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PELLÉAS ET MÉLISANDE
(Claude Debussy)
Besuch am
27. Mai 2018
(Premiere am 17. März 1991)
Die Oper Pelléas et Mélisande von Claude Debussy hat eine lange Vorgeschichte. Als sie 1902 an der Opéra-Comique in Paris uraufgeführt wurde, liegen zehn Jahre intensiver Arbeitsphasen an der Komposition, unterbrochen von längeren Pausen sowie schwierigen Verhandlungen um die Aufführungsrechte mit dem Autor Maurice Maeterlinck hinter Debussy. Der Höhepunkt dieser schwierigen Operngeburt gipfelt in einem bizarren Streit um die Besetzung der Mélisande. Maeterlinck, offenbar in seiner Eitelkeit gekränkt, lässt die Hauptprobe zu einem Desaster werden. Es ist überliefert, dass Gewährsmänner des Dichters am Ende der zweiten Szene im zweiten Akt auf Mélisandes Gesang „Oh! Ich bin nicht glücklich“ lautstark mit „Wir auch nicht!“ die Probe störten.
Dass Pelléas et Mélisande mit dieser Vorgeschichte, einschließlich erster wenig sich überzeugt gebender Kritiken, einen Siegeszug auf die Opernbühnen dieser Welt – bis heute ungebrochen – antreten konnte, ist ein schönes Beispiel dafür, dass neue Ideen in der Kunst häufig zuerst Skepsis begegnen und später als kreative Erneuerer verehrt werden.
Beeinflusst vom Symbolismus um die Dichter Stéphane Mallarmé und Charles Baudelaire, sucht Debussy nach einer neuen Kompositionsform, die Musik von ihrer narrativen Funktionalität zu befreien. Nicht den Text mit einer prosaischen Melodik in der Nachfolge von Richard Wagners Motiv-Formaten hörbar zu machen, sondern Entsprechungen im Kontext von Charles Baudelaires symbolistischem Gedicht Correspondances zwischen Text und Musik herzustellen. Das Geheimnis des Lebens, das seelisch Rätselhafte hinter den Worten in der Musik aufscheinen zu lassen, ist die Perspektive für Debussys Versuchsanordnung in Pelléas et Mélisande.
| Musik | ![]() |
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Seine Komposition folgt keiner pragmatischen Erzähllogik. Sie entwickelt symbolistische Assoziationsebenen. Scheint Pelléas et Mélisande auf den ersten Blick nicht mehr als eine Variation einer Dreiecksgeschichte zu sein, in der zwei Brüder dieselbe Frau lieben und Golaud am Ende seinen Bruder Pelléas tötet, somit Assoziationen an den alttestamentarische Kain-Abel-Mythos weckt, fokussiert die Inszenierung von Ruth Berghaus auf ein unbestimmt schwebendes, logisch nicht fassbares Sein von Liebe, Leben und Tod. Die Bühne von Hartmut Meyer, eine abstrakte Kubatur, eine funktional minimalistisch assoziierte Bauhaus-Architektur, ist ein vieldeutig offener Spielraum. Ein ahistorischer Ort, der Blickhorizonte auf eine Poesie der Liebe jenseits normativer Ordnungen öffnet. Dort, wo das Licht nicht hinkommt.
Hinter einer hügelartigen Konstruktion, die halbseitig durch einen Lichtkanal aufgeschlitzt ist, verzahnen sich lineare und horizontale Strukturen, die an Bilder von Lyonel Feininger erinnern. Impressionistisch gefärbte Wandflächen bilden mit den Szenenwechseln fremdartige Räume. „Im Stück ist Hoffnung ohne Illusion. Immer spielen, dass alles fremd ist: Der Raum ist fremd, das Kostüm ist fremd …“ hat Berghaus ihre Konzeption in konkrete Spielanweisungen formuliert.

Eine lichtgelbe Leiter, die an Paul Klees Zeichnung Aufstieg erinnert, wo eine Leiter aus einem dunklen Nebel in ein unendliches Oben führt, ist der bildmächtige Kontrapunkt in der Inszenierung. Indem Berghaus die legendäre Treppe aus dem Film Die Verachtung von Jean-Luc Godard, die zur Villa Malaparte führt, zitiert, beleuchtet ihre Inszenierung die Schatten- und Vexierspiele der Suche nach der lichten Wahrheit im mystischen Lebensdunkel. Um- und eingeschlossen von Leid und Mitleid, das sich mit Worten nicht ausdrücken lässt, verlischt die Hoffnung wie ein kurz aufleuchtender Stern in der Unendlichkeit des Universums.
Es ist, als würde ein Blinder im Meer nach Schätzen suchen. Berghaus übersetzt das in ein metaphorisches Spiel mit Augenbinde und Perücke. Nichts erkennen zu können, eingeschränkte sowie radikal verweigerte Sicht, sich selbst eine Maske aufsetzen. Ein Irren im Dunkel, unerlöst.
Im Libretto gibt es nur fragmentierte Andeutungen von Raum und Zeit. Über allem liegt Dunkelheit und Schatten. Das Licht schafft nur für kurze Momente Helligkeit. Zentral in Berghaus‘ Inszenierung ist entsprechend die Suche nach eben jener lichten Klarheit. Sie kapituliert letztlich im lichtdunklen Schatten der Seelenlandschaften der Menschen, die sich im Tag-Nacht-Dunkel des Schlosses Allemonde zusammenfinden.
Am Ende resümiert Arkel, der Herr des Schlosses, der Großvater von Pelléas und Golaud, der bis dahin eine lebendige Zukunft für seine Familie verhindert und blockiert hat, altersweise geläutert: „Wir müssen leise sein. Die menschliche Seele ist sehr schweigsam.“ Körperlich vom Gebrechen des Alters gezeichnet, klarsichtig, wenn auch zu spät, ist er nur mehr ein einsamer Rufer in der Wüste.
Debussys symbolistische Musiksprache interpretiert Daniel Barenboim mit feinnervig eleganter Diktion. In der orchestralen Begleitung der Solisten lässt er ihnen den Klangraum, der sie trägt. Einzelne Partien betont Maestro Barenboim nachdrücklich, in dem er den Solisten unmissverständlich mit hoch gerecktem Taktstock den Einsatz gibt. In den Musiken zwischen einzelnen Szenen und Akten klingt es durchscheinend und klangmalerisch pointiert aus dem Graben.
Es hätte angesichts einer auch nach fast einem Vierteljahrhundert noch immer sinnlich reflektierten Aufführung sowie den Namen nach exquisiten Solisten ein grandioser Opernabend werden können, wären da nicht eigentlich unverständliche bühnentechnische Probleme zu benennen. Einmal gibt es ein Geräusch, als sei hinter der Bühne ein Pfosten umgefallen. Anders als auf dem Plakat angegeben, findet die Pause nicht nach dem zweiten, sondern erst nach dem dritten Akt statt. Entsprechend ratlose Unruhe bei einigen Opernbesuchern, bevor mit dem dritten Akt fortgesetzt werden kann.
Dass große Namen kein Garant für eine entsprechende Qualität sein müssen, beweist an diesem Abend Rolando Villazón in seinem Rollendebüt als Pelléas. Kraftlos, ohne Esprit versinkt seine Stimme oft im von Barenboim für die Solisten sensibel gestimmten Orchesterklang. Sein überschaubares Spiel korrespondiert mit seinem sängerischen Angebot. Am Ende geben einige deutlich zu hörende Buhs ihrer Enttäuschung Ausdruck.
Im deutlichen Unterschied zu Villazón begeistern Marianne Crebassa mit einer Mélisande, die todessüchtig somnambul sich selbst als Fremde begegnet, und Michael Volle als Golaud, der der dunkel verschlossenen Allemonde-Welt entfliehen möchte, sich aber in ihrem Dunkel verliert. Ihre Stimmen artikulieren in einfühlsamer Entrücktheit, Crebassa, und mit nuanciert temperametvollem bis brachial auffahrendem Bariton, Volle.
In Zwischentönen charakterisiert Volle Golaud als Mörder wider Willen. Charaktervoll malt sein Bariton, wenn er am Ende nach der Wahrheit in der Liebe fragt sowie er auch Brutalität und Demütigung gegenüber Mélisande Ausdruck gibt. Kindlich naiv leuchtet Crebassas Stimme inmitten der unheimlichen Szenerie.
Während Wolfgang Schönes Arkel mit seinem entspannt klingenden Bass in der Rolle des zwischen Selbstgerechtigkeit und Lebenshoffnung changierenden Greises die Balance hält und Anna Larsson die Geneviève als traumwesenartige Figur skizziert, ist ein namentlich nicht bezeichneter Solist des Tölzer Knabenchores als Yniold vielleicht die Überraschung des Abends. Glockenrein hell ist er die kongeniale Übersetzung der Lichtmetapher von Berghaus‘ Inszenierung.
Am Ende gibt es stürmischen Applaus für alle. Selbst Villazón darf sich in einigem Beifall sonnen. Besonders schwillt der Applaus für Barenboim und die Staatskapelle, für die exzellenten Crebassa und Volle sowie für den außergewöhnlichen Knabentenor an.
Peter E. Rytz