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Wenn die Menschlichkeit verloren geht

DER KAUKASISCHE KREIDEKREIS
(Bertolt Brecht)

Besuch am
8. Juni 2018
(Premiere am 6. Juni 2018)

 

Ruhrfest­spiele Reckling­hausen, Großes Haus

Bert Brecht war lange Zeit mit seinen Entwürfen zum Kauka­si­schen Kreide­kreis nicht zufrieden. Über fünf Jahre ziehen sich seine Notizen hin, bevor er 1953 mit den Vorbe­rei­tungen für die Aufführung am Schiff­bau­erdamm beginnt, die 1954 auf die Bühne kommt. Und er hat sehr präzise Vorstel­lungen von den Details des Stückes und seiner Protago­nisten. So soll der Richter Azdak „der niedrigste, verkom­menste aller Richter“ sein, seine Haupt­figur, die Magd Grusche sieht Brecht als „tragische Figur“, „einfältig“, störrisch, willig, ausdauernd, die „den Stempel der Zurück­ge­blie­benen ihrer Klasse trägt“. An viele dieser Anmer­kungen hält sich Michael Thalheimer bei seiner Insze­nierung für das Berliner Ensemble, die dort Ende September vergan­genen Jahres Premiere hat und in diesem Jahr bei den Ruhrfest­spielen erneut auf die Bühne kommt.

Mit harten, fast schmer­zenden Beatschlägen seiner E‑Gitarre stößt Kalle Kalima die Besucher darauf, dass das Stück Der kauka­sische Kreide­kreis begonnen hat, ein „neues Theater“, dem  Illusionen, „Gefühls­du­selei“ und „Chargierung“ fremd sind. Immer wieder betont Brecht die Bedeutung der „bestehenden gesell­schaft­lichen Verhält­nisse“, die Verhält­nisse in der „postmo­dernen Gesell­schaft“, „dem Anfang des Eigentums“, dem „Besitz der Arbeits­ver­hält­nisse“, die die Ursache für zwei Klassen von Menschen sind. Doch diesen in einer Rahmen­handlung versteckten politi­schen Bezug hat Thalheimer weitgehend gestrichen, bis auf die Erzäh­lungen des eleganten Sängers, der eine Randrolle spielt. Die Dienstmagd  Grusche und der windige Richter Azdak führen Brechts Interesse an der Kinds­ge­schichte weiter. Es geht ihm im Kreide­kreis nicht um die Frage nach dem Eigentum am verlo­renen Kind, ihm geht es um „ein unhin­ter­geh­bares Fundament für die Begründung von Gemein­schaften“, für die Beziehung zwischen der Mutter und ihrem Kind. Kann der einzelne das verlo­ren­ge­gangene Recht durch eine „Natura­li­sierung des Unrechts“, durch die Frage an den „gesunden Menschen­ver­stand“ zurück­holen? Als Azdak  der Grusche das Kind, das sie nicht geboren hat, in einer Art „Gottes­urteil“ zuspricht, ist sie erleichtert, glücklich, auch wenn sie ihren Verliebten dadurch verliert.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Stefanie Reinsperger hat sich mit ihrem unglaublich direkten, naiven, sensiblen und zugleich groben Spiel  einen Namen gemacht, sie trägt den Abend in all seinen Facetten. Ingo Hülsmann spielt einen dezenten, randstän­digen Sänger und Erzähler auf der durchweg dunklen Bühne, und Tilo Nest zieht als ungeho­belter, grobschläch­tiger Azdak gekonnt alle Negativ­as­so­zia­tionen auf sich, bis er – zu aller Überra­schung – die biolo­gische Mutter­schaft des Kindes missachtet und Grusche das Kind zuspricht. Warum ihm das einen Eimer voll Bühnenblut über den Kopf bringt, bleibt genauso unergründlich wie der Blutkreis, in dem er dieses Urteil fällt. So verwandelt Thalheimer mit seiner Konzen­tration auf die starken Bühnen­fi­guren Grusche und Azdak und in gleich drei Rollen und hinter­grün­digem Spiel Peter Luppa die Frage nach dem „recht­mä­ßigen“ Mutter­glück in Brechts gesell­schafts­kri­ti­scher Parabel in ein Unter­hal­tungs­stück um Famili­en­glück und ‑leid. Die gesell­schafts­kri­tisch-politische Frage, ob es „Eigentum“ an einem Menschen, einem Kind geben kann, wird nicht weiter geführt. Die Bezie­hungen zwischen den wirtschaft­lichen, morali­schen und sozialen Systemen, die Dramaturg Bernd Stegemann im Programmheft wortreich und nachvoll­ziehbar thema­ti­siert, sind auf der Bühne kaum wiederzufinden.

Foto © Matthias Horn

Da ist inzwi­schen längst einge­treten, was 1955 L‘Express nach einer sensa­tio­nellen Pariser Aufführung zu Brechts Stück betont. Brechts neues Stück stelle „das Theater der Zukunft“ dar. Brecht hat immer wieder die Bedeutung der „gesell­schaft­lichen Verhält­nisse“ für sein Theater betont und die Aufnahme der „sozialen Frage“ gefordert. Obwohl Thalheimer vor allem durch den Erzähler diese Fragen tangiert, spielen sie in der Drama­turgie seiner Insze­nierung keine Rolle. In dem Dreieck von Adzak, Grusche und Natella herrschen die „einfachen“ Gefühle vor und präsen­tiert die Insze­nierung durchaus bekannte Lösungen für Alltags­pro­bleme, schlicht und nachvoll­ziehbar. Das als Parabel für die Macht­ver­hält­nisse einer „postmo­dernen Herrschaft“ zu sehen, wäre reichlich überinterpretiert.

Wenn sich das Publikum nach einer Aufführung, die im Mittelteil durchaus Längen aufweist, zu reichlich Beifall motiviert sieht, gilt der vor allem einem Ensemble, das mit seinem Einsatz überzeugt und häufig genug von einer bewegenden und eindringlich spielenden Stefanie Reinsperger als Grusche mitge­rissen wird.

Horst Dichanz

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