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DER BESUCH DER ALTEN DAME
(Friedrich Dürrenmatt)
Besuch am
3. Mai 2018
(Premiere)
Trotz aller Symbolik und Doppeldeutigkeit möchte Friedrich Dürrenmatt sein Stück Der Besuch der alten Dame“ von 1956 eher in „die Richtung von Volksstücken hin“ inszeniert sehen und „den Tiefsinn fahren“ lassen – leichter gesagt als getan. Reicht eine Milliarde für den Tod des Ehemannes Ill? Der Besuch der amerikanischen Milliardärin in dem kleinen deutsch-schweizerischen Grenzdorf Güllen gerät zu einem Gesellschaftsbild mit vielen Schattierungen und gesellschaftlichen Trends. Dabei treten die Güllener Bürger als „Menschen wie wir alle“ auf, als Bürgermeister, Lehrer, Arzt, Pastor … sie trauern eher als zornig zu sein, haben ihren kleinen, bescheidenen Humor, der doch tragisch endet. Da stehen die einfachen Bürger der reichsten Frau der Welt, der Milliardärin gegenüber, die nach Gerechtigkeit sucht, die sie gegenüber dem Vater ihres zu frühen Kindes verlangt. Claire Zachanassian. Auf der Suche nach Gerechtigkeit, ihrer Gerechtigkeit, glaubt sie fest daran, dass sich „alles schon arrangieren“ ließe, wenn, ja, wenn die Dorfgemeinschaft ihrer Forderung folgt: Sie verspricht dem Ort Güllen und seinen Honoratioren eine Milliarde Dollar aus ihrem immensen Vermögen, wenn sie ihr Gerechtigkeit verschafft und ihren Schänder tötet. Empörung, Zurückweisung, Ablehnung, doch dann suchen und finden Claire und die ehrenwerten Männer von Güllen ein Opfer für ihre „totale Rache“, das sie schließlich in Michael Ill finden.
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Die moralische Front bröckelt langsam aber unaufhaltsam, und die Wunschfantasien nähern sich immer mehr dem Realen, dem Möglichen. Das Unglaubliche, Unerhörte, Unzumutbare wird langsam denkbar, zumutbar, konkreter. Die Dorfgemeinschaft wird „schwach wie alle“. Langsam gibt sie der Versuchung nach, und am Schluss ist III tot, auch wenn er eine „schöne Leiche“ abgibt. Im Schlussgetümmel kann Claire grad noch mit großer Geste den Bürgermeister erwischen: „Der Scheck!“ Er reicht, um die ach so feste kleinbürgerliche Moral unter Donnern und Krachen ins Wanken zu bringen. Kumpel-Ehre, Bergmannsethos, auch sie hat nicht stand gehalten, auch sie geht in diesem Jahr zu Ende. Und die Gewerkschaft, die bei der Gründung der Ruhrfestspiele und dem Tausch „Kunst gegen Kohle“ 1947 mit Pate stand, ist häufig nicht wieder zu erkennen.

Dürrenmatt betont „Natürlich ist Güllen überall.“ Und Florian Hirsch, Dramaturg, sieht in Dürrenmatts Kunstwerk „eine gletscherkalt dramaturgische Durchführung“. Entsprechend kühl sind Ausstattung und Aufführung, die Frank Hoffmann in Kooperation der Ruhrfestspiele mit dem Wiener Burgtheater eingerichtet hat. Auf die weitgehend dunkel gehaltene Bühne setzen vor allem die zeitgemäßen Kostüme einige Farbtupfer, ein riesiger Kranhaken schwebt stets drohend über dem Alltag in Güllen, bevor er am Schluss donnernd niederkracht. Schrille, grellfarbige Kostüme heben die Akteure hervor, lediglich Burghart Klaußner in der Rolle des Michael III bleibt in Farben und Auftritt bedeckt. Maria Happel in der Rolle der Claire Zachanassian, extraordinäre „Multi-Milliardärin der Armien-Oil“, reichste Frau der Welt, übernimmt gern und routiniert die Aufgaben des „enfant terrible“ und unterstreicht ihre Rolle als welterfahrene Dame, die dennoch gern „ihre“ Gerechtigkeit kaufen möchte. Die Dorffiguren Bürgermeister Lehrer, Polizist, Arzt und Hofbauer und die Krämersfrau Mathilde sind als Typen gezeichnet und gespielt, zur Freude der Zuschauer. Als leicht rätselhafter Butler, schwarz verhüllt, spielt Hans Dieter Knebel eine etwas undurchsichtige Rolle, die seine frühere Geschichte ein wenig aufhellt: Er war der Oberrichter, der den Vater von Claires Kind von seinen Verpflichtungen freisprach und auch die Zeugen akzeptierte, die immer wieder störend und karikierend auftreten.
Dürrenmatt nennt seine „Alte Dame“ ein „böses Stück“, das „aufs humanste wiedergegeben werden“ muss. Daran haben sich Hoffmann und die Darsteller orientiert, und deshalb bleibt den Zuschauern der traurig-schwarze Schluss der Komödie mit tragischem Beigeschmack im Halse stecken. Erst allmählich löst sich die Trauerstarre im Publikum, das sich dann doch mit wachsendem Beifall und einigen Bravorufe bei Regie und Darstellern bedankt. Beim anschließenden Abschluss-Empfang auf der festlich geschmückten Empore und den Appetit-Reden haben manche Szenen und Sentenzen verblüffende Ähnlichkeit mit dem Alltag in Güllen, diesem fiktiven Ort …
Horst Dichanz