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Foto © Thilo Beu

Charme des Disruptiven

I DUE FOSCARI
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
6. Mai 2018
(Premiere)

 

Theater Bonn, Opernhaus

Was inter­es­siert einen Opern­re­gisseur heute an einer Episode der venezia­ni­schen Geschichte des 15. Jahrhun­derts so brennend, dass er sich ihrer annimmt? Philipp Kochheim, den Regisseur der Verdi-Oper I due Foscari jetzt in Bonn, jeden­falls so viel, dass er die 1844 für Rom kompo­nierte Tragedia lirica, als politische Lektion ernst nimmt, in die Gegenwart verlegt und allerlei Fäden in die moderne Medien­ge­sell­schaft spinnt. Breaking-news-Attitüden und Abhör­tech­niken inklusive. Politik, so sein roter Faden, war und ist immer auch ein schmut­ziges Geschäft. Was inter­es­siert einen Verdi-Dirigenten par excel­lence wie Will Humburg an diesem Stoff aus jener Phase des jungen Kompo­nisten, die dieser selbst in der Rückschau als seine „Galee­ren­jahre“ bezeichnet? Nun praktisch alles, wie der als GMD in Darmstadt agierende Vollblut­mu­siker mit dem Beethoven-Orchester Bonn unter Beweis stellt. So erlebt das Bonner Haus einen Abschluss seines Zyklus mit frühen Verdi-Opern, der einmal mehr den musika­li­schen Reichtum und die thema­tische Mannig­fal­tigkeit an der Peripherie des Kernre­per­toires belegt. Ach was, zum Erlebnis macht.

Konse­quenz lässt sich dem Theater Bonn im Umgang mit dem frühen Verdi nun wirklich nicht absprechen. Nach den Glanz­zeiten Bellinis, Donizettis und Rossinis in Italien sieht sich der um  Weiter­ent­wicklung der überkom­menen Konven­tionen verlegene Komponist gezwungen, eine neue Ausdrucksform zu finden. An Attila, Giovanna d’Arco und Jérusalem anschließend,  nun also auf der Bonner Bühne ein Drama um Staats­räson und Staats­ver­sagen. Francesco Maria Piave kompi­liert es in seiner ersten Zusam­men­arbeit mit Verdi aus dem langat­migen Epos The Two Foscari des engli­schen Drama­tikers Lord Byron von 1821.

Kochheim begnügt sich nicht damit, für die Schau­plätze des Originals – Palast des Dogen, Staats­ge­fängnis, Piazetta von San Marco – eine neuzeitlich stimmige Archi­tektur zu schaffen. Das gelingt gemeinsam mit Bühnen­bildner Piero Vinci­guerra, Kostüm­bild­nerin Mathilde Grebot und Max Karbe, der für das Licht verant­wortlich zeichnet, auf der Bonne Drehbühne mit zumeist dunkel gehal­tenen Tableaus durchaus, in denen der Schrecken eine Heimstatt hat. Verdis frühe Affinität zu blutrüns­tigen Stoffen und fatalen Biografien, die sein gesamtes Werk durch­zieht, ist hier beklemmend präsent. Dreh- und Angel­punkt der Tragödie ist die irrtüm­liche Verur­teilung des Jacopo Foscari, Sohn des Dogen Francesco Foscari, durch den Kleinen Rat der Stadt­re­publik Venedig wegen eines angeb­lichen Mordes. Als der Draht­zieher der Intrige, Jacopo Loredano, offen­kundig wird und die wahren Umstände des Geschehens sichtbar werden, ist das Verhängnis nicht mehr aufzu­halten. Der Sohn des Dogen stirbt, der alte Foscari bricht unter der Last des Schicksals sterbend zusammen. Schlimm für die Betei­ligten, schön für die Oper.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Kochheims Insze­nierung zeichnet sich durch eine intensive Ausein­an­der­setzung mit den spezi­fi­schen Charak­teren und den seeli­schen Verstri­ckungen der Protago­nisten aus. So lässt er den gealterten Dogen zwischen aufflam­menden letzten Energien und jäher Resignation hin und her tappen. Glaub­würdig und ergreifend. Da liegen Assozia­tionen an die spätere Figur des Philipp im Don Carlos schon sehr nahe. Ob im Finale quer zum Libretto dick aufge­tragen werden muss, indem sich Francesco mit dem Revolver selbst richtet, ist letztlich eine akade­mische Frage. Wesentlich neue Einsichten trans­por­tiert das indes nicht. Jacopo Foscari, der unschuldige Held, agiert zwar nicht ohne Charisma. Empathie seitens des Publikums kann ihm aber nicht wirklich zu Teil werden, da Verlierer – auch die schuld­losen – keine Lobby haben. So scheint Kochheims stille Sympathie einzig der Jacopo-Ehefrau Lucrezia Contarini zu gehören. Sie darf wie eine Löwin gegen das Urteil und seine Folgen ankämpfen. Die Etikette ignorierend, lässt sie der Regisseur auch auf dem Schreib­tisch des Dogen wüten, um ihre Entschlos­senheit zu untermalen.

Was Verdi auf der „Galeere“ seiner musika­li­schen Kreati­vität geschaffen hat und jetzt in Bonn aus dem Orches­ter­graben zu vernehmen ist, geht über das flinke Etikett einer lohnenden „Ausgrabung“ weit hinaus. Mit I due Foscari stößt der gerade 31-jährige Komponist eine Tür zu den Triumphen weit auf, die er mit La Traviata, Macbeth und Don Carlos künftig feiern wird. Eben diese Stücke sind bereits in der Partitur angelegt, die den Kompo­nisten als einen Meister des Disrup­tiven zeigt. Gewiss, wie im Früherfolg Nabucco ist Verdi auch jetzt um pracht­volle Melodien und verblüf­fende Orches­trierung nicht verlegen. Von innova­tiver Kraft  geprägt sind indes eher die Vorspiele zu den einzelnen Akten und die Ensem­ble­nummern. Preludio sowie Intro­du­zione e Barcarola sind mit ihren rabiat wechselnden Stimmungen und Instru­men­tie­rungen wahre Kunst­werke. Dankens­wer­ter­weise bleibt der Vorhang bei beiden Vorspielen geschlossen. Nämliches gilt auch für die eigen­tüm­liche Intro­duktion in den zweiten Satz, quasi ein Auszug aus einem Streich­quartett, das sich in die Oper verirrt hat. Unter den Ensembles gewinnen das Duett Lucrezia und Doge im Finale des ersten Akts und die Kerker­szene des zweiten Aktes bestri­ckende Aura. Letztere ein Monolog, der sich über Duett und Terzett zu einem Quartett steigert und die frühe Souve­rä­nität Verdis in der Beherr­schung  vokaler Linien demons­triert. Eine Souve­rä­nität, von der auch der vorzüglich einge­stellte Chor und Extrachor, einstu­diert von Marco Medved, profitiert.

Foto © Thilo Beu

Eine Kostbarkeit ist die Könner­schaft des Kompo­nisten in der einzig­ar­tigen Verwendung von Leitmo­tiven, die in dieser Form auch bei Verdi einmalig sind. Der Rat der Zehn, gegen deren Macht der Doge nicht bestehen kann, beide Foscaris – ihnen allen gibt Verdi mit Leitideen in unter­schied­licher Orches­trierung ein spezi­elles Profil. Die tinta, die Farbe, dieser Oper erwächst zudem aus dem Lokal­ko­lorit, das Verdi aus den Gesängen der Gondo­lieri und dem Gewoge der Wellen in den Kanälen der Lagunen­stadt ableitet. Das alles bringt ein leiden­schaftlich agierender Humburg mit dem Beethoven-Orchester prächtig zur Geltung.

Die Solisten in den drei Haupt­partien arron­dieren den vorzüg­lichen musika­li­schen Gesamt­ein­druck durch engagierte Einzel­leis­tungen. Lucio Gallo beherrscht in der Herrscher- und Vater­rolle des Francesco Foscari die Szene mit seinem ausdrucks­starken, fein nuancierten Bariton. Felipe Rojas Velozo ist als Jacopo Foscari mehr als präsent, weil er mit seinem stets leicht metal­lisch klingenden, robusten Tenor zu ständiger Parforce neigt. Immerhin zeichnet sich sein Spiel durch eine große emotionale Ausdrucks­pa­lette aus. Anna Princeva meistert die wahrlich fordernde Partie der Lucrezia mit Vehemenz und einem langen Atem, der die vor dem kurzen Schlussakt einge­baute Pause plausibel erscheinen lässt. Ihr höhen­si­cherer Sopran glänzt auch in den Kolora­turen. So avanciert die Russin zur prima donna, zum Star des Geschehens und des Abends, was sich auch an der Publi­kums­re­aktion ablesen lässt. Die weiteren Partien sind mit Ava Gesell als Pisana, Christian Georg als Senator Barbarigo und vor allem Leonard Bernad als Jacopo Loredano, Gegen­spieler des Dogen, adäquat besetzt. Bernad spielt und intoniert den skrupel­losen Machia­vel­listen mit jenem Hauch an Verschla­genheit, die diese Figur zeitlos inter­essant und exempla­risch macht. Georg muss von dem üblen Loredano einiges einstecken, macht das aber mit seinem angenehmen Tenor mehr als wett.

Das Publikum belohnt Sänger­dar­steller und Choristen, dann Humburg und damit das Orchester mit lebhaftem, von allerlei bravi-Rufen durch­setztem Beifall. Die akustische Anerkennung gilt am Ende auch dem Regieteam. Vielleicht ist ja auch schon Verdi-Vorfreude der Besucher mit im Spiel. In der kommenden Spielzeit soll die Theater­am­bition der Helmich-Intendanz mit Werken aus der mittleren Schaf­fens­pe­riode des Kompo­nisten weiter­ge­führt werden. Les Vêpres Sicili­ennes, 1855 im Stil der Grand Opéra für Paris geschrieben, wird dann in der Insze­nierung David Pountneys auf dem Spielplan stehen. On est curieux.

Ralf Siepmann

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