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TOXIC
(Technocandy)
Besuch am
21. Juni 2018
(Uraufführung am 4. Mai 2018)
Da machen sich die älteren Menschen doch gern mal Sorgen, wenn es um die Jugend geht. Statt Tageszeitung wird das Hass- und Schmähportal Facebook zur Hauptinformationsquelle, statt Tagesschau stellt der Nachwuchs sich das eigene Fernsehprogramm auf YouTube und Netflix zusammen. Für die Kommunikation mit den peer groups ist kein persönliches Zusammentreffen mehr erforderlich, es reicht die gesprochene Nachricht in einem Chat-Programm. Die deutsche Sprache verkommt zu einem rudimentären Gemisch aus Abkürzungen und englisch-anmutenden Begriffen in Klassen mit Ausländeranteilen weit über 70 Prozent. Und das in einer Zeit, in der die Rechtspopulisten das Internet für sich entdeckt haben und also die Beherrschung der Sprache umso wichtiger wäre, um den Wirrköpfen die richtigen Antworten entgegenzusetzen. Das kann einem schon Angst machen.
Wenn man Technocandy nicht kennt. Technocandy – das ist ein Theaterkollektiv, das sich aus der Kulturwissenschaftlerin und Regisseurin Golschan Ahmad Haschemi, dem Autor und Regisseur Frederik Müller und der Schauspielerin und Regisseurin Banafshe Hourmazdi zusammensetzt. Ja, wir werden uns neben Maier, Schulz und Schmidt in Deutschland an neue Namen gewöhnen müssen. Welch eine Bereicherung. Seit zwei Jahren arbeiten die drei Künstler zusammen, haben mit ihrem Stück Meine Nase läuft – Deine Stars hautnah schon einmal den „Alltagsrassisten“ die rote Karte gezeigt, jetzt werfen sie in Oberhausen mit ihrem neuen Stück Toxic – also giftig – Fragen nach deutscher Sicherheit auf.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Ausgangssituation ist klar. Da gibt es eine Polizei-Akademie, sehr schön in Szene gesetzt von Debo Kötting, der zwei Türme und eine Drehscheibe auf die Bühne stellt, die Protagonisten mit Fahrrädern, Helmen und paramilitärischen Kostümen ausstattet. Und da gibt es den Ausbilder Mave, dargestellt von Haschemi, den Rekruten Dave, der von Müller verkörpert wird, und den Neuankömmling Rave, den Hourmazdi gibt. Da wird der Alltag in der Akademie dargestellt, Patrouille-Fahrten, unsinnige Ausbildungsrituale, Wachdienst. Das ist alles handwerklich sauber gearbeitet. Von der Raumaufteilung über den Nebeleinsatz bis zur Videoprojektion stimmt hier alles. Das einfach gestaltete Licht mag auch mit den Nöten des Saales zusammenhängen, der früher Malersaal genannt wurde, heute nur noch Saal 2 heißt.
Dazwischen streuen die Akteure ihre Monologe, Dialoge und Tanzeinlagen. Das ist in den Bewegungsabläufen gut gemacht, eindrucksvoll die Choreografie, beim Text strauchelt Müller mehrfach und auffällig. Das ist schade, weil die Texte eigentlich gestochen scharf die gegenwärtige Situation abbilden. Da ist einerseits der unbedingte Wille, Sicherheit zu schaffen, der durch die polizeiakademische Situation noch verschärft wird, andererseits treten immer drängender die Fragen in den Vordergrund, die persönlichen Fragen, die sich darum drehen, wie man mit der Erschöpfung im Dienst um die Sicherheit umgeht, ob das Gutgemeinte tatsächlich auch das Gute bewirkt. Dass die drei sich dabei auch historisch informiert zeigen, wenn sie von der Begegnung Hitlers mit einem englischen Soldaten berichten, der den erschöpften Gefreiten am Leben ließ, stärkt das Stück ungemein.

Dass es am Ende doch auseinanderbricht, hängt wohl eher mit dem Bedürfnis des Kollektivs zusammen, ein Statement zu setzen. Positiv formuliert, könnte man auch davon sprechen, dass es einen Epilog gibt. Nachdem sich die Situation in der Polizei-Akademie im Nebel aufgelöst hat, werden die Besucher in den Innenhof des Theaters gebeten. Dort haben die Akteure nochmals ihre Kostüme gewechselt, zu den Instrumenten gegriffen und stehen auf der Feuertreppe, um dem Publikum ihr Lied von Technocandy zum Besten zu geben. „Wir sind Technocandy, habt keine Angst. Wir sind Technocandy, habt Angst.“ Das haut einen nicht um, auch wenn es nett gemacht ist. Da ist dann schon der Abschluss stärker, wenn die jungen Leute das Lied der Moorsoldaten intonieren.
Das Lied der Moorsoldaten haben wir Alten schon auf der Klampfe gespielt, weil es ein Lied ist, von dem sich jeder beeindrucken lässt. Es erzählt vom Widerstand auch in der aussichtslosesten Situation. Dass es bei der Jugend angekommen ist, zeigt, wie wichtig es bei allen Zweifeln ist, eine Haltung zu haben. Die drei von Technocandy machen Mut, besiegen unsere Ängste und stehen für eine starke Haltung. Bei diesem Nachwuchs können wir getrost unsere Befürchtungen außer Acht lassen.
Umso bedauerlicher, dass zur Dernière nur noch wenige Zuschauer gekommen sind. Die aber applaudieren umso herzlicher im Innenhof des Theaters einem Kollektiv, das an diesem Abend nicht alle Antworten geben konnte, aber viele intelligente Fragen aufgeworfen hat, die optimistisch stimmen. Weil die Jungen so stark und engagiert auftreten, dass das Elend der Rechtspopulisten bei uns keine Chance hat.
Michael S. Zerban