST ROSAS
(Anne Teresa de Keersmaeker)

Besuch am
26. April 2018
(Premiere)

 

Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Freitag, 6. Mai 1983. In Deutschland erklärt das Bundes­in­nen­mi­nis­terium, dass die von der Zeitschrift Stern in Auszügen veröf­fent­lichten Hitler-Tagebücher Fälschungen sind. In Belgien wird das als Randnotiz zur Kenntnis genommen. Man inter­es­siert sich dort nicht so wahnsinnig für die Sucht der Deutschen, ihre Vergan­genheit zu bewäl­tigen, und wenn sie noch so groteske Züge annimmt. Umgekehrt fand auch das Kaaitheater-Festival, das es seit 1977 in Belgien gibt, wenig Beachtung in Deutschland. Zudem an diesem Abend im Brüsseler Théâtre de la Balsamine eine frisch gegründete Compagnie mit einer Urauf­führung auf dem Programm stand. So etwas zieht selten mehr als lokale Aufmerk­samkeit auf sich. Rosas nannte Anne Teresa de Keers­maeker ihre Compagnie. Die vier Tänze­rinnen traten auch noch mit dem wenig spekta­ku­lären Titel Rosas danst Rosas an. Also etwa Rosas tanzt sich selbst. Nach Asch und Fase war es für de Keers­maeker die dritte Choreo­grafie. Drei Jahre später titelte die New York Times: Aufwüh­lende Bilder einer jungen Choreo­grafin.

Das Tanzhaus NRW im Stadtteil Flingern, unweit des Haupt­bahnhofs, wird dieser Tage 20 Jahre alt. Als „Geburts­tags­ge­schenk“ bekam der Verein vom Stadtrat 148.000 Euro bewilligt, um dringend notwendige Repara­turen im einstigen Straßenbahn-Depot durch­führen zu können. Damit ist eines der drängendsten Probleme der Gegenwart für einen Moment vom Tisch. Es gibt also doppelten Grund zu feiern. Und das Tanzhaus selbst gönnt sich auch ein Geschenk. Es hat die Produktion Rosas danst Rosas einge­laden, um den Geburtstag würdig zu begehen. Dementspre­chend ist der große Saal bis auf den nahezu letzten Platz besetzt. Eine großartige Kulisse für einen aufre­genden, frischen Abend, der geradezu jungfräulich daherkommt.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Im Hinter­grund der Bühne ist eine silbrig­glän­zende Leinwand aufge­hängt, auf der Rosas danst Rosas eingewebt ist, was nur in der initialen Licht­ein­stellung zu sehen ist. Raffi­niert. Die Bühne selbst ist bis auf ein paar, in der linken Ecke gesta­pelten Stühle leer. Begrenzt ist sie von zwei Schein­werfer-Galerien. Ramon Fromont hat ein grandioses Licht entwi­ckelt, das nur selten unter die Sicht­bar­keits­grenze fällt. Auch wenn er ganz auf Farben verzichtet, bleibt die Spannung nahezu durch­gängig erhalten und erreicht mitunter drama­tische Wirkung. Vier Tänze­rinnen, es mag die fünfte oder sechste Generation von Rosas sein, betreten nachein­ander die Bühne. Sie tragen unifor­miert dunkle Strumpf­hosen, ein beige­far­benes Kleid und ein sandfar­benes T‑Shirt darüber. Später werden sie braune Schuhe dazu anziehen.

De Keers­maeker hat nach der Idee des Musikers Thierry de Mey einen Tages­ablauf choreo­gra­fiert. Während Genera­tionen von Tänzern über die Zusam­men­hänge von Tanz und Musik nachge­dacht haben, zeigte die Choreo­grafin nie Berüh­rungs­ängste mit Musik. Im Gegenteil war sie zum Zeitpunkt der Entstehung des hier gezeigten Stücks der Auffassung, dass Choreo­grafie und Kompo­sition nur in Zusam­men­arbeit entstehen können. Und so haben de Mey und Peter Vermeersch eine maßge­schnei­derte, unglaublich stark rhyth­misch orien­tierte Musik entwi­ckelt, die in Düsseldorf nur vom Computer einge­spielt wird. Nicht die sonst bei solchen Anlässen üblichen sphäri­schen Klänge ertönen hier, sondern ein harter, wechselnder Rhythmus, der mitunter Anklänge des Tango nuevo heraus­hören lässt. Unver­kennbar, was schon 1983 den Erfolg des Stückes auslöste. Hypno­tische, bisweilen hallu­zi­na­to­rische Klänge, die an den mensch­lichen Puls, an Nähma­schinen, an Tänze erinnern, ziehen das Publikum genauso in ihren Bann wie die perma­nenten, scheinbar unend­lichen Wieder­ho­lungen auf musika­li­scher und tänze­ri­scher Seite. Bisweilen geht das bis kurz vor die Unerträg­lichkeit. Und gerade das macht es so aufregend und nervenaufreibend.

Foto © Anne van Aerschot

Léa Dubois, Yuika Hashimoto, Laura Maria Poletti und Soa Ratsi­fan­drihana haben die Rollen der einstigen Tänze­rinnen Adriana Borriella, Michéle Anne de Mey, Fumiyo Ikeda und eben Anne Teresa de Keers­maeker übernommen. Sie zeigen den zweiten Erfolgs­faktor der, ja, legen­dären Choreo­grafie. Der Schwie­rig­keitsgrad scheint kaum erreichbar, was vor allem die Synchro­nität angeht. Zudem hat de Keers­maeker den Tanz bewusst auf Erschöpfung angelegt, was sich in unzäh­ligen Wieder­ho­lungen zeigt. Viel ist in den Tanz hinein­ge­heimnist worden. Letztlich aber bezieht er seine Wirkung aus der Virtuo­sität der Tänze­rinnen. Und je genauer die synchronen Bewegungen und ihre schier unend­lichen Varia­tionen funktio­nieren, desto größer der Erfolg der Aufführung. An diesem Abend gibt es wenig zu bemängeln.

Wie betäubt bleiben die Zuschauer zurück. Ein ruhiger Ausklang im Viertel­dunkel gibt ihnen Gelegenheit, allmählich wieder in die Wirklichkeit zurück­zu­kehren. Umso berau­schender fällt – für die Verhält­nisse des Tanzhauses – der Applaus aus. Ein schöneres Geschenk hätte sich das Tanzhaus NRW kaum gönnen können. Am 27. und 28. April gibt es Folgevorstellungen.

Die Folgen dieser Aufführung könnten nicht unter­schied­licher sein. Während die einen sich zur Geburts­tags­party im Foyer des Tanzhauses begeben, fühlen sich die anderen wie ausge­laugt und ziehen sich lieber zurück. De Keers­maeker hat inzwi­schen eine Weltkar­riere hingelegt. Das passt gut zum Tanzhaus NRW, das nach 20 Jahren so gut aufge­stellt ist, dass es sich in einem eigens aufge­legten Magazin schon Gedanken darüber macht, wie es sich wohl 2040 präsen­tieren wird. So viel Selbst­be­wusstsein darf nach diesem Abend sein.

Michael S. Zerban

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