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Foto © Katja Illner

Morgen heißt Hoffnung

WAIGNEDEH
(Taigué Ahmed)

Besuch am
4. Mai 2018
(Urauf­führung)

 

Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Neulich in der Autowerk­statt. Der Inhaber ist stink­sauer. Er kommt gerade von seinem Reifen­händler, wo eine Aushilfs­kraft ihm Reifen aufge­laden hat. Im Gespräch mit dem gebür­tigen Syrer in fließendem Deutsch erfährt der Werkstattchef, dass die Aushilfs­kraft ein hervor­ragend ausge­bil­deter Lehrer ist. „Hier läuft doch etwas gewaltig schief“, schimpft der KFZ-Meister. Als Vater zweier Kinder ärgert er sich täglich über den Lehrer­mangel in deutschen Schulen. Und am wenigsten versteht der Mann, dem ziemlich egal ist, woher die Leute kommen, so lange sie dahin­kommen, wohin sie gehören, dass der Syrer sogar heilfroh ist, endlich eine Anstellung zu haben. Raus aus dem Lager, weg vom Stigma des Geflüch­teten, da ist der Geruch des Gummis ein Geschenk.

Millionen von Menschen sind auf der Flucht. Ein paar zehntausend haben es sogar bis Deutschland geschafft. Statt freund­licher, christ­licher Aufnahme stranden sie in Flücht­lings­lagern – und landen damit in einer Sackgasse, aus der es kaum noch ein Entkommen gibt. In Deutschland, das einmal für seine funktio­nie­rende Bürokratie berühmt war, ist das peinlich und wird sich hoffentlich alsbald auflösen, um die Geflüch­teten in ein menschen­wür­diges Leben zurück­zu­führen. Denn in diesem Land ist das eher ein Luxus­problem. In afrika­ni­schen Staaten sieht das ganz anders aus. Da leben Menschen in der dritten Generation in Lagern, ohne Rechts­an­sprüche, Perspek­tiven oder Ausbildung.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Taigué Ahmed kommt aus dem Tschad, wurde Tänzer und Choreograf, ist in der Welt zuhause und kümmert sich mit Tanzpro­jekten um die Menschen in den Flücht­lings­lagern. Das klingt erst mal abstrus. Denn was hat das tägliche Elend mit Tanz zu tun? Das werden ihn seine Freunde auch gefragt haben. Aber Ahmed glaubt an die soziale Funktion des Tanzes. Er ist in die Flücht­lings­lager gegangen und hat dort weitere Choreo­grafen ausge­bildet. Wo Kultur Bestandteil des täglichen Lebens wird, gibt es eine Hoffnung auf das Morgen.

Foto © Katja Illner

Morgen – Waignedeh – so nennt Ahmed sein neuestes Stück, das im Tanzhaus NRW zur Urauf­führung kommt. Wer Morgen sagt, glaubt daran, dass es eine Zukunft gibt. Aber um zum nächsten Tag zu kommen, ist notwendig, sich mit dem Jetzt ausein­an­der­zu­setzen. Also erzählt Ahmed Geschichten aus dem alltäg­lichen Lager­leben. Im großen Saal des Tanzhauses sind die Bühnen­wände schwarz abgehängt. Das Licht von Ulrich Eisen­hofer unter­streicht den Tanz mit unauf­fäl­ligen Wechseln, ohne aufre­gende Akzente zu setzen. Orange­farbene Plastik­planen sind zu künst­lichen Hügeln aufge­bauscht. Dafür ist Veronika Schneider verant­wortlich. Und sie hat den fünf Tänzern auch eindrucks­volle Kostüme überge­stülpt. Auf Sackleinen türmt sich eine Maske, die am ehesten wie eine durch Krebs­ge­schwüre entstellte Gasmaske aussieht. So markiert man Aussätzige, Menschen, die aus der Gesell­schaft gefallen sind. Im Laufe der Aufführung werden diese Masken abgelegt. Und darunter kommen sehr gesund ausse­hende, junge Männer zum Vorschein, die die Zukunft gepachtet zu haben scheinen.

Djedonang Aimé, Jamal Noudjingar Theodore, Mintay Charly, Dakanga Hervé und Mahmat Saleh Koumbo erzählen tänze­risch Geschichten, die Ahmed Menschen abgelauscht hat, die im Rahmen der Aufführung auch namentlich genannt werden. In fünf verschiedene Kostüme gekleidet, die die unter­schied­lichen Kulturen Afrikas andeuten, zeigen die Tänzer eine Mischung aus HipHop, Coupé-Décalé und zeitge­nös­si­schem Tanz, indem sie die Planen in ihre Figuren und Bewegungen einbe­ziehen. Vor der Klang­ku­lisse von Benno Heisel werden die schon im Vorfeld Gestrau­chelten gezeigt, dieje­nigen, die versuchen, ihr Schicksal allein zu meistern, wie auch die, die sich in Solida­rität üben. Wertungen lässt Ahmed offen. Was aber alle eint, ist dieses eine Volkslied Oh No Eh, das die alten Zeiten herauf­be­schwört. Hier dürfen sich zu einfachen, eingän­gigen Klängen der Vergan­genheit auch noch mal alle Tänzer in Soli präsen­tieren. Und die Fäuste in die Luft recken. In Afrika, so viel ist klar, würde das Publikum spätestens hier einsteigen, mitsingen und mittanzen. In Düsseldorf gibt es ein weniger aufre­gendes Nachspiel. Hier wird die unerschüt­ter­liche Lebens­freude einge­dampft auf einen Optimismus, dass es auch ein Morgen gibt. Immerhin.

Ob dem Publikum der Ernst, der hinter dieser sehr gelun­genen Aufführung steckt, wirklich klar ist, sei dahin­ge­stellt. Gerade mal ein Drittel des großen Saals ist besetzt, und die Besucher spenden freund­lichen Applaus. Mögli­cher­weise findet dieses Projekt bei den Kopro­du­zenten der Kammer­spiele München und des Centre National de la Danse Paris mehr Widerhall. Wünschenswert wäre es.

Michael S. Zerban

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