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LA NONNE SANGLANTE
(Charles Gounod)
Besuch am
8. Juni 2018
(Premiere am 2. Juni 2018)
Ein Abend in der Opéra Comique ist nie eine Enttäuschung. Es wird immer etwas Neues, etwas Originelles geboten, und das auf hohem künstlerischen und musikalischen Niveau. Diesmal ist es die Aufführung einer praktisch unbekannten, fantastischen Oper Charles Gounods, die sich als ein sehr eindrucksvolles Bühnenerlebnis entpuppt.
Charles Gounod ist einer der bedeutendsten Komponisten des Drame lyrique, eine Opernform, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich aus der Verschmelzung von Stilelementen der Grand opéra und Opéra comique entstand. Die Textunterlagen sind hier häufig Stoffe aus Sagen und Märchen. Neu in der Musik sind seine „ausgreifend lyrisch melodischen Entladungen und malerischen orchestralen Wirkungen“. Chor und Ballett dienen zur dramatischen Steigerung. Der junge Gounod war stark von der deutschen Romantik und vor allem von Webers Freischütz beeinflusst. Sein neuer Kompositionsstil hat in der Folge wiederum beträchtlichen Einfluss auf seine französischen Zeitgenossen ausgeübt, selbst auf den heute wesentlich bekannteren George Bizet.
La Nonne sanglante – die blutige Nonne – ist Gounods zweite Oper, 1854 in Paris uraufgeführt. Das Textbuch stammt von Eugène Scribe nach einer deutschen Legende, die der englische Schriftsteller Matthew Gregory Lewis in seiner Gothic novel The Monk übernommen hatte. Die Oper wurde zum diesjährigen 200. Geburtsjahr des Komponisten aus der Versenkung hervorgeholt. Eine erfreuliche Entscheidung der Opéra-Comique, denn das brillante Jugendwerk war schon zu Lebzeiten des Komponisten, trotz großen Erfolgs, von einem prüden Operndirektor abgesetzt und danach in Frankreich nie wiederaufgeführt worden.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Es handelt sich um eine wild-romantische Gruselgeschichte: Anlässlich eines bevorstehenden Kreuzzugs soll auf Betreiben eines heiligen Einsiedlers Agnès Maldaw Théobald Luddorf ehelichen, um ihre verfeindeten Geschlechter zu versöhnen. Doch Agnès liebt Théobalds jüngeren Bruder Rodolphe und er sie. Die beiden Liebenden beschließen ein heimliches Stelldichein um Mitternacht in einer Burgruine, um gemeinsam zu fliehen. Weil in dieser Ruine regelmäßig das Gespenst einer ermordeten Nonne auftaucht, soll Agnès sich für dieses Treffen als diese Nonne verkleiden, um nicht aufzufallen. In der Dunkelheit schwören sie einander ewige Treue, doch entdeckt Rodolphe zu spät, dass er an das wirkliche Gespenst geraten ist, das nun auf das Einhalten seines Schwurs besteht. Inzwischen ist Théobald auf dem Kreuzzug gefallen. Aber durch seinen Schwur gebunden kann Rodolphe Agnès nicht heiraten. Schließlich ist das Nonnengespenst bereit, Rodolphe freizugeben, wenn er seinen Mörder tötet. Ohne zu wissen, um wen es sich handelt, willigt er ein. Inzwischen plant Agnès‘ Familie, Rodolphe wegen Vertragsbruchs zu töten. Als der erfährt, dass sein Vater der Mörder der Nonne ist und gegen seinen Vater nicht sein Schwert erheben will, ist er bereit, getötet zu werden. Doch schließlich opfert sich der von Schuldgefühlen gequälte Vater an Stelle seines Sohnes, und die blutige Nonne findet ewige Ruhe.
Die Inszenierung David Bobées ist gewollt düster. Nach eigener Aussage ist es der Mentalraum, in dem sich die Phantasmen und Ängste abspielen. Das Bühnenbild, das Bobée gemeinsam mit Aurélie Lemaignen entworfen hat, ist schwarz, kalt mit Neon beleuchtet und mit glasierten Kachelsäulen versehen. Und eigentlich kommt nur im zweiten Akt in einer stilisierten gotischen Burgruine mit Dunstschwaden und spärlicher Beleuchtung beim Erscheinen der Nonne und der sie begleitenden Gespenster eine wahrhaft unheimliche Atmosphäre auf. Auch die Kostüme von Alain Blanchot sind schwarz – es sind stilisierte Kostüme des Mittelalters. Lediglich die Nonne ist in weiße Schleier gehüllt, die sich bei ihrem ersten Auftritt zunehmend mit Blut tränken. Die Beleuchtung von Stéphane Babi Aubert und die Choreografie sind bühnenwirksam, schon in der Kampfszene zu Beginn der Oper. Die rau-primitive Atmosphäre des Mittelalters kommt glaubhaft zur Geltung. Immer wieder rieselt Schnee auf die Bühne herunter. Videos von José Gherrak projizieren in manchen Szenen wirbelnde Wolkenfetzen auf den dunklen Hintergrund.

Die Personenführung gefällt. Rodolphe ist eine Traumrolle für einen Tenor, wenn auch eine sehr anspruchsvolle. Auf Grund einer sehr ungleichen Verteilung der Gesangspartien durch den Komponisten kommt ihm der Löwenanteil aller Arien zu, und er ist praktisch allgegenwärtig. Michael Spyres singt die Rolle mit großem Durchhaltevermögen und musikalischem Können. Sein heller, schön timbrierter Tenor kommt sowohl in den dramatischen wie in den lyrischen Szenen voll zur Geltung wie in der Arie Du Seigneur, pâle fiancée im zweiten Akt oder in der reizvollen Kavatine Un jour plus pur im dritten Akt. Schauspielerisch gibt er der Rolle auch die Tiefe des reif gewordenen Mannes, der sich seinen Dämonen stellt.
Die übrigen Sänger kommen dabei etwas zur kurz. Dennoch, Vannina Sontonis voller, auch in den dramatischen Szenen abgerundeter Sopran hat Leuchtkraft, wie im Liebesduett mit Rodolphe im ersten Akt. Und vielleicht noch eindrucksvoller in der hochdramatischen Schlussszene des vierten Aktes, in der ihre Spitzentöne über das donnernde Ensemble hinausstrahlen. Marion Lebègue gelingt es mit irrem, unheilverkündendem Blick und mit tiefem angsteinflößendem Mezzo, sich eine unheimliche Ausstrahlung zu geben. Die Rolle des Grafen Luddorf hat kurzfristig Jérôme Boutillier übernommen und singt und spielt sie mit Würde und sonorem Bariton. Weist er mit seiner Rolle und der des Eremiten nicht schon auf Gounods spätere Oper Roméo et Juliette hin? Den Frieden stiftenden Eremiten verkörpert mit beruhigendem Bass Jean Teitgen. Eine besondere Freude ist der immer optimistische, um seinen Herrn bemühte Page Arthur. Nicht nur weil es die einzige heitere Rolle in diesem düsteren Melodrama ist, sondern auch weil Jodie Devos sie mit leichtem, beweglichem Koloratur-Sopran singt und mit unwiderstehlicher Komik in Gestik und Mimik darstellt, wie in den Couplets Veilleur, je te benis im zweiten oder Je la connais im dritten Akt. Alle anderen Rollen sind entsprechend gut besetzt.
Außer in den beiden fast spielerisch leichten Szenen zwischen Rodolphe und seinem Pagen, die auch in der Orchesterbegleitung zum Teil von beschwingten Walzermelodien begleitet sind, ist die Stimmung der Oper wechselhaft und fast durchweg unheilschwanger und tragisch. Chromatik, ungewohnte Modulationen, alles ist Gounod recht, um die Gruselatmosphäre musikalisch nachzuvollziehen. Auch spart er im Orchester nicht an entsprechenden Mitteln: bei den Bläsern besonders durch vier Naturhörner und eine Bass-Klarinette für die Nonne, beim Schlagzeug durch eine Vielzahl von Pauken, Trommeln, Zimbeln, Tamburinen und Glocken. Das ausgezeichnete Insula Orchestra spielt dabei auf historischen Instrumenten. Auch der Chor Accentus trägt sehr wirkungsvoll und lautstark zur Atmosphäre bei. All die abwechslungsreiche und dennoch folgerichtige Melodik und Klangfülle dirigiert Laurence Equilbey mit Schwung und Energie.
Das Publikum ist begeistert.
Alexander Jordis-Lohausen