O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
In der Tat: Dieser San Paolo, der heilige Paulus, zu dem Pier Paolo Pasolini trotz mehrjähriger Arbeit nur Skizzen für einen Film hinterließ, passt in unsere Zeit – vielleicht mehr, als uns lieb ist. Pasolini versetzt Paulus in die Mitte des 20. Jahrhunderts und skizziert ihn als tief gläubigen, oft mystisch gebundenen, missionarisch eifernden, aggressiven und zugleich zweifelnden Vertreter und Verkünder der Lehre des Jesus Christus, dem er sich ganz verpflichtet fühlt. Eine Figur, von der Pasolini meint, „dass der heilige Paulus hier, heute, unter uns ist und dass er das fast physisch und materiell ist“.
Konsequent richtet Alexander May die Vorlage, für die Ralf Waldschmidt eine Textfassung schrieb, als realistisches, kühles Dokumentarstück ein, das man sich auch in einer anderen Zeit vorstellen kann. Hierzu baut Wolf Gutjahr eine aus mehreren hohen Kuben zusammen gesetzte Bühne auf, der er das Aussehen eines Baugerüstes oder die kühlen weißen Räume eines Labors gibt. Die Drehbühne ermöglicht einen schnellen Wechsel zu imaginären Plätzen oder Räumen, wenn die Gemeinde auftritt, Soldaten oder Polizisten erscheinen. Für seine Reden und Diskussionen braucht Paulus keine privaten Räume, sein Auftrag ist öffentlich.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Jan Friedrich Eggers stellt einen Paulus vor, der einer Mischung von Sektenvertreter und Bankangestelltem ähnelt. Mit voller, baritonaler Stimme gibt er einen Paulus, dem sowohl die Unsicherheit und Zerrissenheit seines Glaubens wie auch die drängende Verpflichtung als christlicher Missionar in seiner jüdischen Umgebung vertraut sind. Eggers zeigt diese wechselnden Seiten der Figur mit sparsamer, aber überzeugender Deutlichkeit. Daniel Wagner, Tenor, zunächst jüngerer Freund und Weggenosse des Paulus, wird Opfer des antichristlichen Mobs.
Als una voce, die sich selbst als Jesus vorstellt, übernimmt Lina Liu mit klarem, kräftigem Sopran die etwas ausseitige Rolle einer imaginären Figur der Stimme Jesu. Das feurige Temperament, das Susann Vent-Wunderlich ihrer Rolle als Giovanni detto Marco verleiht, ragt aus den übrigen Figuren hervor. In mehreren wechselnden Rollen, mal als „Menge“ auf dem Marktplatz, mal als jüdische Gemeinde, mal als Schickeria in New York trägt der Opernchor zur Färbung der Stimmungen erheblich bei. In weiteren Rollen überzeugen Genadijus Bergorulko, Klaus Fischer und Rhys Jenkins.

Pasolinis Weltbild ist klar geordnet. In der Rolle des früheren Rom sieht er heute New York und Washington, als kulturelles und religiöses Zentrum denkt er nicht mehr an Jerusalem, sondern an Paris, an der Stelle des früheren Athen sieht er heute Rom. In seiner moralischen Überzeugung greift er kraft seiner religiösen Botschaft eine Gesellschaft an, deren Kennzeichen die Gewalt des Klassenkampfes, des Imperialismus und des Sklaventums ist. Er sieht die Kirche tief verwundet und gibt auf die Fragen der Menschen „ausschließlich religiöse Antworten“. Seine Moral und seine Ästhetik sind religiös fundiert. Diesen Vorstellungen Pasolinis folgt Alexander May in seiner Inszenierung, in der Wort und Musik die Hauptrollen spielen, das Geschehen erläutern und die Spannung aufrechterhalten. Jana Schatz kümmert sich um mal rätselhafte, mal mystisch-spannende Videoeinblendungen, wenn etwa bei Stimmauftritten von Jesus riesige, sich bewegende Augen die Allgegenwart Gottes symbolisieren.
Sydney Corbett liefert mit seiner Musik die zweite Auftragsarbeit für das Theater Osnabrück und trägt mit seiner Komposition wesentlich zum zeitnahen Charakter dieses Musiktheaters bei. Als Leiter des Forums für Neue Musik in Mannheim steht er in unmittelbarer Berührung mit der aktuellen Musikszene und kann sicherstellen, dass seine Arbeiten wirklich am Puls der Zeit spielen, hier klingt eine „Oper neuen Stils“. Er verzichtet in seiner Musik für San Paolo weitgehend auf gefühlvolle, harmonische Passagen und Arien; mit einem umfangreichen Schlagwerk, mal fein dosiert, mal wuchtig den Raum füllend, schafft er Intensität und Spannung, die manchen Zuhörer überrascht. Dem routinierten Osnabrücker Symphonieorchester unter der Leitung von Daniel Inbal gelingt es vorzüglich, feinfühlig und mit eher sparsamen Mitteln eine überraschende Dichte und Intensität zu erspielen, die sich gegen Schluss noch steigert.
Zwischen den religiös bedeutsamen Tagen des Pfingstfestes und dem Fronleichnamstag präsentiert das Theater Osnabrück mit einem keineswegs fröhlichen Stück eine Inszenierung, der sowohl die Übertragung eines Filmstoffes auf das Medium Musiktheater wie auch die zeitliche Umsetzung eines etwa 2000 Jahre alten Stoffes in eine nahe Zeit gelingt. Und so fällt der Schlussapplaus im mäßig besetzten Haus doch überraschend kräftig aus. In einer stringenten, geradlinig-klaren Inszenierung überzeugt Alexander May das Publikum, dem zunächst widerspenstigen Stoff Höhepunkte abzugewinnen und eine überzeugende, spannende Aufführung zu erleben.
Horst Dichanz