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Rote Zukunft

NIXON IN CHINA
(John Adams)

Besuch am
19. Mai 2018
(Premiere)

 

Mainfranken-Theater Würzburg

Der Osten ist rot“, so der Beginn eines Preis­liedes auf Mao Tse-tung, Chinas Macht­haber, dem Millionen von Menschen zum Opfer fielen. In der fulmi­nanten Insze­nierung der Oper von John Adams Nixon in China im Mainfranken-Theater in Würzburg ist die Bühne ständig wirklich in Rot getaucht, und am Schluss, im dritten Akt, tragen alle Mitwir­kenden auch Rottöne in irgend­einer Facette. Das ist vielleicht ein Hinweis von Regisseur Tomo Sugao, wer am Ende die Macht hat, mit allen, auch negativen Vorzeichen.

Dass aber dieses Werk, am 22. Oktober 1987 in Houston, Texas, urauf­ge­führt, das auf dem histo­ri­schen Besuch des umstrit­tenen ameri­ka­ni­schen Präsi­denten Richard Nixon bei Mao Tse-tung in der vorher verschlos­senen Volks­re­publik China basiert und die damaligen Ereig­nisse von 1972 aufgreift, die Landung auf dem Flughafen von Peking, den Empfang durch Premier­mi­nister Chou En-lai, das Treffen Nixons und seines Außen­mi­nisters Kissinger mit Mao, die Aufführung der Revolu­ti­onsoper des roten Frauen­ba­taillons, als brutaler Albtraum empfunden von Präsi­den­ten­gattin Pat, heute wieder Gedanken dazu weckt, was die geplante Begegnung zwischen Amerikas unbere­chen­barem Präsi­denten Trump und Nordkoreas Diktator Kim wohl bringt, zeigt, dass die Thematik, die Konfron­tation so diver­gie­render Kulturen und Systeme, des Ostens und des Westens, hoch aktuelle Brisanz besitzt,  zumal alles vor dem drohenden Szenario eines Atomkriegs statt­findet und auch ein Handels­krieg vermieden werden muss. Und der Schluss wirft bei den Erinne­rungen an die „Gespenster der Vergan­genheit“ die Frage auf, was am Handeln der Staats­lenker wohl gut gewesen sei.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Zu diesem unter­gründig nervösen Szenario passt bestens die Musik von John Adams, Minimal Music, pulsierend, irritierend durch ihre ständigen Wieder­ho­lungen, die aber immer wieder minimal verändert und rhyth­misch äußerst vertrackt sind; die Gesangs­linien sind nie atonal, überfordern die Stimmen nicht und erscheinen so für den Hörer relativ angenehm. Denn der 1947 geborene Komponist lehnte mit seinem Musikstil die moderne europäische Avant­garde nach Schönberg ab, die er für unsingbar hielt; er betonte dagegen: „Ich liebe mein Publikum!“.  Mit den Gesangs­linien, die beim Chor auch manchmal an Sprech­gesang erinnern, und dem Orches­terpart für die einzelnen Szenen teilt er Emotionen und verdeckte Gedanken mit. In seinem verklei­nerten Orchester dominiert das Blech, es gibt keine Holzbläser wie das Fagott, dafür Klavier und Keyboard. Sein Sound ist vielschichtig, arbeitet mit spezi­ellen Klang­farben und vermengt in den Prinzipien der Minimal Music auch Anklänge an tradi­tio­nelle europäische Musik.

Dass die auf ähnliche, repetierte Klang­muster reduzierte Musik in der Oper keine Lange­weile hervorruft und dass die scheinbar tages­ak­tuelle politische Handlung nicht banal rüber­kommt, dafür sorgt das Regieteam in bemer­kenswert gelun­gener Weise. Denn es wird nicht die Szenerie, sondern die Musik bebildert, alles in ein eigenes, sich ständig verän­derndes Bewegungs­system übertragen, wie Bühnen­bild­nerin Julia Katharina Berndt hervorhebt; sie orien­tiert sich an der Raumkunst des bekannten chine­si­schen Künstlers Ai Wei Wei. Die dominie­rende Farbe für die Tür-Elemente mit Längs-Lamellen ist Rot; sie öffnen und schließen sich  dauernd zu Wänden auf der Drehbühne, schaffen so neue Räume, Assozia­tionen und Raumfluchten, und am Ende wecken sie auch Erinne­rungen an die Trümmer des World Trade Center von 911. Wenige Requi­siten wie etwa ein Bett deuten   Zimmer an, Kreuze lassen an Schlacht­felder denken oder Urnen an Gräber. Die Kostüme von Pascal Seibicke charak­te­ri­sieren die Ameri­kaner auch durch die Hüte als Cowboys, die First Lady wird durch die Erfah­rungen und Konfron­tation mit der chine­si­schen Kultur immer mehr zur braven Hausfrau, während die Chinesen in ihren einheit­lichen Anzügen und schwarzen Perücken immer als nicht unter­scheidbare Masse auftreten. Die Großtaten der zwei Nationen werden bei den Ameri­kanern durch Astro­nauten, bei den Chinesen durch arbei­tende Bauern und das in Bruta­lität ausufernde „rote Frauen­ba­taillon“ der Mao-Gattin Chiang Ch’ing hervor­ge­hoben, bis dann im langen Marsch der „vergan­genen Helden“ im dritten Akt ein Rundum­schlag durch alle möglichen Geschichts­epochen und Kulturen von histo­ri­schen Gestalten in ständig der gleichen Richtung erfolgt; nur Kissinger geht in die entgegen gesetzte Richtung. Mit dem letzten verschwe­benden Einzelton endet so ein verstö­render Blick in die Zukunft, denn Rot ist neben der Farbe für linke politische Ideologien auch die des Blutes und der Zerstörung von Leben.

Foto © Nik Schölzel

Alles ist ständig in Bewegung, zumal die Haupt­fi­guren durch Ballett­tän­ze­rinnen und ‑tänzer gedoppelt werden, besonders eindrucksvoll dabei Davit Bassénz als Mao und Kaori Morito als seine Frau. Für diese die Musik verstär­kende Choreo­grafie zeichnet die Japanerin Yo Nakamura verant­wortlich, und sie lässt auch alle Betei­ligten ausge­fallene Körper­gesten vollführen, inspi­riert von Pop- und Manga-Figuren. Auch dass Mao ständig von seinen drei Sekre­tä­rinnen bestätigt wird, die mit erotisch-eleganten Bewegungen um ihn herum­tanzen und noch dazu sehr harmo­nisch singen, nämlich Barbara Schöller, Marzia Marzo und Hiroe Ito, trägt zum belebenden Eindruck bei. Außerdem werden Schnee, Regen, Erde oder als Warnung im zweiten Akt ein Atom-Pilz auf die roten Tor-Elemente proji­ziert durch die passende Licht­regie von Roger Vanoni, was die Abwechslung noch steigert. Auch „kleinere“ Details wie den berühmten Handschlag zwischen dem ameri­ka­ni­schen Präsi­denten und den chine­si­schen Führern beachtet die Regie, indem sie das Ganze wie eine gewaltsame Überrum­pelung aussehen lässt. Dass der Besuch der Oper für Pat Nixon in einen Albtraum mündet, beweist einer­seits ihre Ahnungs­lo­sigkeit, enthüllt aber den wahren Charakter dieses Standard­werks der chine­si­schen „Revolution“, durch die Millionen von Menschen ums Leben kamen. Dass auch Nixon als quasi „naiver“ Westler nach China kommt, in diese für ihn fremde Welt, nichts davon wirklich versteht, weil er als Geschäftsmann nur den künftigen materi­ellen Gewinn sieht, wird in dieser Insze­nierung ebenso deutlich wie der Umstand, dass Mao ein brutaler Macho ist, der seine Frau schlägt, der das nur mit einem philo­so­phi­schen Mäntelchen kaschiert, und dass sein Premier­mi­nister von ihm abhängig ist.

Zu bewundern aber ist, wie die Sänge­rinnen und Sänger dieses Werk überzeugend umsetzen. Daniel Fiolka ist anfangs noch ein selbst­be­wusster kapita­lis­ti­scher Politiker Nixon im eleganten Mantel, wird immer unsicherer, bis er im dritten Akt im Superman-Kostüm den Überle­genen nur spielt, aber von Angst­vi­sionen geplagt wird; auch Pat Nixon wandelt sich von der schicken Lady zum Cowgirl und schließlich zur biederen Hausfrau in Kittel­schürze. Fiolka als Präsident aber beein­druckt mit seinem schönen, großen, geschmei­digen Bariton, und Silke Evers als Pat vermag mit ihrem vollen, strah­lenden Sopran ebenso zu begeistern. Dass der Text des Librettos von Alice Goodman teilweise poetisch ist, teilweise auch wirklich Gesagtes oder Maos Worte aus der roten „Bibel“ enthält, manchmal richtig Parterres äußert, gehört zur verwir­renden Realität des Stoffes. Zur ameri­ka­ni­schen Delegation zählt auch Henry Kissinger, von Bryan Boyce mit sicherem, starken Bass als etwas starre Figur gegeben. Auf der Seite der Chinesen verkörpert, frappierend ähnlich im Äußeren, Paul Mc Namara den Vorsit­zenden Mao, und seine von viel Elan getragene Stimme verstärkt noch die latente Bedroh­lichkeit dieser Figur. Mit etwas weicher, aber kräftiger Stimme singt Taiyu Uchiyama den macht­losen Premier­mi­nister Chou En-lai, während die äußerst beweg­liche Akiho Tsujii als Madame Mao mit hellem, höhen­si­cherem Sopran jede Menge verbre­che­rische Energie verströmt, am Schluss aber als zierliche Tänzerin an ihre vergangene Karriere als Revuestar erinnert. Eindrucks­volle Leistungen in ihrer stets leben­digen Darstellung der Volks­massen und ihren wechselnden Aufgaben sowie in der feinen stimm­lichen Darbietung vollbringen auch Chor und Extrachor des Mainfranken-Theaters, einstu­diert von Anton Tremmel.  Und Dirigent Enrico Calesso, der sich diese Oper ausdrücklich gewünscht hat, kann voll zufrieden sein mit seinem Philhar­mo­ni­schen Orchester, denn die Musiker folgen seinen Impulsen gerne und bewäl­tigen die Heraus­for­derung der ungewohnten Kompo­sition souverän.

Deshalb ist es auch mehr als recht und billig, dass das Orchester nach dem letzten Ton zum Schluss­beifall auf die Bühne gebeten und vom Premie­ren­pu­blikum im nicht ganz ausver­kauften Haus ausgiebig gefeiert wird; auch alle anderen Mitwir­kenden und das Regieteam werden nach diesem spekta­ku­lären Abend mit langem Jubel und vielen Bravos geehrt.

Renate Freyeisen

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