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Residenz Würzburg - Foto © Oliver Lang

Spaß an der Dekonstruktion

COSÌ FAN TUTTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
28. Mai 2018

 

Mozartfest Würzburg

Wie unglaub­würdig ist doch oft, was man so auf der Bühne bei einer Aufführung von Mozarts Dramma giocoso Così fan tutte sehen muss! Wer versteht so recht, dass die angeblich verliebten und verlobten Damen Fiordiligi und Dorabella ihre Partner Guglielmo und Ferrando in höchst durch­schau­barer Verkleidung nicht erkennen, dass sie angeblich nicht merken, dass hinter dem seltsamen Arzt und dem noch wunder­li­cheren Notar ihre Kammerzofe Despina steckt? Und dass nach dem Bäumchen-Wechsel-Spiel eine wirkliche Versöhnung statt­findet? Mozart spottet in seiner 1790 urauf­ge­führten Oper über angeblich beständige Gefühle und nimmt dabei auch die überkommene Opera seria aufs Korn. Damit wendet er sich gegen das höfische Welt- und Menschenbild, gegen die alten Ideale von Treue, Verzicht und Selbst­be­herr­schung und stellt sie zusammen mit seinem Libret­tisten Lorenzo Da Ponte auch mit seinen ironi­schen musika­li­schen Einfällen in Frage, wobei auch die extrem schwie­rigen Partien der Inter­preten ein Stück weit zu einem solchen Eindruck beitragen.

Beim Mozartfest Würzburg kann nun das bis zum Schluss prächtig unter­haltene Publikum im Kaisersaal der Residenz – ein herrlicher Kontrast zur respekt­losen Handlung! – eine solche Dekon­struktion des Üblichen erleben, dank der genialen Darbietung durch Marc Minkowski und seinem auf Origi­nal­in­stru­menten mit spürbarer Lust aufspie­lenden Ensemble Les Musiciens du Louvre. Es versprüht durch­gängig gute Laune, mitrei­ßenden Schwung mit viel Tempe­rament; pointierte Pausen verleiten zum Durch­schnaufen, heftige Betonungen wechseln mit wonnigen Färbungen ab, und trotz feiner Lyrismen entfaltet sich ein breites Spektrum von emotio­naler Verwirrung, Aufregung und Beruhigung, so dass immer wieder neu eine weitere Verun­si­cherung entsteht. Neben dieser musika­li­schen Botschaft des Orchesters, die oft unerwartet mit unter­schwel­liger Ironie garniert ist, verstärken die Sänge­rinnen und Sänger diesen Eindruck, so wie sie vorne auf dem Podium oder im Saal herum wirbeln, wie sie sich finden oder trennen, wie mit einfachen Mitteln – etwa dem Dirigen­tenstab zur Magnet-Heilung der angeblich suizid­ge­fähr­deten Männer – die Szene deutlich wird, wie die Personen in Miene oder Gestik Gefühle signa­li­sieren, die vielleicht gar nicht vorhanden sind.

POINTS OF HONOR

Dirigent



Orchester



Solisten



Programm



Publikum



Chat-Faktor



Und neben dieser leben­digen Verkör­perung des Textes sind die Stimmen ein absolutes Ereignis. Eine herrlich freche Despina verkörpert Giulia Semenzato mit glocken­hellem, agilem, glänzendem Sopran als attraktive, sehr beweg­liche Zofe, falscher Arzt und quäkend daherfa­selndem Notar. Zusammen mit dem ausdrucks­starken Bass von Jean-Sébastien Bou als Don Alfonso, dem lebens­klugen wie listig alles Bestehende zerset­zenden älteren Herrn – ob er ein Philosoph ist, wie oft gezeigt, ist zu bezweifeln – der irgendwie von anarchi­schen Bestre­bungen geleitet ist, wenn er die Paare ausein­ander- oder auch wieder zusam­men­bringt, bildet diese Despina ein despek­tier­liches Intri­ganten-Duo zur Freude des Publikums. Dagegen wirken die beiden Paare irgendwie naiv. Ansonsten zeigt die Handlung, übrigens auch die Anordnung der Stimmen, dass beide Konstel­la­tionen von Mann und Frau im Grund nicht zusam­men­passen. Musika­lisch aber harmo­nieren sie ganz wunderbar. Ana Maria Labin ist eine außer­or­dentlich glanzvoll singende Fiordiligi; ihr strah­lender, großer, sicher positio­nierter Sopran bewältigt mühelos die höchsten Höhen und auch die Regis­ter­sprünge in ihrer unheimlich schwie­rigen Arie Come scaglio und begeistert auch sonst mit vielen Nuancie­rungen und feinen Legati. Etwas schwer­mü­tiger gezeichnet wird Dorabella anfangs sichtbar in ihrer Arie Smanie impla­cabili, nur erstaunlich, dass sie als erste „untreu“ wird. Zu ihrer Rolle passt der leicht metal­lisch unter­legte, kräftige Mezzo­sopran von Serena Malfi. Die Duette der beiden Schwestern sind ein Traum. Als Ferrando präsen­tiert sich Amicio Zorzi Giusti­niani mit seinem hellen, jugendlich timbrierten Tenor mit feinem Schmelz, etwa in seiner Arie Un aura amorosa als hervor­ra­gender Gegenpol zu dem stark auftrump­fenden Guglielmo von Robert Gleadow, der mit seinem reich bemit­telten, diffe­ren­ziert gestal­tenden Bariton ein etwas chole­ri­sches Gegen­ge­wicht zu seinem Genossen Ferrando bildet. Immer wenn er auftritt, funkt es. Ganz besonders schön klingen die Ensembles der Stimmen; sie sind reinster, prickelnder Genuss. Und wenn am Schluss das Orchester triumphal die Versöhnung der Paare beschwört als glänzende Vision, als Wunsch­denken, dann sieht man das den Personen nicht an.

Aber das Publikum, das schon vorher immer wieder geschmunzelt und gelächelt hat, ist mehr als versöhnt mit dieser spannenden konzer­tanten Darbietung, die jede Bühnen­handlung vergessen lässt, und jubelt lange und auch im Stehen begeistert allen Betei­ligten nach über drei Stunden zu. Gut, dass man nach Drott­ningholm und Versailles auch hierzu­lande eine solch wunderbare Aufführung erleben darf.

Renate Freyeisen

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