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UN BALLO IN MASCHERA
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
18. Mai 2018
(Premiere am 30. April 2018)
Un ballo in maschera spürt dem historischen Ereignis des Stockholmer Königsmordes von 1792 nach. Der Entschluss, das Melodramma aufzuführen, ist im Zweifel für jedes Musiktheater ein Wagnis. Wie den heiklen Stoff nach Eugène Scribes Vorlage, den Verdis Librettist Antonio Somma um eine nicht minder skandalöse fiktive Affäre des Grafen Riccardo mit der Ehefrau seines Freundes und Untergebenen Renato erweitert, frei von Kolportage auf die Bühne bringen? Und wie die anspruchsvollen Hauptpartien im klassischen italienischen Operndreieck von Tenor, Sopran und Bariton in diesem Werk der ausklingenden mittleren Schaffensperiode des Komponisten besetzen, das noch die Kultur des Belcanto atmet, mehr aber bereits den Spätstil der psychologisierenden Oper vorwegnimmt? Das Staatstheater Wiesbaden zieht sich mit der Eröffnungsproduktion der diesjährigen Maifestspiele, die auch in der dritten Aufführung für sich einzunehmen weiß, achtbar aus der Affäre. Szenisch unterhält ein weitgehend spektakuläres Opernkino. Musikalisch gelingt das maliziöse Spiel um Treue und Verrat großartig.
Unter dem Strich ist ein aktuell zu deutender Kommentar zur Denaturierung des Politischen und zum Niedergang der Rationalität als Prinzip des gesellschaftlichen Diskurses zu erleben. Fake news avancieren bekanntlich zu einer eigenen Kategorie im ideologischen Kampf der Systeme. Immer häufiger treten Akteure in wechselnden Maskierungen auf. Immer mehr ist Unberechenbarkeit die einzige Konstante. Ma la sventura è cosa pur ne‚trionfi ascosa – Doch das Missgeschick kann auch im Triumph verborgen sein – erkennt sybillinisch der Politruk Renato im Finale des ersten Akts, noch bevor die Verschwörer ihre Verderben bringende Intrige überhaupt in Gang gesetzt haben.
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Verdis Interesse an den historischen Umständen des Plots fällt von Anfang an gering aus. So trifft ihn das Verdikt der neapolitanischen Zensur von 1858 nicht wirklich. Vielmehr kommt ihm ein Jahr später die Initiative des Impresario des römischen Theaters Apollo höchst gelegen, der seine Kontakte zum Polizeichef der Stadt spielen lässt und zugunsten des Komponisten quasi einen Freibrief für eine liberalisierte Fassung erwirkt. Selbst das Skandalon einer verbotenen Liebschaft in höchsten Kreisen darf nun öffentlich und zum Sujet einer italienischen Oper werden. 1859 wird so das Jahr eines doppelten Maskenballs, eines bevorzugten Vergnügens der höfischen Gesellschaft und einer Demaskierung des Establishments. Verdi, hier ganz im Dienste seiner kompositorischen Berufung, ist glücklich, seinen Weg der Transformation der überkommenen Konventionen fortsetzen zu können.
Die Besinnung auf die emotionale Sprengkraft des Musiktheaters scheint auch die nach Bayreuth zweitältesten Festspiele in Deutschland erreicht zu haben. Stehen sie doch unter dem Motto Un sogno lusinghier, eine Zeile des Chors im dritten Akt der Verdi-Oper. Den Traum voll Lust und Freude nimmt die junge Regisseurin Beka Savić programmatisch auf und inszeniert das Ende des 17. Jahrhunderts in Boston spielende Drama im New York der 1930-er Jahre. Schon zum Preludio wabern dichte Nebelschwaden in einer düsteren Kulisse, die nur wenig mit dem Empfangssaal des Gouverneurs zu tun hat. Ein Filmplakat wirbt für den Besuch von Love Before Breakfast. Es handelt sich um die US-Komödie von 1936 mit Carole Lombard nach der Erzählung von Faith Baldwin. Figuren mit Ballonmützen wie aus Good Fellas mischen sich unter allerlei Volk, das sich keine Mühe gibt, nicht für eine Gesellschaft von Mafiosi gehalten zu werden. Etliche Fotografen begleiten gleich den ersten Auftritt der Protagonisten mit einem wahren Feuerwerk an Blitzlichtern. Ein Fingerzeig zu heute? Die Medien, die überaus gern die Sensationsgeilheit ihres Publikums bedienen, agieren nicht verborgen wie Paparazzi. Sie sind mitten im Geschehen. Was sich nämlich an Verschwörung und Intrige, an Leidenschaft und Niedertracht ereignen wird, findet in coram publico statt damals, erst recht heute. Das Private hat an Wert verloren.

Die Neugier, die das Regiekonzept erweckt, indem es die Story von Somma aka Sribe als Treatment für das Kino begreift, entpuppt sich rasch als Methode. Die Szene der Wahrsagerin Ulrica verlagert die Regisseurin in eine Art Varietétheater, auf dessen Bühne sie ihre Auftritte inszeniert. Ganz nebenbei erstickt Savić so alle Assoziationen an das von Verdi bevorzugte Zigeunermilieu, das manche heute nicht im historischen Kontext, sondern mit Kategorien von political correctness bewerten. Dekor bestimmt und produziert malerische Bilder. Das shootout, der Maskenball des Finales, findet in einem Ambiente von Jugendstil-Gebrauchskunst statt. Es sind kühle Chiffren für das Verdi faszinierende Auseinanderdriften von Individuum und Gesellschaft, das mustergültig schon in La Traviata eine elementare Rolle spielt, auch da im Gefüge eines Balles der städtischen Gesellschaft.
Die Filmkulissen, die sich Luis Carvalho für die Bühne hat einfallen lassen, und die von Selena Orb kreierten smarten Kostüme liefern film- und festspielreife Schauwerte, kein Zweifel. Machen sie aber auch das Geschehen plausibler? Immerhin ist die Regisseurin um Offenbarung der psychologischen Verwicklungen bemüht, die am Ende nur eine Lösung erlauben, die des Untergangs. Medienaffin ist die Szene des Losentscheids ausgespielt, in der Amelia auf Druck Renatos den Mörder Riccardos auswählt. Packend die Körpersprache Amelias und Riccardos im von Harfen umrauschten Liebesduett des zweiten Aktes. Wie Getriebene umkreisen sie einander im ständigen Wechsel von Nähe und Distanz. Leider werden die eindrucksvollen Momente durch das verkitschte Finale mehr als relativiert. Riccardo ist mit fotogenen Blutspritzern auf dem Smoking-Hemd der Heroe dieser Szene. Von seinem Freund und Rivalen Renato per Pistole tödlich getroffen, rafft er sich noch einmal zum Versöhnungsbekenntnis und zum Abschied von der Welt auf: Addio per sempre, miei figli. Kaum ist der letzte Ton gesungen, fällt er in dramatischer Pose auf die Bühnenbretter, um ultimativ den Atem auszuhauchen. Auch das Action pur wie in einem Streifen von Sergio Leone.
Was an dieser Produktion letztlich versöhnlich stimmt, ist die musikalische Performance, vor allem des vokalen Dreigestirns in den Hauptpartien. Zuallererst ist Adina Aaron, kürzlich Wiesbadens Norma, in der Partie der Amelia zu nennen, Verdis Hommage an die großen Frauenrollen seit Violetta und Leonore. Für die dramatischen Ausbrüche wie die lyrischen Nuancen findet die Sopranistin stets den adäquaten Ausdruck. Ihre große Soloarie Ecco l’orrido campo gestaltet sie mit dramatischer Verve und gebotener Verhaltenheit. Legato-Kultur vom Feinsten präsentiert Tenor Arnold Rutkowski bei seinem Rollendebüt als Riccardo. Großartig interagieren beide im Liebesbegehren, dem sinnlichsten Duett, das der Komponist je Sopran und Tenor auf den Kehlkopf geschrieben hat. Brodelnde Gefühlswelt, hin und her gerissen zwischen flammender Leidenschaft und sich zurücknehmender Loyalität.
Bariton Vladislav Sulimsky, erstmals im Wiesbadener Haus, lässt bei seinem Rollendebüt als Renato als Darsteller die Emotionalität vermissen, die seiner technisch versierten Stimme durchaus zu eigen ist. Altistin Marie Nicole Lemieux gestaltet Ulrica mit großer Bühnenpräsenz und souveräner Stimme, eher femme fatale als Dämonin. Als Oscar versprüht Ensemblemitglied Gloria Rehm Soubretten-Leichtigkeit und quirligen Charme. In weiteren Rollen agieren Benjamin Russell als Matrose Silvano, ferner Florian Kontschak und Samuel Young Doo Park als diabolische Verschwörer Tom und Samuel achtbar. Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden unter GMD Patrick Lange, ferner Chor und Extrachor, einstudiert von Albert Horne, zeigen sich in blendender Verfassung. Lange versteht es vorzüglich, nicht nur die schwelgerischen bis orgiastischen Farben der Partitur mit ihren disruptiven Brechungen herauszuarbeiten. Auch die Oasen des Innehaltens, die Verdi im Verlauf des sich rasend schnell entwickelnden Dramas seinem Publikum immer wieder gönnt, finden im Orchestergraben die gebührende Aufmerksamkeit. Dabei verbreiten insbesondere Englisch Horn und Flöte sowie die verführerischen Celli überirdischen Zauber.
Das Publikum hält sich bei wenigen Ausnahmen mit Szenenbeifall zurück. Am Ende allerdings überschüttet es alle Mitwirkenden, insbesondere Aaron, Rutkowsi, den Chor und Lange, damit das Orchester mit anhaltendem Jubel. Jetzt ist alles Maskenhafte Geschichte. Echte Festspielatmosphäre mit anderen Worten.
Ralf Siepmann