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Es gibt nicht so viele Opern, die nach 1950 in Deutschland entstanden sind, die Dauer von einer Stunde überschreiten und mehr als 60 Musiker beschäftigen. Da muss man das Wenige, was man hat, schon ordentlich aufpumpen. Ein schönes Beispiel dafür sind Die Soldaten von Bernd Alois Zimmermann. Die einzige vollendete Oper des 1918 in Bliesheim, dem heutigen Erftstadt, geborenen Komponisten wurde 1957 von der Stadt Köln in Auftrag gegeben. Man wollte nicht kleckern, sondern klotzen. Und Zimmermann lieferte. Es wurde ein musikalisch monströses Werk für rund 170 Musiker, mit dem eine eher banale Geschichte in gut zwei Stunden in einer ungewöhnlichen Anordnung abzufeiern ist. Verquast mit allerlei theoretischem Überbau, sorgte die umfangreiche Partitur dafür, dass die Kölner Angst vor der eigenen Courage bekamen. Prompt galt das Werk als „unaufführbar“, ein beliebtes Argument in der Musikgeschichte, wenn es mal ein wenig komplexer wird. Und so sollte es acht Jahre dauern, in denen man dem Komponisten ziemlich übel mitspielte, ehe es der Oper Köln dann am 15. Februar 1965 endlich gelang, die Uraufführung im Opernhaus am Offenbachplatz auf die Bühne zu bringen. Seither schwelgen Schreiberlinge in Superlativen, wenn es um die Einordnung der Oper geht. Vom „Gipfelwerk der Musiktheatergeschichte“ und „einem der größten Werke des Musiktheaters“ ist da zu lesen, um nur zwei von vielen Beispielen zu nennen. Wenn es darum geht zu sagen, was eigentlich das Bedeutsame daran ist, wird die Luft deutlich dünner. Anzahl der Inszenierungen? Unbedeutend. Anzahl der Gassenhauer, die aus der Oper hervorgegangen sind? Null. Zuschauerzahlen? Im Vergleich zu anderen Werken eher unwesentlich. Die Liste ließe sich beliebig lang fortsetzen.
1970 beendete Zimmermann sein Leben. In diesem Jahr wäre er 100 Jahre alt geworden. Die Oper Köln ist wieder angetreten, um die Bedeutsamkeit der Soldaten auf der Bühne erneut zu belegen. Die Voraussetzungen sind denkbar gut. Generalmusikdirektor François-Xavier Roth hat bereits im Vorfeld seiner Freude darüber freien Lauf gelassen, dass das Orchester nun zum ersten Mal in der Ausweichspielstätte zu einem passenden Einsatz käme. Für eine Inszenierung, wie sie sich Zimmermann vorstellte, bietet der frei einrichtbare Raum im Staatenhaus im Kölner Stadtteil Deutz gute Bedingungen. Und mit Carlus Padrissa steht ein Regisseur zur Verfügung, der ausreichende Technik-Kenntnisse für eine multimediale Inszenierung mitbringt.
Dramaturg Georg Kehren hat versucht, die Handlung, die es umzusetzen gilt, in einem Satz zusammenzufassen. „Maria, die Tochter des angesehenen Kaufmanns Wesemer, erliegt der Verführung durch einen skrupellosen Offizier, verliert dabei nicht nur ihren Verlobten Stolzius und ihren guten Ruf, sondern gerät zugleich in eine durch männliche Gewalt bedingte Abwärtsspirale, mündend in eine durch Intrige herbeigeführte soldatische Vergewaltigung, mit der sich ihr endgültiger Absturz besiegelt.“
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Dafür hat Roland Olbeter eine eindrucksvolle Bühnenlandschaft gebaut. Das gewaltige Orchester sitzt zu Füßen des Publikums und nimmt geschätzt mindestens ein Drittel des Raums ein. Zwei Außenstellen sind im oberen Drittel der Tribüne eingerichtet. Zusätzlich kommt eine Jazz-Combo in den beiden Stahlkäfigen zum Einsatz, die rechts und links von der Tribüne hängen. Die Zuschauersitze sind gegen drehbare „Melkschemel“ ausgetauscht. Über allen Köpfen ist eine rundlaufende Balustrade aufgebaut, die nach hinten durch eine schwarzgrau-marmorierte Wand begrenzt ist. Eine ideale Fläche für Projektionen, die von 21 Kameras ausgehen. Oberhalb dieser zweiten Etage gibt es eine dritte Spielfläche hinten links, die ausschließlich für die erste Szene genutzt wird. Damit ist er also aufgebrochen, der Guckkasten der herkömmlichen Bühne. Zumindest in der Theorie. In der Praxis sitzt der Großteil der Zuschauer weiter unbewegt auf dem ungemütlichen Gestühl und schaut nach vorne. Das grenzt schon an Reaktanz. Aber immerhin gibt es auch so genug zu sehen. Denn der Abend ist auf starke Effekte aufgebaut. Dazu gehören die Videos von Marc Molinos und Alberto de Gobbi, denen ihre Kunstfertigkeit anzusehen ist, ohne dass sie sich wirklich erschließen. Andreas Grüter setzt das Licht überwiegend stationenorientiert, ehe er im Finale zeigt, was die Technik kann. Im kalten Schein der Verfolger wirken die Kostüme von Chu Uruz oft unwirklich bis grotesk, aber immer mit Fantasie behaftet. Sofern sie denn erkennbar sind. Denn die Sichtentfernungen sind erheblich, und da bleibt manches Detail auf der Strecke.

Ansonsten ist Opulenz das Stichwort der Stunde. Monitore für die Übertitel gibt es in Hülle und Fülle, an Personal wird zu allerletzt gespart. Die Bühnenarbeiter sind ständig unterwegs, um neue Szenen vorzubereiten oder alte abzuräumen. Nahezu durchgängig ist Bewegung auf dem Rundlauf. Und immer geht es um die Schaffung neuer Spielsituationen.
Da müssen sich überwiegend Debütanten bewähren. Kein Problem, die schauspielerischen Anforderungen bleiben durchaus überschaubar. Emily Hindrichs übernimmt die Rolle der Marie. Und hat damit neben dem Stolzius von Nikolay Borchev aus darstellerischer Sicht sicher am meisten zu leisten. Ihre Vergewaltigung sollte sicher zu den eindrucksvollsten Szenen gehören. Aber gerade da bleibt es beim Mummenschanz. Das ist das Manko bei Padrissa. Es geht um die mediale Darstellung, die Technik, nicht um die Oper. Und so finden starke Szenen nebenbei statt. Trotzdem gestaltet Hindrichs die Rolle sängerisch im Wesentlichen eindrucksvoll. Wobei das vergleichsweise schwierig ist, denn der Gesang ist Zimmermanns Stärke nicht. Gleichförmige Rezitative überwiegen. Dass trotzdem Elise Kaufman immer wieder auftaucht, um die notwendige Soufflage zu liefern, überrascht. Möglicherweise liegt es daran, dass der Großteil des Ensembles sich aus den hauseigenen Sängern zusammensetzt, die eher selten mit neuer Musik in Berührung kommen. Trotzdem sind durch die Bank weg ordentliche Ergebnisse mit hoher Textverständlichkeit zu hören. Stellvertretend für gute Leistungen sollen hier Frank van Hove als Wesener, Judith Thielsen als Maries Schwester, Sharon Kempton als Gräfin de la Roche erwähnt werden. Für ihr großes Engagement ebenfalls zu loben sind die Choristen.
François-Xavier Roth hat nicht zu viel versprochen. Der Raumklang, den er mit seinem Orchester erzeugt, ist überwältigend. Um den zu erzeugen, bedarf es allerdings eines Aufwandes, der allein schon tief beeindruckt. Drei Assistenten – Arne Willimczik, Arnaud Arber und Jordan Gudefin versehen ihre Arbeit hochkonzentriert – braucht Roth, um den Apparat beherrschen zu können. Unzählige Monitore zeigen ihn zudem bei der Arbeit. Zusätzliche Toneinspielungen mischt Paul Jeukendrup in der Klangregie vorzüglich ab. So gelingt dem Orchester, die stilistische Vielschichtigkeit farbenreich und transparent darzustellen.
Die multimediale Leistungsschau endet mit einer Massen-Wichs- und Erhängungsszene. Das Publikum ist erschöpft ob der medialen Reizüberflutung, applaudiert herzlich und rafft sich noch einmal zu enthusiastischem Dank an Roth und sein Orchester auf. Erlebt haben die Besucher ein Werk, das der Zeit seiner Entstehung sicher weit voraus war, vor allem, was die Theatralik angeht. Ob der musikalische Zitaten-Mix in Zwölftontechnik ausreichend Substanz hat, um nachhaltig mehr Menschen als die Liebhaber neuer Musik zu erreichen, bleibt dahingestellt. Die Oper Köln darf sich rot im Kalender anstreichen, zum ersten Mal die Möglichkeiten der Ausweichspielstätte voll ausgespielt zu haben. Auch wenn sie dazu sicher kein „Gipfelwerk der Musiktheatergeschichte“ ausgewählt hat, präsentiert sie ein bombastisches Bonbon, das auch in Zukunft sicher nicht so oft auf welcher Bühne auch immer zu sehen sein wird.
Michael S. Zerban