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CLOWNS UNTER TAGE
(Roberto Ciulli)
Besuch am
7. Juni 2018
(Uraufführung)
Die „Stille, die Töne, Klänge, Geräusche, Musik“ unter Tage könnte auch ein Dokumentarfilm nicht abbilden, davon ist Roberto Ciulli, Gründer und Leiter des Theaters an der Ruhr überzeugt. Mit dem Stück Clowns unter Tage, einer Koproduktion mit den Ruhrfestspielen bringt Ciulli das Thema des Endes des Bergbaus, das Ende einer Epoche auf die Bühne. Mit dem Schließen der letzten Zeche Prosper Haniel in diesem Jahr trocknet die letzte Quelle einer „spezifischen Alltagskultur“ aus, und Ciulli wundert sich über die Paradoxie, dass die Bergleute selbst darüber trauern, „als wäre es ein Glück gewesen, täglich hunderte Meter unter der Erde …zu arbeiten“. An diese Wirklichkeit heranzukommen, sei auch mit den Mitteln der Kunst schwierig. Und deshalb verfremdet er den theatralen Zugriff auf das Thema bewusst und gibt ihn in die Hände von Clowns, die am ehesten das „Heroische“ des Bergmannsberufs, die Nähe des Berufes zur „Unterwelt“, zum „Bereich der Mythen“ übermitteln könnten, den „Mythos des Bergbaus“. Also statt des Traditionsliedes Glück auf, Glück auf, der Steiger… Pianoeinlagen, statt der Knappenkapelle eine gehämmerte Lärm-Symphonie, statt der Kopflampen und Blitzer mickrige Funzeln, bei deren Licht niemand hätte arbeiten können. Nein – kein Abbild des heroischen Bergmannsberufs, eher der Versuch, den Absichten, Gefühlen, Ängsten von Menschen weitgehend pantomimisch näher zu kommen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Hierzu nutzt Ciulli die zahlreichen Facetten der Clown-Figur: Die schwarze Maske des Harlekins eignet sich dazu genauso wie das autoritäre Auftreten des weißen Clowns oder des rebellischen roten Clowns. Kein Zuschauer erwartet vom Clown, dass er die „Wirklichkeit“ abbildet – im Gegenteil: Je verrückter, unwahrscheinlicher, unrealistischer der Clown agiert, umso eher wird er akzeptiert. Und eigentlich agieren alle Figuren in Ciullis Inszenierung irgendwie „clownesk“. Der Arbeiter, der mit dem Hund schmust, die Erwachsenengruppe, die fröhlich die Kinderrutsche bevölkert, die ganze Beerdigungsgesellschaft, die sich immer fröhlicher um den weiß verhüllten Leichnam des Verstorbenen schart, oder gar die Teilnehmer am Rollbrett-Ballett, die ihre Spuren im weißen Mehl – oder der Asche des Verstorbenen? – ziehen. Realität – wozu? Ein Fußballspiel im Pott, na klar, aber nach eigenen Regeln. Der Schiri-Clown verabreicht eine Karte – schwarz natürlich, die frisch gewaschene Wäsche in der Weiß-Kaue leuchtet weiß über der Szene. Der gemeinsame, schüchterne Gesang geht in den Straßenlärm der nahen Autobahn über, der Komponist rührt mit seinem Puccini-Stück die Clowns und den schwarzen Herrn der Unterwelt zu Tränen – eine Geschichte? Nein, Eindrücke, Episoden, Bruchstücke des Lebens im Ruhrpott, durch die Maske der Clowns gesehen. Es gibt immer wieder neue Facetten, neue Ausschnitte aus diesem Leben, das die Menschen nach sehr eigenwilligen Maßstäben leben, gelebt haben. Passend dazu bleibt die Bühne dunkel, meist schwarz, die normierten, gepflegten Kolonien des Umfeldes, die Vorgärten oder der geharkte Bürgersteig fehlen.

Mit elf DarstellerInnen, darunter der Komponist Matthias Flake, mehrere Rentner, ein Italiener und ein rätselhafter Roberto Ciulli in Schwarz, manchmal auch verschleiert, haben viel Raum für lustvolles Spiel und rätselhafte Aktionen, die sich nicht alle dem Zuschauer erschließen. Ob die Clowns wissen, welche Realität sie gerade „brechen“? Sie brechen die so vertraute Welt des Ruhrgebietes und der Mythen des Bergmannsberufes auf und zeigen Ansätze für neue soziale und kulturelle Entwicklungen. Immer weniger werden den Gruß „Glück auf“ verstehen, bald heißt es nur noch „Guten Morgen“ und „Guten Abend“ oder „Buenos dias“ oder „günaydın!“ Und ein Stück Kohle wird ein beliebtes Souvenir.
Diese Zukunft ist den meisten Pott-kundigen Besuchern bewusst. Sie bedanken sich für einen unterhaltsamen, abwechslungsreichen Abend mit großer Spielfreude, der ihnen viel Spielraum für eigene Fantasien lässt und bei dem ihnen der Regisseur zahlreiche Rätsel auch nach Schichtende mit nach Hause gibt.
Horst Dichanz