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FRANKENSTEIN
(Komponist/Choreograf)
Besuch am
20. Mai 2018
(Uraufführung)
Seitdem die 19-jährige Mary Shelley 1816 ihren Roman Frankenstein geschrieben hat, ist das Werk oder besser dessen Inhalte aus der produktiven künstlerischen Auseinandersetzung quer durch alle Genres nicht mehr wegzudenken. Neben der eindringlichen und bewegenden Darstellung der Einsamkeit einer ausgesetzten und von seinem Schöpfer verlassenen Kreatur, sind es heute unter anderem die potenziellen Folgen der künstlichen Intelligenz, die eine große Aktualität besitzen.
Das Auftragswerk der Hamburger Oper als Adaption einer ursprünglich als Schauspiel für das Theater Basel erarbeiteten Produktion erzählt dabei in mehr als drei Stunden ganz klassisch die Geschichte des Romans. Der Komponist Jan Dvorak hat auch das Libretto der Oper kreiert und auf eine kongruente sangbare und tonmalerische Umsetzung Wert gelegt. Die Musik nutzt dabei in weiten Teilen einen stark auf dem Wort basierenden Parlando-Stil. Die Partitur führt bei außerordentlicher Textverständlichkeit viele musikalische Stile der neuen und populären Musik zusammen. Die von Dvorak selbst so bezeichnete barocke Vielfalt dieser Orchestersprache setzt bei einem Ensemble von 25 Musikern unter anderem eine E‑Gitarre und einen Geräuschemacher ein.
Philipp Stölzl und Philipp M. Krenn als Regisseure der Produktion packen mit der Bühnenbildnerin Heike Vollmer auf der alternativen Spielstätte des ehemaligen Hamburger Fabrikgeländes von Kampnagel das Geschehen in einen massiven Käfig, der entweder die Zuschauer von den Akteuren oder umgekehrt schützen soll, wie beim Auftritt der wilden Tiere im Zirkus. Der Boden des Käfigs ist extrem uneben und eignet sich damit auch ideal für die unwirklichen Darstellungswelten beispielsweise des Eismeeres. Alle Auf- und Abtritte müssen bei jeder Szene durch eigens jeweils neu per Hand zu öffnende Käfigtüren ermöglicht werden. Das Bedrückende und Gefahrenschwangere dieser Szenerie begleitet den gesamten Abend und wird durch eine effektvolle Lichtregie von Heike Vollmer und Bernd Gallasch stimmungsvoll ergänzt. Die Kostüme von Kathi Maurer sind stilistisch durchweg an die Entstehungszeit des Werkes angelehnt. Sie lassen die Personen in all den Unwirklichkeiten, die sie in Handlung und Szene umgeben, ein wenig zerbrechlich erscheinen.

Weite Teile der Handlung wie auch die Stimme des Monsters oder der Kreatur werden von der Schauspielerin Catrin Striebeck gesprochen. Sie ist oberhalb des Käfigs, zur Seite des dahinter befindlichen Orchesters positioniert und führt mit ihrem Vortrag bewegend durch die Handlung. Die Gewalt ihres Ausdrucks und die Umsetzung des weiten Bogens von Gefühlen der Verlassenheit, der Sehnsucht nach Liebe bis hin zum Hass machen die Schauspielerin zu einem wichtigen Zentrum des Werkes.
Das Monster wird von einer übermenschengroßen Puppe verkörpert. Der Puppenbauer Marius Kob hat dazu eine wie aus durchsichtiger Haut und etlichen Gliedern zusammengefügte Figur von übermenschlicher Größe erschaffen, die durch gleich drei Spieler – Christian Pfütze, Claudia Six und Zora Fröhlich – bewegt werden muss. Die sowohl angsteinflößende Hässlichkeit und Masse der Figur wird im Spiel wirkungsvoll gepaart mit einem eindringlichen Bewegungstheater der Puppenspieler, das in der Lage ist, alle Emotionen des Staunens, Lernens, Verstehens, sowie von Trauer, Verzweiflung und Wut der Kreatur zum Ausdruck zu bringen. Zusammen mit dem dramatischen Stimmtheater der Striebeck ist das ein für alle Altersgruppen gruseliges und bewegendes Erlebnis. Dem Regieteam ist es gelungen, diese verschiedenen Theaterelemente von Sprache, Puppenspiel, Gesang, Schauspiel und Szene wirkungsvoll zusammenzuführen und zu koordinieren.
Der vielseitige, junge Bariton Viktor Rud spielt und singt trotz einer schweren Handverletzung, die er sich bei den Proben zugezogen hat, die Partie des Viktor Frankenstein mit glänzendem Gespür für den Parlando-Stil der Partitur und mit einer außerordentlich breiten Ausdrucksskala für die vielfältigen szenischen Situationen der Handlung. Er vermag die Verzweiflung des Wissenschaftlers glänzend zu verkörpern, der einen Schritt zu weit gegangen ist und die Menschheit nunmehr vor einem neuen Geschlecht der Übermenschen durch die Weigerung, dem Monster eine Frau zu erschaffen, bewahren will.
| Musik | ![]() |
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| Regie | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Andromahi Raptis singt und spielt die später vom Monster getötete Frau Viktor Frankensteins. Die Sopranistin vermag die anrührenden Szenen mit ihrem alternden Vater sowie die Wandlungen der Rolle in Angstausbrüche und zum Tode stimmlich und darstellerisch wirkungsvoll und mit breiter Ausdruckspallette zu gestalten.
Die beiden Kinder Leticia Boro Hernandez als Bauernmädchen und Anton Restorff als Wilhelm Frankenstein zeigen unter anderem, dass Kinder der Kreatur auch ganz unbefangen entgegentreten können.
Alle weiteren Solisten verkörperten jeweils verschiedene Familienmitglieder der Frankensteins und gleichzeitig weitere Charaktere der Handlung. Hervorgehoben sei hier nur beispielhaft die einfühlsame und nachdenkliche Darstellung von Alin Anca als Vater Delacey, Priester, alter Fischer und Kapitän Walton.
Das Orchester aus Mitgliedern der Hochschule für Musik und Tanz und freien Künstlern spielt unter der Leitung von Johannes Harneit, selbst Komponist und bestens vertraut mit eigenen Uraufführungen. Obwohl das Orchester hinter dem Käfig positioniert ist, gelingt es Harneit durchweg, die Balance zwischen den Solisten, der Sprecherin und den Sängern zu gewährleisten. Die Musiker schaffen einen spannenden musikalischen Bogen, der den so unterschiedlichen und bunt zusammengestellten musikalischen Farben und Stilen der Komposition gerecht wird.
Das Publikum feiert das gesamte Ensemble, das Leitungsteam wie auch Jan Dvorak als Komponisten dieser Uraufführung, insbesondere aber Catrin Striebeck als Stimme des Monsters mit lauten bravi und langanhaltendem Applaus.
Achim Dombrowski