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Der Osten ist rot“, so der Beginn eines Preisliedes auf Mao Tse-tung, Chinas Machthaber, dem Millionen von Menschen zum Opfer fielen. In der fulminanten Inszenierung der Oper von John Adams Nixon in China im Mainfranken-Theater in Würzburg ist die Bühne ständig wirklich in Rot getaucht, und am Schluss, im dritten Akt, tragen alle Mitwirkenden auch Rottöne in irgendeiner Facette. Das ist vielleicht ein Hinweis von Regisseur Tomo Sugao, wer am Ende die Macht hat, mit allen, auch negativen Vorzeichen.
Dass aber dieses Werk, am 22. Oktober 1987 in Houston, Texas, uraufgeführt, das auf dem historischen Besuch des umstrittenen amerikanischen Präsidenten Richard Nixon bei Mao Tse-tung in der vorher verschlossenen Volksrepublik China basiert und die damaligen Ereignisse von 1972 aufgreift, die Landung auf dem Flughafen von Peking, den Empfang durch Premierminister Chou En-lai, das Treffen Nixons und seines Außenministers Kissinger mit Mao, die Aufführung der Revolutionsoper des roten Frauenbataillons, als brutaler Albtraum empfunden von Präsidentengattin Pat, heute wieder Gedanken dazu weckt, was die geplante Begegnung zwischen Amerikas unberechenbarem Präsidenten Trump und Nordkoreas Diktator Kim wohl bringt, zeigt, dass die Thematik, die Konfrontation so divergierender Kulturen und Systeme, des Ostens und des Westens, hoch aktuelle Brisanz besitzt, zumal alles vor dem drohenden Szenario eines Atomkriegs stattfindet und auch ein Handelskrieg vermieden werden muss. Und der Schluss wirft bei den Erinnerungen an die „Gespenster der Vergangenheit“ die Frage auf, was am Handeln der Staatslenker wohl gut gewesen sei.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Zu diesem untergründig nervösen Szenario passt bestens die Musik von John Adams, Minimal Music, pulsierend, irritierend durch ihre ständigen Wiederholungen, die aber immer wieder minimal verändert und rhythmisch äußerst vertrackt sind; die Gesangslinien sind nie atonal, überfordern die Stimmen nicht und erscheinen so für den Hörer relativ angenehm. Denn der 1947 geborene Komponist lehnte mit seinem Musikstil die moderne europäische Avantgarde nach Schönberg ab, die er für unsingbar hielt; er betonte dagegen: „Ich liebe mein Publikum!“. Mit den Gesangslinien, die beim Chor auch manchmal an Sprechgesang erinnern, und dem Orchesterpart für die einzelnen Szenen teilt er Emotionen und verdeckte Gedanken mit. In seinem verkleinerten Orchester dominiert das Blech, es gibt keine Holzbläser wie das Fagott, dafür Klavier und Keyboard. Sein Sound ist vielschichtig, arbeitet mit speziellen Klangfarben und vermengt in den Prinzipien der Minimal Music auch Anklänge an traditionelle europäische Musik.
Dass die auf ähnliche, repetierte Klangmuster reduzierte Musik in der Oper keine Langeweile hervorruft und dass die scheinbar tagesaktuelle politische Handlung nicht banal rüberkommt, dafür sorgt das Regieteam in bemerkenswert gelungener Weise. Denn es wird nicht die Szenerie, sondern die Musik bebildert, alles in ein eigenes, sich ständig veränderndes Bewegungssystem übertragen, wie Bühnenbildnerin Julia Katharina Berndt hervorhebt; sie orientiert sich an der Raumkunst des bekannten chinesischen Künstlers Ai Wei Wei. Die dominierende Farbe für die Tür-Elemente mit Längs-Lamellen ist Rot; sie öffnen und schließen sich dauernd zu Wänden auf der Drehbühne, schaffen so neue Räume, Assoziationen und Raumfluchten, und am Ende wecken sie auch Erinnerungen an die Trümmer des World Trade Center von 9⁄11. Wenige Requisiten wie etwa ein Bett deuten Zimmer an, Kreuze lassen an Schlachtfelder denken oder Urnen an Gräber. Die Kostüme von Pascal Seibicke charakterisieren die Amerikaner auch durch die Hüte als Cowboys, die First Lady wird durch die Erfahrungen und Konfrontation mit der chinesischen Kultur immer mehr zur braven Hausfrau, während die Chinesen in ihren einheitlichen Anzügen und schwarzen Perücken immer als nicht unterscheidbare Masse auftreten. Die Großtaten der zwei Nationen werden bei den Amerikanern durch Astronauten, bei den Chinesen durch arbeitende Bauern und das in Brutalität ausufernde „rote Frauenbataillon“ der Mao-Gattin Chiang Ch’ing hervorgehoben, bis dann im langen Marsch der „vergangenen Helden“ im dritten Akt ein Rundumschlag durch alle möglichen Geschichtsepochen und Kulturen von historischen Gestalten in ständig der gleichen Richtung erfolgt; nur Kissinger geht in die entgegen gesetzte Richtung. Mit dem letzten verschwebenden Einzelton endet so ein verstörender Blick in die Zukunft, denn Rot ist neben der Farbe für linke politische Ideologien auch die des Blutes und der Zerstörung von Leben.

Alles ist ständig in Bewegung, zumal die Hauptfiguren durch Balletttänzerinnen und ‑tänzer gedoppelt werden, besonders eindrucksvoll dabei Davit Bassénz als Mao und Kaori Morito als seine Frau. Für diese die Musik verstärkende Choreografie zeichnet die Japanerin Yo Nakamura verantwortlich, und sie lässt auch alle Beteiligten ausgefallene Körpergesten vollführen, inspiriert von Pop- und Manga-Figuren. Auch dass Mao ständig von seinen drei Sekretärinnen bestätigt wird, die mit erotisch-eleganten Bewegungen um ihn herumtanzen und noch dazu sehr harmonisch singen, nämlich Barbara Schöller, Marzia Marzo und Hiroe Ito, trägt zum belebenden Eindruck bei. Außerdem werden Schnee, Regen, Erde oder als Warnung im zweiten Akt ein Atom-Pilz auf die roten Tor-Elemente projiziert durch die passende Lichtregie von Roger Vanoni, was die Abwechslung noch steigert. Auch „kleinere“ Details wie den berühmten Handschlag zwischen dem amerikanischen Präsidenten und den chinesischen Führern beachtet die Regie, indem sie das Ganze wie eine gewaltsame Überrumpelung aussehen lässt. Dass der Besuch der Oper für Pat Nixon in einen Albtraum mündet, beweist einerseits ihre Ahnungslosigkeit, enthüllt aber den wahren Charakter dieses Standardwerks der chinesischen „Revolution“, durch die Millionen von Menschen ums Leben kamen. Dass auch Nixon als quasi „naiver“ Westler nach China kommt, in diese für ihn fremde Welt, nichts davon wirklich versteht, weil er als Geschäftsmann nur den künftigen materiellen Gewinn sieht, wird in dieser Inszenierung ebenso deutlich wie der Umstand, dass Mao ein brutaler Macho ist, der seine Frau schlägt, der das nur mit einem philosophischen Mäntelchen kaschiert, und dass sein Premierminister von ihm abhängig ist.
Zu bewundern aber ist, wie die Sängerinnen und Sänger dieses Werk überzeugend umsetzen. Daniel Fiolka ist anfangs noch ein selbstbewusster kapitalistischer Politiker Nixon im eleganten Mantel, wird immer unsicherer, bis er im dritten Akt im Superman-Kostüm den Überlegenen nur spielt, aber von Angstvisionen geplagt wird; auch Pat Nixon wandelt sich von der schicken Lady zum Cowgirl und schließlich zur biederen Hausfrau in Kittelschürze. Fiolka als Präsident aber beeindruckt mit seinem schönen, großen, geschmeidigen Bariton, und Silke Evers als Pat vermag mit ihrem vollen, strahlenden Sopran ebenso zu begeistern. Dass der Text des Librettos von Alice Goodman teilweise poetisch ist, teilweise auch wirklich Gesagtes oder Maos Worte aus der roten „Bibel“ enthält, manchmal richtig Parterres äußert, gehört zur verwirrenden Realität des Stoffes. Zur amerikanischen Delegation zählt auch Henry Kissinger, von Bryan Boyce mit sicherem, starken Bass als etwas starre Figur gegeben. Auf der Seite der Chinesen verkörpert, frappierend ähnlich im Äußeren, Paul Mc Namara den Vorsitzenden Mao, und seine von viel Elan getragene Stimme verstärkt noch die latente Bedrohlichkeit dieser Figur. Mit etwas weicher, aber kräftiger Stimme singt Taiyu Uchiyama den machtlosen Premierminister Chou En-lai, während die äußerst bewegliche Akiho Tsujii als Madame Mao mit hellem, höhensicherem Sopran jede Menge verbrecherische Energie verströmt, am Schluss aber als zierliche Tänzerin an ihre vergangene Karriere als Revuestar erinnert. Eindrucksvolle Leistungen in ihrer stets lebendigen Darstellung der Volksmassen und ihren wechselnden Aufgaben sowie in der feinen stimmlichen Darbietung vollbringen auch Chor und Extrachor des Mainfranken-Theaters, einstudiert von Anton Tremmel. Und Dirigent Enrico Calesso, der sich diese Oper ausdrücklich gewünscht hat, kann voll zufrieden sein mit seinem Philharmonischen Orchester, denn die Musiker folgen seinen Impulsen gerne und bewältigen die Herausforderung der ungewohnten Komposition souverän.
Deshalb ist es auch mehr als recht und billig, dass das Orchester nach dem letzten Ton zum Schlussbeifall auf die Bühne gebeten und vom Premierenpublikum im nicht ganz ausverkauften Haus ausgiebig gefeiert wird; auch alle anderen Mitwirkenden und das Regieteam werden nach diesem spektakulären Abend mit langem Jubel und vielen Bravos geehrt.
Renate Freyeisen