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Foto © Oliver Berg

Mit Glitzer ist alles besser

CENDRILLON
(Jules Massenet)

Besuch am
3. Mai 2018
(Premiere am 14. April 2018)

 

Theater Münster

Das Märchen Aschen­puttel ist ein würdiger Opern­stoff mit einem wunder­baren Happy End. Die italie­nische Belcanto-Vertonung La Cenerentola von Rossini ist bekannter und weltlicher als Massenets franzö­sisch-roman­tische Inter­pre­tation namens Cendrillon, die so unbekannt ist, dass sie in den meisten Opern­führern gar nicht erst aufge­listet wird. Es ist unter anderem der Mezzo­so­pra­nistin Joyce DiDonato zu verdanken, dass in den letzten Jahren das Werk auf dem Spielplan einiger berühmter Häuser aufge­taucht ist. Das Theater Münster wagt sich zeitgleich mit der Metro­po­litan Opera an Cendrillon, und nicht nur die Westfalen können stolz auf das Ergebnis sein, das es in Münster zu sehen gibt.

Bei Regisseur Roman Hoven­blitzer setzt die Handlung bei einer Filmpre­miere von Cinde­rella an. Der Star des Films ist natürlich der heiß begehrte Märchen­prinz, der im Kino, wo die Filmpre­miere statt­findet, das erste Mal auf Lucette, die Tochter des Kinobe­sitzers – Pandolphe – sowie auf deren schrullige Stief­schwestern nebst Stief­mutter trifft, die Lucette Cendrillon rufen. Bühnen­bildner Bernhard Niechotz lässt dabei die Herzen der Lokal­pa­trioten höher­schlagen. Das Kino erinnert an das schöne Schloss­theater, eines der letzten alten Licht­spiel­häuser in Münster. In den Videos von Oliver Berg taucht immer wieder der Erbdros­tenhof auf. Immer wieder vermi­schen sich Film und Bühnen­handlung, perfekt abgestimmt. Das optische Vergnügen wird noch zusätzlich gesteigert durch die wunder­baren Kostüme, ebenfalls von Niechotz. Er verbindet geschickt Klassik und Moderne, Schrilles und Schlichtes. Am Theater Münster wird beim Bühnen­zauber endlich mal wieder nicht gekle­ckert, sondern auf höchstem Niveau geklotzt.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Dazu kommt eine ganz wunderbare Perso­nen­führung, mit der Hoven­blitzer unter der choreo­gra­fi­schen Mitarbeit von Tomasz Zwozniak den Figuren echtes Leben einhaucht. Mit vielen, kleinen Details erzählt er die Handlung, weiß sein Publikum zum Lachen bringen, nimmt aber auch den märchen­haften Charakter ernst. Ein perfektes Beispiel dafür, wie sich die Regie mit der Musik zu einer Einheit verbindet, und auch der Erste Kapell­meister Stefan Veselka mit dem Sinfo­nie­or­chester Münster leisten ihre nötige Arbeit dazu. Dass Massenets Partitur ein echter Ohrwurm fehlt, kompen­sieren Dirigent und Musiker mit einem wunder­baren Fluss dieser schwe­benden Musik. Den melan­cho­li­schen Melodien Cendrillons und des Prinzen stehen der festlich-pompöse Ton des Prinzen­ge­folges sowie das glitzernde Schillern der guten Fee gegenüber. Das Sinfo­nie­or­chester fügt diese Elemente bruchlos inein­ander und spielt sich beinahe in einen franzö­si­schen Rausch, ohne je in übertrie­benen Kitsch zu verfallen.

Foto © Oliver Berg

Der hausei­genen Besetzung gelingt es nicht ganz, auf diesem Niveau mitzu­halten, sie schlägt sich aber sehr achtbar. Da fehlt oft die letzte technische Sicherheit, um die gefor­derte Agilität mit einer auf dem Körper sitzenden Stimme zu verbinden. Das fällt beispiels­weise bei Kathrin Filips Fee auf, deren Spitzentöne oft isoliert und farblos wirken. Ansonsten trifft sie mit ihrem schönen Sopran und auch ihrer feder­leichten Bühnen­er­scheinung den Nerv der guten Strip­pen­zie­herin, die immer wieder den melan­cho­li­schen Grundton mit Glitzer überzieht.  Suzanne McLeods schüttelt die arrogante Stief­mutter, die auf den schönen Namen Madame de la Haltière hört, quasi mit Bravour aus ihrem kleinen Finger heraus und überspielt damit manchen stumpfen Ton. Ihre beiden Töchter Noémie und Dorothée finden in Kristi Anna Isene und Christina Holzinger quirlige Sänge­rinnen. Gregor Dalal, sonst oft der Oberschurke in Münster, darf als liebens­werter Vater Pandolphe einmal zeigen, wie sensibel er singen kann.

Schon oft standen Henrike Jacob und Youn-Seong Shim als verliebtes Paar auf Münsters Bühne und sind daher aufein­ander einge­spielt. Henrike Jacob klingt dabei ausge­ruhter und in sich ruhender als in manchen Produk­tionen zuvor. Ihre Cendrillon wirkt nie aufge­setzt, klingt abgerundet und wunderbar natürlich. Ihre Bühnen­präsenz überzeugt wie eh und je. Daran mangelt es dem Tenor Shim, von dem man sich eine Prise mehr Leiden­schaft gewünscht hätte, der aber ansonsten mit großem Legato dem Prinzen das passende Charisma einhaucht. Zuletzt müssen Chor und Extrachor des Theaters Münster genannt werden, die, vorbe­reitet durch Inna Batyuk, nicht nur großartig singen, sondern auch zeigen, wie hervor­ragend sie spielen, wenn ein Regisseur sie nur vernünftig einbindet.

In der dritten Vorstellung kommt vom Publikum trotz einigen Zwischen­ap­plauses kaum nennens­werte Unter­stützung. Die Leistung der Akteure wird sicherlich anerkannt und gewürdigt, aber man merkt, dass diese Opern­ra­rität eben nicht so ein ohrwurm­reicher Block­buster ist wie andere Werke, die man dafür fast auf jedem Spielplan findet. Umso mehr muss man dem Theater Münster danken, dass es dieses Märchen so funkelnd und detail­liert in Szene gesetzt hat.

Rebecca Hoffmann

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