O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Erzähler als Hauptpersonen

THE RAPE OF LUCRETIA
(Benjamin Britten)

Besuch am
22. Mai 2018
(Premiere am 17. Januar 2016)

 

Oper Köln, Staatenhaus Deutz

Die weiten Räumlich­keiten der Kölner Interims­spiel­stätten im Staatenhaus bieten Platz für kreative Einfälle in Insze­nierung und Bühnenbild. Und so wird bei der Wieder­auf­nahme von Benjamin Brittens Kammeroper The Rape of Lucretia unter der Leitung von Kai Anne Schuh­macher das Publikum in zwei Hälften aufge­teilt, getrennt durch das Orchester und um die rauten­förmige Bühne verteilt, die nahtlos in den Zuschau­erraum übergeht. Das führt zwar zum einen dazu, dass das Publikum nur die Hälfte der Darbietung tatsächlich genau verfolgen kann, umso unmit­tel­barer ist aber der Kontakt zum Zuschauer, wenn die Sänger sich an ihn wenden.

In der im Grunde klassi­schen Erzählung streiten sich die römischen Generäle Colla­tinus, Junius und der Etrus­ker­prinz Tarquinius über die Treue der Frauen während des fortwäh­renden Feldzuges gegen die Griechen. Nur Lucretia, die Frau des Colla­tinus, blieb treu, weshalb sie von dessen Kameraden als Keusch­heits­ideal verehrt wird. Einer Intrige des Junius folgend, reist der Ursupa­torsohn Tarquinius zu Lucretia. Sie verehrend und begehrend, versucht er sie zu verführen. Als das nicht gelingt, nimmt er sie mit Gewalt. Allem guten Zusprechen ihres Gatten zum Trotz kann Lucretia mit dieser Schande nicht leben und begeht Selbstmord.

Britten kompo­nierte den männlichen und weiblichen Chor als Solosänger, die einem antiken Erzähler gleich durch die Handlung führen und teilweise auch die Dialoge der Charaktere fortführen. Doch in Schuh­ma­chers Aufführung scheinen die Chöre auch zu versuchen, Einfluss auf die Handlung zu nehmen. So umgeben sie die handelnden Personen, leiten ihre Bewegungen, oder versuchen sie an Aktionen zu hindern. Insgesamt ergibt sich so der Eindruck, dass der tatsäch­liche Konflikt zwischen den beiden Chören statt­findet. Der männliche Chor hat dabei eine dominante Rolle inne, sein weiblicher Gegenpart ist verängstigt und devot. Lederzeug und Leine unter­stützen das Verhältnis visuell.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Doch die Rollen­ver­teilung kippt im Verlaufe der Handlung. Die namen­ge­bende Verge­wal­tigung erscheint als ein Wende­punkt, an dem der weibliche Chor, seiner Fesseln entledigt, selbst­be­wusst dem männlichen Chor entge­gen­tritt, der entsetzt die von ihm herauf­be­schworene Katastrophe zur Kenntnis nimmt. Gleichwohl konnte auch sie den Selbstmord nicht verhindern und fragt desil­lu­sio­niert, ob das denn alles sei.

Die Verge­wal­tigung selbst versucht Schuh­macher unein­deutig zu halten. Lucretia scheint im Vorfeld dem Tarquinius nicht abgeneigt zu sein, was auch dem Libretto schon entnommen werden kann. Für den Akt selbst verschwinden die Akteure in einem weißen Zelt, in dem man ihre Schatten sieht, die verzweifelt gegen die Wände des Zeltes ankämpfen.

Wie auch immer Lucretias Einstellung zu Tarquinius zunächst war, hat er ihr offen­kundig Schande zugefügt, so dass sie nur den Suizid als Lösung sieht. Obwohl die Premiere bereits über zwei Jahre zurück­liegt, lässt sich das im Rahmen der #metoo-Debatte als Kommentar darauf verstehen, wie Männer ein „nein“ von Frauen nicht akzep­tieren, besonders wenn sie das Gefühl hatten, die Frau sei inter­es­siert gewesen.

Über die gesell­schaft­liche Kompo­nente legt Schuh­macher in ihrer Insze­nierung einen mysteriös-religiösen Nebel, der mit teilweise plaka­tiver, aber auch subtiler Symbolik arbeitet. So ist zum Beispiel der eigent­liche Orchi­deen­kranz, den Lucretia am Ende des zweiten Aktes bindet, eine Dornen­krone geworden. Auch werden sämtliche Blumen nach der Verge­wal­tigung ihrer Blüten beraubt. Der Teich, der einen Großteil der Bühne einnimmt, ist so seicht, dass die Protago­nisten mühelos hindurch­gehen können und dabei so wirken, als würden sie über das Wasser laufen. Während das Wasser zu Beginn so ruhig und spiegel­glatt ist, dass es gar nicht als solches wahrge­nommen wird, werfen die Schau­spieler im Laufe der Oper immer mehr Gegen­stände hinein und verun­rei­nigen es so.

Unaus­ge­wogen wirkt die Insze­nierung hingegen, wenn die religiöse Note konter­ka­riert wird. Während einer Anrufung an die Gottes­mutter Maria setzt sich der männliche Chor ein Birett auf, entzündet Weihrauch in einer Konser­vendose und verbrennt lachend Liebes­briefe des Colla­tinus. Zu Beginn der Oper wird auch ein Teil von Jimmy Carters Grußbot­schaft auf der Voyager Golden Record zitiert, ohne dass dieses Element konkret wieder aufge­griffen wird.

Foto © Paul Leclaire

Dennoch ist die Aufführung insgesamt rund und stimmig, die Kostüme und die Bühne vermitteln ein der Wirklichkeit entrücktes Bild, dass sich zeitlich nicht einordnen lässt, aber durch einfache Mittel wie Licht und Nebel und die schiere Größe und Tiefe der Bühne sehr beein­druckt. Durch die Reduktion auf einen Teich mit einer Insel und einem Strand stechen die wenigen verwen­deten Requi­siten wirkungsvoll hervor. Die fehlende Abtrennung zwischen Bühne und Publikum lässt das Spiel der Charaktere sehr eindrucksvoll und ungefiltert wirken.

Die Sänger, von denen zwei Mitglieder des Opern­studios sind, zeichnen sich ausnahmslos durch eine hervor­ra­gende Leistung aus. Die in Rhythmus, Harmonik und Dynamik komplexen Gesangs­partien sind passend besetzt und harmo­nieren unter­ein­ander. Obwohl die Sänger sich immer wieder zu der jeweils anderen Publi­kums­hälfte drehen müssen, verliert sich der Gesang nicht oder wird unver­ständlich. Besonders Judith Thielsen als Lucretia bezaubert in Spiel sowie Gesang und bringt dem Zuhörer den völligen Absturz der stolzen Ehefrau greifbar nahe. Dino Lüthy und Ivana Rusko, die beiden Chöre, können durch ein starkes Mimik­spiel und präzisen Gesang ihr stellen­weise etwas zu plaka­tives Schau­spiel ausgleichen, das aber wohl auch durch die Insze­nierung bedingt ist.

Während Matthias Hoffmann einen rundum überzeu­genden Colla­tinus gibt, fällt Wolfgang Schwaiger als Junius gesanglich minimal ab, ist aber gerade im Schau­spiel sehr präsent und beein­dru­ckend. Erst zum Ende schließt er auch im Gesang zu seinen Kollegen auf. Tarquinius wird gespielt von Insik Choi, der auch gesanglich zu überzeugen weiß und seiner Figur eine deutlich tiefgrün­digere Note verleiht. Der Prinz scheint stetig mit sich selbst zu ringen und flieht verstört über sein eigenes Handeln aus dem Haus von Colla­tinus und Lucretia. Als die heimlichen Stars der Aufführung entpuppen sich Helena Köhne als Bianca und Maria Kublashvili als Lucia, die beiden Diene­rinnen der Lucretia. Mit einer tadel­losen Gesangs­leistung und tollem Spiel machen sie erst die Freude und den Verfall der Lucretia deutlich.

Auch das Kammer­or­chester unter der Leitung von Rainer Mühlbach scheint spielend mit der kompli­zierten Partitur fertig zu werden. Leider kommt die Musik durch die besondere Aufteilung stets nur von einer Seite, wodurch sie etwas von den Sängern entkoppelt wird. Gelungen hingegen ist die Idee, die Harfe im ersten Akt auf der Insel in der Mitte der Bühne zu platzieren, dadurch entsteht eine inter­es­sante Dynamik zwischen Bühne und Orchester. Durch Bildschirme an den Seiten der Bühne können die Sänger, aber leider auch das Publikum, den Dirigenten sehen und so stets im Takt bleiben.

Das Publikum wird in den knapp 100 Minuten gut unter­halten. Begeis­te­rungs­stürme bleiben aller­dings aus, was wohl auch dem Umstand verschuldet ist, dass nur knapp die Hälfte der Sitze belegt ist.

Sebastian Heuckmann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: