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NABUCCO
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
23. Juni 2018
(Premiere)
Seien wir ehrlich. Warum schaut man sich 176 Jahre nach ihrer Uraufführung an der Mailänder Scala die Oper Nabucco von Giuseppe Verdi an? Wenn man kein zynischer, abgestumpfter Kritiker ist, dann doch deshalb, weil man eineinviertel Stunde darauf wartet, dass der Gefangenenchor Va, pensiero singt. Und jeder Regisseur tut gut daran, die Vorlaufzeit möglichst kurzweilig zu gestalten, und setzt alles darauf, den Chor im entscheidenden Moment genial wirken zu lassen, um anschließend zu einem gnädigen Schluss zu kommen. Mehr verlangt kein Besucher von dieser Oper und ihrem Regisseur.
Roman Hovenbitzer weiß, dass es so ist. Und er will nicht für die Kritiker, sondern für das Publikum inszenieren. Also macht er es so einfach wie möglich. Er nimmt die Geschichte mit der Religion und die noch kompliziertere Geschichte mit den verschiedenen Völkerstämmen weg und reduziert die Handlung auf einen Familienzwist. Das ist großartig, weil das jeder kennt und versteht. Während der Ouvertüre lässt er einen Familienahnen beerdigen. Beim anschließenden Reue-Essen gerät die Familie in Streit, aus dem sich ein Konflikt über Generationen entwickeln wird.
Hovenbitzer fokussiert dabei auf die zeitlose Auseinandersetzung zwischen Nabucco und seinen beiden Töchtern. Magali Gerberon hat dazu fantasievolle Kostüme entwickelt. Da macht es Spaß hinzugucken. Beinahe jedes Kostüm hat irgendeine Besonderheit, die es zu einem außergewöhnlichen Kleidungsstück werden lässt. Gut, der Auftritt der „Goldjungs“ in der Festszene ist so tuntig geraten, dass man sich das hätte sparen können, aber auch hier sind die Kostüme mehr als einfache Theaterkostüme. Ähnlich verhält es sich beim Bühnenbild von Roy Spahn. Der Grundaufbau ist gewissermaßen eine umgekehrte Drehbühne. Hier werden die Außenwände der Grundfläche verschoben, anstatt die Grundfläche zu bewegen. Die ihrerseits wird immer wieder kleinteilig umdekoriert. Das ist sehr liebevoll gemacht und läuft auf die eindrucksvolle Darstellung des Gefangenenchors an der entscheidenden Stelle hinaus. Bis heute wird beim Theater Krefeld Mönchengladbach die Bedeutung des Lichts nicht erkannt. Zumindest wird in der Besetzungsliste bis heute nicht der Licht-Verantwortliche genannt. Das ist in diesem Fall besonders unglücklich, weil Tobias Wagener als Beleuchtungsmeister eine wirklich wunderbare Arbeit leistet. Der Gefangenenchor wird geradezu genial ausgeleuchtet. Wächsern die Gesichter, fahl, alles Leiden findet hier im Licht statt. Und wirklich hat sich Hovenbitzer ganz auf diesen Moment kapriziert. Auf der Außenwand ist eine Gefangenenunterkunft in Form von Mehr-Etagenbetten hergestellt. Auf den Betten die mageren Gestalten, die kaum mehr Verzweiflung ausdrücken könnten. Nabucco taucht im beginnenden Irrsinn dort auf, wird von einer Gefangenen und ihrer Tochter versorgt. Die Dramaturgie feiert sich selbst. Zwischendurch wird noch ein Toter aus den Bettgestellen gezogen und in ein weißes Tuch geschlagen. Abgesehen von diesen herausragenden Momenten fährt der Regisseur einigen Theaterzauber auf, der die Stimmung unterstreicht.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Stimmung macht vor allem Johannes Schwärsky. Der Bariton spielt hier als Nabucco die Rolle seines Lebens. Das hätte an der Wiener Staatsoper nicht besser funktionieren können. Textverständlich bringt er glaubhaft auf die Bühne, was eigentlich nicht geht: Der ständige Wechsel zwischen gottgläubigem, gottgleichem, verzweifeltem und was nicht noch alles König gelingt ihm, dass es unter die Haut geht. Eines ist er nach diesem Abend gewiss: der König vom Niederrhein unter den Sängern. Ansonsten ist die sängerische Leistung eher durchmischt. Matthias Wippich bringt als Zaccaria seinen Bass in den ersten beiden Akten eher näselnd an den Mann, um dann im dritten und vor allem im vierten Akt in Darstellung und Gesang zu begeistern. Ismaele hat ein Problem. Kairschan Scholdybajew überzeugt zwar sängerisch, wirkt aber neben der über einen Kopf größeren Eva Maria Günschmann unglaubwürdig. Hier hat irgendjemand in der Besetzung ordentlich gepennt. Ebenso wie bei Lydia Easley. Sie versucht als Gast, der Abigaille Stimme zu verleihen. Dieser Rolle ist sie aber ganz und gar nicht gewachsen. In der Mittellage versagt die Verständlichkeit, in den hohen Lagen die Stimme. Darstellerisch bleibt sie im Mittelmaß. Besagte Günschmann singt sie als Fenena glatt an die Wand. Im Schauspiel zeigt sich die Mezzosopranistin ohnehin souverän. Die weiteren Rollen fügen sich passend in das Gesamtgeschehen ein.

Was aber ist mit dem Chor? Dem Gefangenenchor, auf den alles hinausläuft? Michael Preiser ist es hier wirklich gelungen, eine sehr eigene Fassung von Va, pensiero zu schaffen. Der Chorleiter verzichtet weitgehend auf das Kämpferische, sondern schafft eher eine poetische Version im Klangbild. Die ganz großen Ausbrüche bleiben aus, dafür hält das Zarte, Zerbrechliche Einzug. Aber auch, wenn die Gänsehaut ausbleibt, hat das Ganze einen wirklich eigenen Klang, der den Text eindringlicher darbietet als den Effekt. Man könnte so sagen: Es geht mehr unter als auf die Haut. Das Publikum, das bisher mit Szenenapplaus nicht gespart hat, wird an dieser Stelle nachdenklich und vergisst das eventgesteuerte Klatschen. Kribbelt ja auch irgendwie.
Die Musik läuft dabei so vorbei. Diego Martin-Etxebarria und die Niederrheinischen Sinfoniker erledigen einen ordentlichen Job, der Dirigent hat Orchester wie Sänger im Griff. Ein paar Mal leuchtet die Italianità Verdis auf, einige Male tauchen ungewohnte Klänge auf, aber immer fühlt man sich im Fluss.
Da fällt der Applaus entsprechend aus. Das Publikum bleibt lange sitzen, klatscht die Applausordnung durch, um sich letztlich doch teilweise zu erheben. Hovenbitzer hat mit seinem Team alles richtig gemacht und alles in allem eine Repertoire-Vorstellung geschaffen, die in Mönchengladbach und Krefeld noch viel Aufmerksamkeit erlangen wird.
Michael S. Zerban