O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Bernd

Nonnen ohne Guillotine

DIALOGE DER KARMELITINNEN
(Francis Poulenc)

Besuch am
2. Juni 2018
(Premiere)

 

Staatsoper Hannover

Die Dialoge der Karme­li­tinnen erzählen die Geschichte der unter einer Angst­er­krankung leidenden Blanche de la Force, die sich noch in den Zeiten des vorre­vo­lu­tio­nären Frank­reich auf der Suche nach einem sicheren Umfeld in ein Kloster der Karme­li­tinnen zurück­zieht, um später mit anderen Nonnen, ihren Schwestern, gemäß eines Urteils des Revolu­ti­ons­tri­bunals den Tod durch die Guillotine zu erleiden.

Im Mittel­punkt für den Regisseur Dietrich W. Hilsdorf steht bei dieser Hanno­ve­raner Erstauf­führung des Werkes die Angst­er­krankung der Protago­nistin Blanche de la Force. Ihre eigene Familie wie auch das soziale Umfeld des Klosters der Karme­li­tinnen können damit nicht umgehen.

Die Angst­er­krankung der Protago­nistin ist auch das Zentral­thema der der Oper zugrun­de­lie­genden Novelle von Gertrud von le Fort aus dem Jahre 1931. Die Schrift­stel­lerin hat erst später die Handlung in die Zeit der franzö­si­schen Revolution verlegt. Die üblicher­weise sonst oft zumindest im optischen Vorder­grund stehenden histo­ri­schen Elemente der franzö­si­schen Revolution wie die Guillotine, das Kloster­umfeld inklusive der Nonnen­tracht treten in dieser Neupro­duktion in den Hinter­grund. Dabei werden auch die in den Vorlagen und der Oper vorhan­denen, bestim­menden katho­li­schen Kompo­nenten auf ein Minimum reduziert oder zeitweise neutralisiert.

Es wird die Frage provo­ziert, wofür das Werk außerhalb eines katho­li­schen Glaubens­kanons heute noch steht. Die Schöpfer der Vorlagen sowie der Komponist Francis Poulenc waren wesentlich katho­lisch geprägt, und die Oper ist Teil der Renouveau Catho­lique zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Zweiten Vatika­ni­schen Konzil.
In den Kostümen im Stil der 1950-er Jahre von Renate Schmitzer, der Bühne von Dieter Richter, der weitgehend mit einem Einheitsbild bürger­liches Heim und kirch­lichen Raum in einem zeitlosen Ambiente vereint, sowie der Licht­regie von Susanne Reinhardt entsteht ein karger Platz, auf welchem sich eine anonyme und politische Gewalt mit dem Einzel­schicksal kreuzt. Die Guillotine ist durch eine nackte Tür am Ende des Raumes ersetzt, die nach dem jewei­ligen Abgang der Schwestern mit lautem Klang zuschlägt – mehr nicht.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Das Konzept überzeugt – am Ende muss der indivi­duelle Betrachter entscheiden, wie er heute die Verwei­gerung der Nonnen, den Schwur auf die neue staat­liche Zivil­ver­fassung abzulegen, als Gegensatz zur größeren Freiheit, katho­lisch zu sein, bewertet, oder wofür diese Haltung in der modernen Gesell­schaft stehen könnte. Auch der katho­lische Gehalt der Oper wird auf diese Weise hinter­fragt. Schließlich muss sich die Musik ohne religiös anmutende Bildef­fekte behaupten. Sicherlich handelt es sich um ein Werk, das das Ende einer Epoche beschreibt.

Dadurch werden die inten­siven Einzel­studien des in Hannover grandios besetzten Frauen­en­sembles umso mehr in den Mittel­punkt gerückt. Allen voran überzeugt Renate Behle als Alte Priorin Madame de Croissy mit einer rückhalt­losen Darstellung von Alter und körper­lichem Verfall. Die Sängerin vermag, basierend auf ihrer langjäh­rigen Bühnen­er­fahrung, eine stimmlich perfekte Gesangs­leistung mit einer unter die Haut gehenden Bühnen­präsenz zu verbinden. Dorothea Maria Marx als Blanche de la Force spielt die verstö­renden Erschei­nungen ihrer Angst­er­krankung aus, die sie gleichwohl nicht hindern, in den entschei­denden Stellen, insbe­sondere bei diversen Ausein­an­der­set­zungen mit ihren Schwestern im Kloster Stellung zu beziehen. Auch sie wird den hohen Ansprüchen der Partie gesanglich ohne Makel gerecht.

Foto © Bernd Uhlig

Weiterhin hervor­zu­heben ist die Studie der Mère Marie von Monika Walerowicz, die im Laufe der Handlung sich den weltlichen Notwen­dig­keiten auf der Flucht öffnet und anders als viele ihre Schwestern ganz pragma­tisch zu agieren sucht. Ania Vegry als die noch unschuldig und fröhlich erschei­nende Schwester Constance ist ein wunder­bares Gegen­ge­wicht zu den düsteren und teilweise entrückt agierenden Schwestern. Ihre glocken­klare und auch in der Höhe gut geführte Stimme setzt Akzente der mädchen­haften Unschuld in dem verdüs­terten Drama.  Kelly God als Neue Priorin Madame Lidoine überzeugt im Auftritt, auch wenn ihre Stimme in der Mittellage nicht unbelastet klingt.

Die in diesem Werk kleineren Männer­rollen sind mit Simon Bode als Blaches Bruder, Stefan Adam als ihr Vater und Latcheslav Pravtchev als Beicht­vater gut besetzt.

Der Chor und Extrachor der Staatsoper Hannover unter der Leitung von Lorenzo Da Rio bewährt sich vorzüglich und mit ganz beson­derer Wirkung, wenn in der Schluss-Szene die Nonnen zum Salve Regina zum Schafott schreiten, unter­stützt von einem Teil der Sänger auf dem dritten Rang, was der Klang­wirkung der Musik außer­or­dent­liche Wirkung verleiht.

Das Nieder­säch­sische Staats­or­chester Hannover unter der Leitung des jungen Ersten Kapell­meisters Valtteri Rauha­lammi ist wesent­licher Teil dieser entmys­ti­fi­zie­renden Umsetzung. Zügige Tempi, schlankes, durch­sich­tiges Klangbild, fein aufein­ander abgestimmte Holz- und Blech­blä­ser­mo­du­la­tionen von außer­or­dent­licher Durch­hör­barkeit und ein insgesamt zügiger, die Dekla­mation der Sänger stützender Musizier­fluss prägen das Bild des Abends. Eine großartige Leistung des jungen Dirigenten mit einem fabelhaft aufge­legten Orchester.

Starker Applaus für alle Betei­ligten, insbe­sondere auch mit vielen Rufen für die heraus­ra­gende Gruppe der weiblichen Solis­tinnen und das fabel­hafte Orchester beschließen die trotz des warmen Sommer­abends gut besuchte Premiere.

Achim Dombrowski

Teilen Sie O-Ton mit anderen: