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Das bekannte Märchen vom Aschenputtel nimmt sich der Ausgebeuteten, Unterdrückten in einer ständischen Gesellschaft an, ein beliebter Stoff auch für Komponisten, wie Cendrillon, Cenerentola oder Cinderella zeigen. Cinderella regte Sergej Prokofiew zu einer groß angelegten Ballettmusik an. Der Komponist begann damit 1940, schloss sie 1944 ab trotz Zweiten Weltkriegs und Blockade Leningrads. Am 21. November 1945 erlebte das Ballett am Moskauer Bolschoi-Theater seine Uraufführung. Prokofjew schöpfte für sein Werk aus einem umfangreichen Repertoire von Tanzsätzen, beabsichtigte „große Musik“, „vor allem melodisch“, „wobei die Melodie einfach und verständlich sein muss, ohne ins Hausbackene und Triviale abzugleiten“. In der Handlung wird das Umfeld Aschenputtels indirekt in teilweise scharfer Satire angeklagt, das Mädchen selbst als Beispiel für Menschlichkeit, Unschuld und Bescheidenheit dargestellt. Das romantische Märchen enthält also eine starke sozialkritische Komponente.
Am Mainfranken-Theater wird diese bei der Uraufführung der letzten Würzburger Choreografie der scheidenden Ballettdirektorin Anna Vita weitgehend ausgeklammert. Im Vordergrund stehen dagegen lustige Gags, witzige Unterhaltung. Was fehlt, ist eine innere Entwicklung, inhaltliche Spannung, die sich zum Schluss hin steigert. Die Tanzbilder sind zwar einprägsam, vorhersehbar und oft ähnlich, manchmal auch etwas rätselhaft, etwa wenn Cinderella von einem besseren Schicksal träumt, befangen ist von diesem irrealen Zustand, eingewickelt in graue, rote und weiße Stoffbahnen, hinter denen dann Fantasiegestalten wie Männer in weißen Tütüs auftauchen, sie mit solchen Visionen necken; geradezu kontraproduktiv für ein Party-Vergnügen sind rollende Kleiderpuppen in altbackenen, dunklen Ballroben. Sie sollen wohl nach dem Willen von Kostümbildnerin Veronica Silva-Klug einen starken Gegensatz erreichen zu der grotesk übersteigerten, schockrosafarbenen, geschmacklosen Aufmachung der bösen Schwestern samt ihrer in einen grünen Glitzerfummel gehüllten despotischen Mutter.
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Das Ballettmärchen aber beginnt mit Schuhen; Schuhpaare säumen vorne die Bühne von Anika Wieners, darunter die alten Schuhe des verstorbenen Vaters des Mädchens Cinderella. Sie werden von ihr vor dem Zugriff der bösen Stiefmutter gerettet und verwandeln sich später in ein Paar prächtige Ballschuhe durch die Bettlerin, die sich hiermit für die mitleidige Geste des Mädchens bedanken will. Sie sind auch das Mittel, mit dem der „Prinz“, hier ein reicher, junger Mann, die von seiner „Party“ verschwundene Angebetete wieder finden wird. Alles spielt in einer Großstadtgesellschaft von heute, in eher neutralen, nahezu leeren Räumen, die auf einer Seite das Kaminloch für Cinderella zeigen, nach der Drehung auf der Rückseite das Heim des „Prinzen“, der sich in seinem Sessel langweilt. Cinderella, in Latzhose, sportlich und gut gelaunt, wird von ihren grotesken Stiefschwestern, plumpen, künstlich gezierten Wesen, von Männern getanzt, und deren Mutter, die mit ihrem Krückstock alle tyrannisiert, ständig schikaniert. Der von seiner Einsamkeit frustrierte „Prinz“ sucht zur Abwechslung über eine Online-Dating-Agentur, geführt von einer umtriebigen Vermittlerin, Caroline Vandenberg, auf hochhackigen, roten Schuhen daherstöckelnd, eine Partnerin; doch die Angebote, die er per Internet über den Monitor erhält, gefallen ihm nicht. Auch die Diener schalten sich per Smartphone und medial in die Suche ein; schließlich lädt der Prinz zu einer „Party“ ein.

Während die übertrieben schrill aufgepeppten Schwestern samt Mama unangenehm auffallen, sticht Cinderella in ihrem weißen, schlichten Kleid angenehm von ihnen ab; leider aber gelingt ihr der Stepptanz in ihren „Zauber“-Schuhen weder locker noch rhythmisch exakt. Doch das stört den Märchenprinzen wenig, so dass das Traumpaar nach Anprobe des passenden Schuhs schließlich in einem großen Pas de deux zusammenfinden kann. Cinderella, Cara Hopkins, meist lächelnd, tanzt in meist weit ausgreifenden, locker gelenkigen Bewegungen, strahlt körperlich jugendliche Lässigkeit aus und wirkt eigentlich wenig beeindruckt von ihren beiden läppischen, unbeholfenen Stiefschwestern, Davit Bassénz und Aleksey Zagorulko; alle aber stehen unter der Knute der bösen Stiefmutter von Kaori Morito mit ihren trotz Stock beängstigend präzisen Bewegungen. Leonam Santos darf als Prinz vor allem Männlichkeit, Charme, weiche Sprünge und Drehungen einsetzen. Die Diener, allen voran Alessandro Giovine und Felipe Soares Cavalcante, und die Ballgesellschaft, verkörpert vom ganzen Ballettensemble, gefallen durch Spritzigkeit, während die Bettlerin, Camilla Matteucci, eher abwartend agieren muss.
Ungetrübten Genuss aber bereitet die weit gespannte, aussagekräftige Musik Prokofjews, beim Auskosten der breit aufgefächerten Flächen, der tänzerischen Elemente und kürzerer lyrischer Passagen sowie dramatischen Zuspitzungen durch das Philharmonische Orchester Würzburg unter der engagierten Stabführung von Marie Jacquot.
Für die scheidende Ballettdirektorin gibt es von ihren Anhängern langen Beifall und stehende Ovationen; einige Ballettfans aber äußern sich beim Hinausgehen kritisch.
Renate Freyeisen