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EINE NACHT IN VENEDIG
(Johann Strauss jun.)
Besuch am
3. Juni 2018
(Premiere)
Die zurückliegende Saison hat die seit dem Ausscheiden von GMD Stefan Soltesz anhaltende Talfahrt der einst glanzvollen Essener Oper nicht aufhalten können. Mit einer knochentrockenen Inszenierung der Verkauften Braut startete die Spielzeit, mit einer leidlich unterhaltsamen Produktion eines wesentlich schwächeren Stücks endet sie, wie sie begonnen hat: in grauem Mittelmaß.
Dass man sich angesichts der reduzierten Zahl der Neuinszenierungen mit der Nacht in Venedig ausgerechnet einer der dramaturgisch schlechtesten Operetten von Johann Strauss junior widmet, über die auch charmante Ohrwürmer wie der Lagunenwalzer oder das Gondellied nur bedingt hinweghelfen können, erstaunt, zeugt aber zugleich von einem gewissen Wagemut, von dem in der putzigen, biederen Inszenierung von Bruno Klimek leider nicht viel zu spüren ist. Strauss‘ an sich bewährte Librettisten Friedrich Zell und Richard Genée treiben die Klischees tradierter Verwechslungskomödien so radikal auf die Spitze, dass die Handlung kaum noch nachzuvollziehen ist. Seit der Berliner Uraufführung 1883 versuchten sich denn auch etliche Bearbeiter von Carl Hagemann über Erich Korngold bis zu Walter Felsenstein, Ordnung in das verwirrende Geschehen zu bringen. Ohne nennenswerten Erfolg, der auch Bruno Klimeks Essener Fassung mit ihren überarbeiteten Dialogen nicht beschieden ist.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Klimek, unter anderem als Professor für szenische Ausbildung an der Folkwang-Universität Essen mit dem Metier vertraut, versucht Tempo in die teilweise schwergängige Handlung zu bringen. An dem völlig verflachenden und regelrecht zusammengeschusterten Schlussakt beißt freilich auch er sich die Zähne aus. Dass sich Klimek in konventionellen Bahnen bewegt, die für das problematische Stück nicht ausreichen, vermag er, zum Vergnügen des Publikums, mit ein paar Tricks lediglich zu übertünchen, aber nicht vergessen zu lassen. „Wo ist meine Frau?“ Ein Satz, der sich als Running Gag selbstständig und nicht einmal vor der Musik halt macht. Und wenn die Sänger und Sängerinnen des Chores in weiblichen Rokoko-Kostümen Karneval feiern, legt sich ein bizarrer Hauch über die Szenerie, dessen Bühnenwirksamkeit freilich schnell nachlässt.

Ohne die opulenten Bühnenbauten von Jens Kilian hätte die Produktion szenisch nicht einmal trostloses Mittelmaß erreicht. Kilian sorgt mit einem riesigen Traumschiff für Szenenapplaus und verwöhnt mit einer idyllischen Schneelandschaft. Dass sich das Publikum nach der Pause auch für eine leere, lediglich mächtig eingenebelte Bühne mit heftigem Beifall erfreut, zeugt nicht gerade von außergewöhnlichen Ansprüchen an ein Opernhaus der Oberklasse.
Auch wenn die Musiknummern recht zusammengestoppelt wirken, verfehlen die Klänge von Johann Strauss nicht ihre Wirkung. Allerdings nur, wenn man in der Lage ist, ihren Charme auch freisetzen zu können. Und da lässt Johannes Witt am Pult der recht grob aufspielenden Essener Philharmoniker doch mehr als einen Wunsch übrig.
Und auch mit dem vokalen Niveau ist es nicht gut bestellt. Elbenita Kajtazi als Annina und Christina Clark als Ciboletta werden den Ansprüchen ihrer Rollen gerecht. Der kleine Tenor von Albrecht Kludszuweit in der recht anspruchsvollen Rolle des herzoglichen Leibbarbiers Caramello reicht bei weitem nicht aus. Und das vielköpfige Ensemble empfiehlt sich diesmal, sowohl in größeren als auch in kleineren Rollen, auf einem allenfalls durchschnittlichen Niveau. Dass man von den Dialogen kaum etwas versteht, das wiederum versteht sich angesichts der internationalen Besetzung und des offensichtlich unzureichenden Sprachtrainings wiederum fast von selbst.
Das Premieren-Publikum genießt die merkwürdige Produktion mit hörbar großem Vergnügen, was es auch nicht hindert, mit dem Applaus gar nicht erst das Ende der Nummern oder Akte abzuwarten. Dann stört natürlich auch das grobe musikalische Schnitzwerk der Produktion nicht weiter. Was Sorge bereitet, ist allerdings der eindeutig nach unten gerichtete Trend des Hauses, der in der kommenden Saison unbedingt aufgefangen werden muss.
Pedro Obiera