O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
DER BARBIER VON SEVILLA
(Gioachino Rossini)
Besuch am
13. Mai 2018
(Premiere)
Gioacchino Rossinis beliebte Commedia Der Barbier von Sevilla lockt das Publikum seit der Uraufführung 1816 immer wieder ins Theater. Denn Musik wie Handlung garantieren spritzige Unterhaltung. Der Motor des Ganzen, die Musik, treibt die Handlung voran. Dass alles vom Komponisten in größter Eile geschrieben wurde, das Libretto von Cesare Sterbini noch nicht fertig war, die Oper aber innerhalb von dreizehn Tagen instrumentiert sein musste, merkt man nicht. Dennoch strahlt sie eine gewisse Hektik aus, denn sie spielt an einem Tag und endet in der Nacht in einem Happyend, an das man nicht unbedingt glauben muss. Denn ob dieser Hallodri von Adel, der Graf Almaviva, die nach Höherem strebende Rosina, äußerlich ein Goldstück, innerlich eine Schlange, wirklich glücklich macht, ist die Frage; immerhin wird sie durch die listig arrangierte und dokumentierte Heirat zur Gräfin.
Dieses Melodramma buffo aber verleitet oft zu Übersteigerungen und zu Klamauk. Das gefällt vielen, weil es Lacher provoziert und davon ablenkt, dass hinter der ganzen turbulenten Handlung, die von Rossini musikalisch genial auch ironisiert, also nicht ganz ernst genommen wird, doch eine reale Aussage steckt: Diese Welt des Trubels und der Betrügereien wird gelenkt durch Geld und Korruption. Figaro, der Hansdampf in allen Gassen, handelt nur gegen Bares, und auch der intrigante Don Basilio, gescheiterter Musiklehrer und angeblicher „Freund“ des Doktor Bartolo, lässt sich bestechen durch Almaviva, deckt dessen Verkleidung also nicht auf, hofft auf weitere „Bezahlung“. Mit derselben Methode wird Diener Ambrosio stillgehalten, und auch das Volk der feiernden Männer, die Nutten und eine schwangere Mutter funktionieren nach dem Willen Almavivas, wenn sie Geld bekommen. Auch das Militär lässt sich von ihm beeindrucken, steht starr vor ihm stramm wegen seiner gesellschaftlich hohen Stellung, verhaftet ihn nicht, auch wenn die Uniform-Verkleidung dazu zwänge.
An der Staatsoper Nürnberg versetzt Josef Ernst Köpplinger, der Intendant des Münchner Gärtnerplatztheaters, die Aufführung in die letzte Ära der Franco-Diktatur in Spanien, also in die 1960-er Jahre. So lustig wie in der Oper ging es damals nicht zu. Aber dieser Epoche entsprechen die gelungenen Kostüme von Gabriele Heimann, vor allem die Kleider von Rosina. Der ernste Hintergrund dieser Zeit wird eigentlich aufgebrochen durch die vielen, vielleicht allzu vielen Einfälle des Regisseurs, die die Szene beleben sollen. Manchmal im Übermaß. So sind die „Damen“ des Gewerbes aus dem Eros-Center im Erdgeschoss des Wohnhauses von Bartolo ständig unterwegs, Pfarrer gehen dort ein und aus, die Männer vom Dorffest tragen Tier-Masken, ohne dass deren Sinn so recht klar wird; die Einquartierung des Militärs im Haus des Dottore ist im Grund ein fröhliches Durcheinander, in dem Papiere, Wäsche, Gegenstände nur so herumfliegen, ohne dass hier gezeigt wird, dass in einem solchen Moment Besitz und Privatsphäre nichts mehr gelten. Alles ist nur komisch. Auch der Gewittersturm schreckt niemanden ernsthaft; es ist lustig anzuschauen, wie Schirme deformiert werden, Menschen hinfallen, vieles weggeweht wird und Diener Ambrosio im schwankenden Obergeschoss auf der schiefen Ebene hin- und hergetrieben wird. Dass das Gewitter als Zäsur, als Wendepunkt in der Handlung verwendet wird, bleibt kaum haften. Auch dass Musiklehrer Basilio im Klerikergewand auftritt, ebenso sein falscher „Stellvertreter“ Don Alonso alias Almaviva, wirkt irgendwie seltsam, vor allem dauernd mit Birett auf dem Kopf. Als abgesetzter Priester wird er die Soutane kaum mehr tragen dürfen. Die Heirats-Beurkundung am Schluss findet irgendwie formlos-nebensächlich durch einen greisen Notar statt, der sich nicht auf den Balkon hinaufbemühen muss, sondern die Urkunden lediglich hinaufreicht zum Unterschreiben. Während das Durcheinander bei der Ankunft der Soldaten im Haus des Dottore in ein Chaos mündet, das sich im Gegensatz zur turbulenten Musik nicht steigert zur Verrücktheit, wobei die Hauptakteure vorne an der Rampe singen – was in dieser Inszenierung frontal zum Publikum gewendet übrigens öfter passiert – ist der Freudenchor des Militärs mit dem Hochzeitspaar auf den Schultern der Soldaten ein passendes Ende, bei dem die Beschwörung von Liebe und ewiger Treue sicher ein frommer Wunsch bleiben wird.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Natürlich tragen andere kleine Szenen durchaus zur Auflockerung bei, etwa das groteske Metzger-Paar samt Tochter, allerdings mehrmals zu sehen, auch dass Figaro auf einer Vespa hereinbraust und Basilio mit dem Fahrrad kommt, Haushälterin Berta heimlich auf dem Balkon raucht und auf die ihr anvertraute Rosina nur nachlässig aufpasst. Wenn allerdings Diener Ambrosio mit dem Skelett spielt, die Katze aus dem Fenster wirft oder ständig ein Bild abstaubt, sind das nur nett gemeinte Gags. Jedenfalls hätte das Profil der Personen mehr Konturierung vertragen. So erscheint Doktor Bartolo weder greisenhaft noch griesgrämig oder körperlich unattraktiv; auch dass er geldgierig auf das Vermögen seines Mündels Rosina schielt, wird nicht recht klar. Bartolo ist hier ein älterer, bürgerlicher Mann mit einem allzu trotteligen Diener, Dieter Fernengel, an seiner Seite. Rosina ist äußerlich nett, lässt aber ihre durchtriebenen Seiten zu wenig spüren. Auch Figaro ist hier kein Haarkünstler, auch wenn er solches behauptet und deshalb Zugang in alle Häuser hat; er ist ein junger, äußerst wendiger Bursche mit Charisma, ständig hinter dem Geld her, ohne große Rücksicht auf die Befindlichkeit der anderen, achtet nur auf den Erfolg seiner verwickelten Planungen und spontanen Eingebungen. Die auch negativen Seiten dieser Figur werden kaum sichtbar.
Alles spielt im Bühnenbild von Harald Thor mit zwei etwas heruntergekommenen Häusern und einer Gasse dazwischen; die Drehung der Außenmauern lässt ins Innere blicken. Die zwei Häuser sind offenbar die Wohnsitze des Dottore; im linken befindet sich das Wohnhaus mit dem berühmten Balkon mit Wäscheständer, auf dem sich die besungene Rosina endlich zeigen soll. Seltsamer Weise ist unten ein rot blinkender Eros-Club angesiedelt – wie soll das zu einem verklemmten oder sittenstrengen Dottore passen? Wenn man ins Innere dieses Hauses blickt, sieht man im Erdgeschoss das Wohnzimmer, im ersten Stock das Zimmer der Rosina mit Durchgang zum Büro, alles erreichbar über eine Wendeltreppe. Schwierig wird’s, wenn da von außen jemand hineinwill; dann muss ein Gerüst mit Bauarbeitern herangeschoben werden, über das etwa Figaro hinaufgelangt. Im Nachbargebäude befindet sich die Praxis des Doktors mit dem Gerippe und dem Behandlungsstuhl, und auf dem Dach die wackelige Behausung des Dieners.
Dass die Oper immer mitreißt, liegt an der spritzigen, wunderbaren Musik Rossinis, der man die eilige Entstehung gar nicht anmerkt. Schon während der Ouvertüre, die der Komponist aus Zeitmangel schon vorhandenem Material für zwei ernste Opern entnahm, zeigt die Staatsphilharmonie Nürnberg unter Volker Hiemeyer mit sonnigen Farben, feinen Flächen, einem herrlichen Oboen-Solo und einer mächtig auftrumpfenden Stretta, wie viel Freude es ihr macht, Rossinis geistreiche, quirlige, augenzwinkernde Musik vergnüglich und plastisch darzubieten. Auch der Männerchor, einstudiert von Tarmo Vaask, beweist fein abgestuftes Singen, selbst wenn er noch so sehr auf der Bühne herumwirbeln muss als Volk oder Soldaten.

Ein bisschen enttäuscht aber ist man von Martin Platz als Almaviva; er bemüht sich sehr, den Verführer zu geben, wirkt aber eher jugendlich unbekümmert als Privilegierter durch Geld und Stellung. Sein heller, flacher, oft etwas kehliger Tenor erreicht zwar die Höhen mühelos, muss sich aber bei den geforderten lockeren Koloraturen hörbar anstrengen; ihm hätte man mehr lyrischen Schmelz gewünscht. Ida Aldrian als seine angebetete Rosina bewegt sich kokett, kapriziös und etwas respektlos; ihr heller, höhensicherer, in den Tiefen nicht allzu runder Sopran wirkt bei den Verzierungen der bekannten Antrittsarie Una voce poco fa noch recht manieriert in den Betonungen, steigert sich aber im Verlauf der Oper und gestaltet vor allem die Liebesschwüre während des „Musikunterrichts“ schön ironisch als Vergebliche Vorsicht . Berühmt ist die Auftrittsarie des Figaro mit ihrem immer rasanteren, zungenbrecherischen Parlando. Ludwig Mittelhammer absolviert sie mit Schwung und erweist sich im Verlauf des Spiels als pfiffiger, sehr agiler Antreiber aller intriganten Finessen, natürlich nur mit Geldspritze, und sein nicht allzu großer, wohlklingender Bariton überzeugt mit flexibler Gestaltung. Jens Waldig stellt mit seinem runden, etwas weich geführten Bass einen Doktor Bartolo dar, der von sich selbst überzeugt ist, wie seine Arie A un dottore … zeigt, der aber keinen Durchblick in der Welt hat. So wird er auch von Don Basilio hereingelegt, dem Nicolai Karnolsky nicht nur in der berühmten Verleumdungsarie durch seinen herrlich profunden, starken Bass großen Nachdruck verleiht. Auch Petro Ostapenko als Fiorillo überzeugt mit angenehmem Bass, und Eun-Joo Ham lässt als recht eigenwillige Berta aufhorchen durch ihre runde, wohlklingende Stimme bei ihrer Klage über die Liebe, die alle verrückt macht.
Nach der eilig geschlossenen Ehe und dem sogar versöhnlichen Ende für Bartolo gibt es vom Publikum im ausverkauften Haus langen Beifall mit vielen Bravos für die lustige Unterhaltung. Wie man diese herrliche musikalische Komödie auch als stimmiges Amüsement ohne viel Klamauk darbieten kann, führt derzeit das Mainfranken-Theater in Würzburg eindrucksvoll vor.
Renate Freyeisen