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JAHRESZEITEN
(Deutsche Kammerakademie Neuss)
Besuch am
27. Mai 2018
(Premiere)
Glücklicherweise hat die Dirigentin in der Musik mehr Geschick bei der Auswahl der Jahreszeiten als bei der Bekleidung. Während die älteren Gäste im feuchtschwülen Tropenklima knapp dem Kreislaufversagen entgehen, tritt Isabelle van Keulen im kuscheligen Winter-Galakleid auf. Das nötigt in doppelter Hinsicht Respekt ab. Nicht nur, dass die Musikerin sich nichts anmerken lassen will, sondern sie hat auch durchaus feurige Musik für diesen Abend zusammengestellt.
Zum dritten Mal tritt die Künstlerische Interims-Leiterin und Dirigentin mit der Deutschen Kammerakademie Neuss im Zeughaus an, um das überwiegend aus Abonnenten bestehende Publikum im sehr gut besuchten Konzertsaal von der hohen Qualität des Orchesters zu überzeugen und es vor allem mit einem atemberaubenden Programm zu beeindrucken. Zum Einstieg gibt es ein Appetithäppchen, das vor allem beim konzerterfahrenen Publikum sehr beliebt ist. Wolfgang Amadeus Mozart hat sein Divertimento in F‑Dur bekanntlich im pubertätsstrotzenden Alter von 15 Jahren komponiert. Seither entzückt das kleine Vergnügen die Menschheit, wann immer sich die Möglichkeit bietet. Ausreichend Gelegenheit, einen Blick auf das Miteinander des Orchesters mit der Dirigentin zu werfen. Und da gibt es ausgesprochen Erfreuliches zu berichten. Höchst konzentriert folgen die Musiker den mitunter kaum merklichen Anweisungen der Geigerin und gelangen so zu einer erstaunlichen Präzision und Leichtigkeit, die auch im nachfolgenden Programm höhere Schwierigkeitsgrade scheinbar spielerisch bewältigen. Das spricht nicht nur für eine gelungene Probenarbeit, sondern auch für ein gutes menschliches Miteinander. Auf dem Podium äußert sich das in hohem, gegenseitigem Respekt – wie es sich für jede Konzertbühne dieser Welt gehörte.
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Nach dem netten, hervorragend vorgetragenen Vorspiel gibt es ein weiteres Vergnügen, diesmal zeitgenössischer Natur. Und da steigt die Spannung schlagartig. Es ist das letzte Werk, das Béla Bartók in nur zwei Wochen komponierte, ehe der gebürtige Ungar aus der Schweiz nach Amerika emigrierte, um der Verfolgung der Nazis zu entgehen. Wer mag, kann aus dem Divertimento für Streichorchester die Nervosität jener Zeit heraushören, andere hören hier schon die affirmativ aufgeladene Filmmusik, die Hollywood später aus Bartóks Kompositionen entstehen ließ. Die Kammerakademie jedenfalls trägt mit hörbarer Spielfreude ein Werk vor, das Teile des Publikums jetzt schon mal auf die Stuhlkante treibt.
Eine Atempause liefert van Keulen mit Edvard Griegs Suite für Streicherorchester Aus Holbergs Zeit. Hier darf das Publikum melodisch schwelgen, sich ganz dem Historismus des Komponisten hingeben. Auch hier bleiben die Musiker, unter ihnen die sieben Stipendiaten, auf dem bisherigen hohen Niveau ihrer Spielkunst. Selbst bei der Air in g‑Moll geht es noch luftig zu. Aber es bleibt ein kurzes Durchatmen der Besucher. Die wenigsten ahnen, was die Dirigentin als Höhepunkt für sie vorbereitet hat. Ein durchaus bekanntes Stück, das aber eben aus dem täglichen Konzert-Kanon fällt.
„Der Tango ist in Buenos Aires ausschließlich ein Tanz schlecht beleumdeter Häuser und Tavernen der übelsten Art. Niemals tanzt man ihn in anständigen Salons oder unter feinen Leuten“, hat Enrique Larreta gesagt – und sich gründlich geirrt. Allerdings bedurfte es des Tango nuevo eines Astor Piazzolla, um die Musikform auf die Konzertbühne zu bringen. Von ihm stammt das Werk Las Cuatro Estaciones Porteñas – die vier Jahreszeiten von Buenos Aires. 15 Zitate aus Vivaldis Vier Jahreszeiten hat mal jemand in den vier Sätzen des Stücks gezählt, mal beiläufig, mal pointiert. Die Kammerakademie präsentiert die Fassung als Violinkonzert mit Streichorchester des Komponisten Leonid Desyatnikov, der sie für den Geiger Gidon Kremer schrieb. Kremer ging damit auf Tournee und sorgte so dafür, dass das Werk ein Welterfolg wurde.
Nach dem ersten Satz Primavera Porteña – Frühling in Buenos Aires – verfällt das Publikum, das sich konzerterfahren üblicherweise zwischen den Sätzen mucksmäuschenstill verhält, in ein Jauchzen und tosenden Applaus. Ein wahrer Freudentaumel. Das erlebt man wirklich nicht alle Tage. Die Faszination hält an, aber die Gäste haben sich anschließend wieder im Griff. Nachdem der letzte Takt verklungen ist, kennt der Applaus kaum Grenzen und Bravo-Rufe hallen durch den Saal. Mit den Jahreszeiten kennt Isabelle van Keulen sich ganz offenbar besser aus.
Luzides Zusammenspiel von Nachwuchstalenten und erfahrenen Berufsmusikern, auf die Millisekunde genau, in einer großartigen Dramaturgie, die aus zwei Stunden ein kurzweiliges Erlebnis macht: So muss Konzert heute sein. Da braucht man sich über neue Formate keine Gedanken zu machen. In der nächsten Saison wird Isabelle van Keulen in drei weiteren Konzerten mit der Kammerakademie zu erleben sein. Und es wird ihr schwerfallen, ein solches Programm zu übertreffen. Aber sie hat da noch einiges in petto.
Michael S. Zerban