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RIGOLETTO
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
10. Juni 2018
(Premiere am 20. Dezember 2014)
Rigoletto-Befriedung am Opernring!“ So ließe sich in Boulevard-Manier die 25. Aufführung des Verdi-Stücks in der Neuinszenierung Pierre Audis an der Staatsoper resümieren. Was die Anhängergemeinde der Wiener Staatsoper auf Anhieb bekräftigen dürfte, liest sich in einer längeren, dann auch für Außenstehende verständlicheren Fassung vielleicht wie folgt. Nach diversen Rückschlägen und unfreiwilligen Besetzungsänderungen scheint die Repertoireoper schlechthin – über 700 Aufführungen allein hier – wieder in die sichere Spur gefunden zu haben. Nur noch Erinnerung wird wohl die schlechte Nachricht der Premiere 2014 sein, als ein gänzlich indisponierter Simon Keenlyside in der Titelpartie im zweiten Akt seinen Auftritt abbrechen muss. Und nicht zwingend dürfte die krankheitsbedingte Absage von Juan Diego Flórez für die Aufführungen am 7. und 10. Juni als Fortsetzung einer Unglücksserie empfunden werden, die sein Wiener Duca-Gastspiel auf einen Auftritt reduziert. Kommt doch so der Tenor Ivan Magrì in einer Repertoire-Aufführung zu einem vielversprechenden Debüt im Haus am Ring. Das österreichische Fernsehen jedenfalls – auch ein Indiz – sieht keinen Anlass, seine Disposition umzustoßen. Die Übertragung von Rigoletto geht an diesem Sonntagabend wie geplant über die Bühne, einmal live, einmal zeitversetzt auf einem anderen Kanal.
Verdis Melodramma in Zusammenarbeit mit seinem Librettisten Francesco Maria Piave nach Victor Hugos Skandalstück Le roi s’amuse verlangt seiner politischen und psychologischen Substanz wegen nach einem klugen, feinsinnigen Regiekonzept. Er habe, schreibt der Komponist zwei Jahre nach der Uraufführung des Werks 1851 in Venedig, an seinen Freund Cesare de Sanctis, einen „neuen, großen, schönen, abwechslungsreifen Stoff“ auf die Bühne bringen können, „kühn bis zum äußersten“. Will ein Regisseur die tiefe menschliche Wahrheit und die dramatische Spannung im Beziehungsgeflecht der Handelnden aufzeigen, muss er insbesondere das Doppelleben, die Doppelbödigkeit der Titelfigur zur Geltung bringen. Ist doch Hugos Triboulet, der bucklige Narr und skrupellose Intimus seines absolutistischen Herzogs, das, was als gespaltene Persönlichkeit zu begreifen wäre. Während er gnadenlos die diversen Opfer von Gewalttaten seines Herrn, vor allem an Frauen und Mädchen, die er dem Wüstling auf dem Thron zuführt, verspottet, lebt er selbst in der Illusion einer „reinen“ Eigenwelt. In dieser unternimmt er alles, seine Privatsphäre und damit Gilda, seine Tochter, aus dem Dreck heraushalten zu können, den er mit Wonne in aller Öffentlichkeit bedient.
Erst in dem Maße, wie dieser Selbstbetrug durch sein eigenes Tun zusammenbricht und Gilda unvorhergesehen das Opfer seines Zynismus und seiner Rachefeldzüge wird, wandelt Rigoletto sich zu einem wahren Menschen, zum liebenden Vater, fähig zu Empathie. Verdi lässt ein Jahr zuvor schon mit Stiffelio seine tiefe Zuneigung für Menschen erkennen, die von gesellschaftlichen Konventionen ausgegrenzt werden. Die Metamorphose des Rigoletto vom hasserfüllten Außenseiter zum liebenden Vater ist Verdi nichts weniger als eine willkommene stringente Folie für die persönliche Weiterentwicklung, als Komponist, als Mensch, der Farbe bekennt. Wenn das nicht ein Stoff für das lebendige Musiktheater ist.
Leider ist an Inszenierungen, die die pralle Komplexität der Figur des Rigoletto auf der Theaterbühne plausibel zu machen verstehen, im Gegensatz zur Beliebtheit der Oper in aller Welt ein echter Mangel. Daran ändern auch innovativ gedachte Deutungen nichts, die wie beispielsweise Jan Bosse zum Verdi-Jahr 2013 an der Deutschen Oper Berlin dem Stoff durch Überstülpen einer äußeren Dimension eine gesellschaftlich relevante Bedeutung beizumischen versuchen. Seine Idee damals kulminierte in dem Unterfangen, die Protagonisten unter Einbindung von Flächen rund um den Orchestergraben auf engste Tuchfühlung mit dem Parkett agieren zu lassen. Seht, so Bosses Botschaft an das Publikum, zwischen den feixenden Höflingen im Mantua des 16. Jahrhunderts und euch gibt es keine wesentlichen Unterschiede.
Auf diesem reflektierenden Hintergrund lässt sich über die Inszenierung Audis wenig sagen. Weder provoziert sie, noch schränkt sie die Konzentration auf Verdis Musik in unliebsamer Weise ein. Verrat und Verführung, Gewalt mit Sprache und Dolch spielen sich in einem vom Ausstatter Christof Hetzer besorgten unprätentiösen Ambiente ab, das sich mit grau-schwarzen Tönen und einer Melange aus Holz oder Metall sowie im letzten Bild einem demolierten Verschlag begnügt. Der stellt die Behausung des Briganten Sparafucile dar. Über Gildas Heim schwebt bedrohlich ein sackähnliches Wolkengebilde, das den Schrecken des Finales vorwegzunehmen trachtet. Zudem ächzt die Drehbühne bei jeder Bewegung.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Restriktion des Regiekonzepts lässt sich auch an Kleinigkeiten festmachen. Rigoletto erlebt die Wandlungen seiner Existenz von der Narrenfreiheit zur bemitleidenswerten menschlichen Kreatur ohne jeglichen Kostümwechsel. Dabei wären rein äußerliche Veränderungen der einfachste Weg gewesen, die Transformation seiner Persönlichkeit sichtbar zu machen. Bei einem Teil der kleineren Rollen wird Verdi mehr verwaltet als gestaltet. Jongmin Park etwa, der an Stelle des erkrankten Ryan Speedo Green den Sparafucile gibt und so ebenfalls zu seinem Staatsopern-Rollendebüt gelangt, spielt den Profimörder nicht. Vielmehr gibt er ihm lediglich seine Stimme, das im Übrigen mit seinem angenehm klingenden Bass durchaus annehmbar. Alexandru Moisiuc vermag dem Monterone, immerhin einer Schlüsselfigur des Ganzen, nicht viel abzugewinnen.

In den drei Hauptpartien dagegen sind äußerst achtbare, wenn auch durchaus unterschiedliche Anstrengungen in der gemeinsamen Zielsetzung zu beobachten, einer Repertoirevorstellung den Rang eines Ereignisses zu verleihen. Paolo Rumetz, Ensemblemitglied der Staatsoper, repräsentiert in der Titelpartie die spielerische Linearität seiner Rolle leider auch stimmlich. Die Kantabilität, mit der Verdi im Feueratem seiner künstlerischen Bestimmung diesen Rigoletto angelegt hat, und der Reichtum an Nuancen bleiben hinter dem begreiflichen Bestreben zurück, die kräftezehrende Strecke der Partie bis zum Ende couragiert durchzuhalten. So gerät schon die Beleidigung Monterones Voi conguraste contro noi im ersten Akt blass, bleiben die aufkeimende Panik in Cortigiani, vil razza dannata sowie die Verzweiflung nach der Entdeckung der sterbenden Gilda im Finale ohne die emotional packenden Momente.
Als „Newcomer“ kann Magrì an einem solchen Abend nur gewinnen. Sein Tenor ist im Vergleich zu der schlanker und lyrischer grundierten Stimme von Flórez robuster und voluminöser. Und so entwickelt sich seine Vorstellung ungeachtet einiger technischer Einschränkungen, so im Wechsel der Register und in der Homogenität des Ausdrucks, bis hin zur subtil-maliziös intonierten Canzone La donna è mobile im Finale prächtig. Aida Garifullina bietet als Gilda die imponierendste Leistung des Abends. Die Sopranistin verbindet ein der Rolle korrespondierendes angenehmes Timbre mit der Fähigkeit zu Belcanto-Können und malerisch perlenden Koloraturen, was sie in Caro nome eindrucksvoll beweist. Sie bewältigt die Partie mühelos, verzaubert durch ihr Spiel, in dem sich die erotische Neugier der jungen Frau mit der zärtlichen Liebe zum Vater die Waage halten. Zu Höhepunkten avancieren vor allem dank ihr die Duette mit Duca und Rigoletto. Überhaupt sind es ja die Ensembles, die Duette und das kunstvoll geflochtene, überirdisch schöne Quartett Bella figlia dell’amore, die das Publikum in ihren Bann ziehen. Hier wie generell arrondiert Elena Maximova als Maddalena mit ihrem vital geführten, prägnanten Mezzo den positiven vokalen Gesamteindruck. Für den sorgt auch der formidable Männerchor mit seinen Auftritten, einstudiert von Martin Schebesta. In ihren regelrecht prasselnden, disruptiven Passagen gehören sie mit zum Besten, das Verdi auf diesem Gebiet geschaffen hat.
Marco Armiliato, spürbar hingerissen von dieser Italianità, setzt mit dem Orchester der Wiener Staatsoper alles daran, der Aufführung unter ihren besonderen Bedingungen Rang und Charakter zu verleihen. Unter seinem Dirigat glühen die Klangfarben der Partitur, winden sich die melodiösen Einfälle zu immer neuen Mustern an Ausdruck und Kantabilität. Nicht immer gerät die Abstimmung zwischen Orchestergraben und Sängerdarstellern optimal, in deren Dienst sich Armiliato erkennbar stellt. Partiell deklamiert er Passagen leise, aber sichtbar vor sich hin, so das Singen auf der Bühne unterstützend.
Das Publikum zeigt schon früh durch Szenenapplaus – etwa für Gildas Solo, das Duett zwischen Herzog und Gilda und eben das fulminante Quartett im Schlussakt – wie sehr es mit dieser Rigoletto-Besetzung im Reinen ist. Der anhaltende Jubel am Ende gilt allen musikalischen Akteuren, hörbar insbesondere Garifullina. Die Wiener Staatsoper zählt zu den Häusern weltweit, die ihre Ausnahmestellung wesentlich einer prononcierten Repertoirekultur verdanken. Quod erat demonstrandum.
Ralf Siepmann