O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Don Giovanni ist und bleibt eine Herausforderung. So richtig kann man diesem Drama giocoso nie gerecht werden. Am Theater Münster versucht Christian von Götz in Zeiten, wo der ewige Verführer meist als dramatische oder psychopathische Figur dargestellt wird, nun andere Wege zu gehen. Für von Götz ist die Oper eine spielerische Tragödie. Und das sieht man auf dem ersten Blick, wenn man den Zuschauerraum betritt. Auf einem Steg vor dem Orchestergraben steht eine große hölzerne Kiste, auf der ein großes Schild befestigt ist: Finger weg! Eine schrille Rokoko-Gesellschaft betritt bestens gelaunt die Bühne. Vorweggenommen sei gesagt, dass die Kostüme von Sarah Mittenbühler, die auf geniale Weise die Kleidung des Rokoko überzeichnet und sie mit Petticoats und hochgestylten Perücken Richtung Rock und Pop rückt, zu den absoluten Höhepunkten der Produktion gehört. Allerdings verspürt man als Zuschauer in dem warmen Theater auch von der ersten Sekunde an ein großes Mitleid mit den Akteuren. Die Premiere unter Tonnen von Makeup, Haaren und Bekleidung wird wahrlich zu einer schweißtreibenden Arbeit.
Zurück zu der obengenannten Kiste. Der Titelheld, gut zu erkennen an der Beule im Schritt, steigt in diese hinein. Leporello, charakteristisch mit Harlekin-Muster bekleidet, setzt sich bewachend auf diese und die Gesellschaft drapiert sich feixend drumherum. Ein Gewitter bricht zur Ouvertüre los, über den nackten Frauenkörper auf dem Vorhang krabbelt eine Spinne. Die Gesellschaft schaudert, aber gleichgültig gehen alle nach und nach ihres Weges. Doch dann muss sich ja Donna Anna neugierig durch eine geheime Seitentür in die Kiste hineinschleichen, obwohl doch extra drauf steht „Finger weg“. Mit diesem Vorspiel hat von Götz an sich seine größte dramaturgische Aussage gemacht. Wohin die Reise seiner Inszenierung geht, zeigt sich nur ein paar Minuten später. Der ermordete Komtur landet in der Kiste und verlässt diese beim Duett Don Ottavio – Donna Anna durch die Seitentür mit einem Schild in der Hand: tot! Der Humor soll den Abend vor falscher Dramatik retten, die Leichtigkeit soll düstere Gedanken fernhalten. In der Überzeichnung sollen Charaktere beleuchtet werden. Eine interessante Idee, aber leider endet das zu oft in neckischen Albernheiten. Irgendwie lässt sich vermuten, dass Mozart an diesem teils derben, teils verspielten Humor seine Freude gehabt hätte.
Attestieren muss man dieser Produktion, dass noch nie so viel auf der Münsteraner Bühne bewegt wurde wie hier. Lukas Noll hat dafür eine passende Kulisse bereitgestellt. Zunächst wird nur die Fläche um den Orchestergraben benötigt. Doch was ist das? Mit Öffnen des Vorhangs wird eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten wach. Da wölbt sich ein Garten auf der Hinterbühne, dessen Grundstruktur dem Münsteraner Opernbesucher bekannt sein dürfte. Es ist Roland Aeschlimanns geniale fotografische Linsenkonstruktion, die er Anfang des Jahrtausends für den Ring des Nibelungen in Münster gebaut hatte, und die hier nun recycelt wird. Natürlich mit einem neuen Anstrich. Blumen sind das Leitthema und auch hier wird mit zwei verwelkenden Blüten im Vordergrund zumindest angedeutet, dass im Garten des Amor nicht alles zum Besten läuft. Dafür laufen die Sänger auf Hochtouren, wobei sich einige Bewegungsmuster über den Abend etwas abnutzen.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Dass die Sänger angesichts ihres Körpereinsatzes und der Wärme überhaupt noch Töne produzieren können, nötigt den größten Respekt ab. Vielleicht ist es auch die Erklärung dafür, dass die vokale Ausdruckskraft hinter der szenischen Darstellung zurückbleibt. Das betrifft auch den Titelhelden. Filippo Bettoschis Bariton kann nicht das nötige Charisma für die Partie abrufen, die seine körperliche Agilität untermauern würde. Tadellos die Töne produzierend, wirkt sein Gesang etwas blass. Von Kathrin Filip würde man sich als Zerlina manch schöneres Legato und eine rundere Höhe wünschen. Wie bei ihr klingt auch das Italienisch des Masetto – zupackend interpretiert von Christoph Stegemann – etwas zu deutsch. Womöglich liegt es daran, dass die Sänger von den deutschen Rezitativen in der Übertragung von Walter Felsenstein zu den italienischen Texten der Arien und Ensembles wechseln müssen. Stephan Klemm gibt dem Komtur in der Finalszene die nötige Autorität. Nina Koufochristou ist eine Donna Anna mit einem etwas leichtgewichtigen Grundton, aber dafür schöner lyrischer Färbung und sauberen Koloraturen. Den passenden Kontrast dazu bietet Kristi Anna Isene, deren Donna Elvira einen dramatischeren Tonfall besitzt. Ihr Mi tradi ist nahe dran an dem, was man an unter einer technisch und emotional bestens interpretierten Mozart-Arie versteht. Das kann nur noch der Tenor überbieten: Nachdem Dalla sua pace dem Strich zum Opfer gefallen ist, nutzt Youn-Seong Shim die zweite Arie Il mio tesoro für einen wunderbaren Augenblick, der nur der Musik gehört. Sein voller Ton straft seine von der Regie verordnete ängstliche Darstellung Lügen. Sein Legato ist lang und bruchlos, die Höhe sitzt auf dem Körper. Ein Triumph für Shim, der seit 2011 seine Zuverlässigkeit im Münsteraner Ensemble konsequent unter Beweis stellt. Ebenso gut läuft der Abend für Gregor Dalal, dessen mächtiger Bass-Bariton in der Rolle des Leporello zunächst etwas ungewöhnlich für heutige Hörgewohnheiten klingt, aber mit seiner Bühnenpräsenz absolut konform geht. Auch er ist seit 2012 ein Ensemblemitglied im besten Sinne mit einer großen Spannweite im Repertoire. Herrlich, wie locker er mit einer wunderbar komischen Panne umgeht. Beim Rollentausch mit Don Giovanni fällt ihm dessen Perücke vom Kopf in den Orchestergraben hinein – direkt vor den Augen Donna Elviras, die ja getäuscht werden muss. Wie er mit ihr kommuniziert und gleichzeitig Dirigent Golo Berg auf das Missgeschick aufmerksam macht, ist lustiger und erfrischender als viele andere Teile der Inszenierung.

Auf das Dirigat das neuen musikalische Leiter des Hauses war man im Vorfeld sehr gespannt, im Nachhinein kann man sagen, dass seine Interpretation ein bisschen zu brav im Vergleich zur Inszenierung wirkt. Er setzt auf schöne Details, spielt mit einem Aufbau in der Lautstärke und hält bis auf wenige Ausnahmen Bühne und Orchester sehr gut zusammen. Das Sinfonieorchester Münster klingt erstaunlicherweise anfangs alles andere als souverän. Die Ouvertüre beginnt matt und unsauber. Vor allem aus den Abteilungen der Holz- und Blechbläser hört man viele kleine Ungenauigkeiten. Über den ersten Akt hinweg steigern sich die Instrumentalisten. Passend mit den oben erwähnten Arien im zweiten Akt ist auch das Orchester da. Ein wunderschöner Teppich geknüpft aus diesen Harmonien, die Mozart geschrieben hat, schön deutlich ausgelegt für die Ohren.
Wie immer in den letzten Vorstellungen ist der von Inna Batyuk einstudierte Chor mit Verve dabei. Und auch Verena Hierholzer in der aufgewerteten Rolle der Zofe von Donna Elvira bringt der Aufführung noch einen weiteren Faktor Spielfreude. Insgesamt mit Bühne und Licht ein schönes Gesamtkunstwerk, während man über die etwas alberne Deutung durchaus geteilter Meinung sein kann.
Dem Publikum scheint es gefallen zu haben, wenngleich viele die gute Laune auf der Bühne so deuten, dass man sich gut gelaunt während der Vorstellung austauschen darf. Immerhin wird viel gelacht an diesem Abend. Der Applaus ist zwar differenzierend, aber immer sehr positiv. Für die Inszenierung gibt es auch viele Bravo-Rufe und keine Ablehnung. Die standing ovations kommen obligat kurz vor Ende des Beifalls.
Rebecca Hoffmann