O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Zum Festwochenende „325 Jahre Oper in Leipzig“ hat sich Leipzigs GMD Ulf Schirmer einen besonderen Wunsch erfüllt. Alban Bergs Lulu, für Schirmer eine Art „Lebensoper“, die ihn seit 35 Jahren begleitet, ist ein Klassiker des 20. Jahrhunderts. Die Kindfrau Lulu ist das Abbild einer Zeit, die aus den Fugen geraten ist. Als Projektionsfläche für erotische Männerfantasien steht sie für die obsessive Suche nach dem eigenen Ich hinter der Oberfläche eines schillernden Scheins, bei denen sich Triebe über gesellschaftliche Konventionen erheben. „Ich habe nie in der Welt etwas anderes erscheinen wollen, als wofür man mich genommen hat, und man hat mich nie in der Welt für etwas anderes genommen, als was ich bin“, so Lulu. Aber wer ist sie wirklich?
Alle Welt dreht sich um sie und dennoch vermag keiner diese Frage zu beantworten, am wenigsten diejenigen, die ihr verfallen sind. Im Laufe ihres Lebens trifft Lulu auf unterschiedliche Männer und Charaktere, mit denen sie Beziehungen eingeht, die allesamt unglücklich, ja, fatal enden. Sie heiratet einen älteren Arzt, betrügt ihn mit einem avantgardistischen Maler. Der Gatte erwischt die beiden in flagranti und stirbt an einem Herzanfall. Daraufhin heiratet Lulu den Maler, der jedoch an dieser Beziehung zugrunde geht und schließlich Selbstmord verübt. Und dann ist da noch der seltsame Dr. Schön, der Lulu als Zwölfjährige zu sich nahm und ihr, die schon als Kind vom Vater missbraucht wurde, eine Zukunft gibt und den gesellschaftlichen Aufstieg ermöglicht. Dr. Schön ist der Einzige, den sie nicht manipulieren kann, der sich ihr widersetzt. Sie will ihn besitzen, und als ihr das nicht gelingt, tötet sie ihn hinterrücks. Eiskalt und ohne Reue, und wendet sich scheinbar ohne Skrupel Dr. Schöns Sohn Alwa zu, der ihr auch verfällt. Der Anblick Lulus gleicht dem Blick in einen Spiegel, der sein Gegenüber mit seinen eigenen Obsessionen konfrontiert und langsam daran zugrunde gehen lässt. In der Schlussszene, für den Zuschauer nicht sichtbar, setzt mit dem Massenmörder Jack the Ripper ebenfalls ein Instinktwesen dem Fluch Lulus ein Ende und läutet damit zugleich eine neue Zeit ein, das Zeitalter einer durch und durch verrohten Gesellschaft. Es ist ein dramatischer zwölftonaler Schlussakkord, nicht ästhetisch, aber kalt wie Stahl und brutal wie ein Hammerschlag.
Alban Bergs Zwölftonoper Lulu beruht auf personenbezogenen Tonreihen, die es dem Komponisten ermöglichen, seine Charaktere mit unterschiedlichen konstruktiven Mitteln und in unterschiedlichen Tonsystemen zu selbstständigen musikalischen Sphären zu entwickeln. Die noch nicht vollständig instrumentierte Oper kommt am 30. November 1934 als Fragment in Berlin zur Uraufführung. Ihre endgültige Fassung erhält sie durch die Fertigstellungen des 1926 geborenen österreichischen Komponisten und Dirigenten Friedrich Cerha und gelangt als Dreiakter 1979 in Zürich zur Uraufführung. Man kann die Oper auch als tonale Musik mit Mitteln der Zwölftonmusik bezeichnen, denn neben atonalen Klangfarben sind auch große tonale Tondichtungen zu vernehmen, die an die große Zeit der Romantik erinnern. Schirmer bezeichnet die Musik selbst als „silberne Operette der Zwölftonmusik“ mit Cabaret-Atmosphäre, und kein Wagnersches Musikdrama, das gilt insbesondere für den ersten Akt. Auf musikalischer Ebene arbeitet Berg zwar mit Leitmotiven, doch die mathematische Konstruktion der Musik tritt stets zurück hinter die atmosphärische Wirkung und den Farbenreichtum des Klangs.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Im Mittelpunkt von Lotte de Beers Inszenierung steht der Stummfilm, den Alban Berg für den zweiten Akt vorsah. Dort treibt er die Handlung voran. Die Videoprojektionen von Momme Hinrichs und Torge Møller treten über die gesamte Strecke an Stelle das Bühnenbildes von Alex Brok, das nur aus wenigen Stellwänden besteht. Auf sie werden neben historischen Aufnahmen in Anlehnung an die Stummfilmzeit auch Zitate aus der Oper projiziert. Hier wäre eine durchgängige Einblendung von Übertiteln für das Publikum sicher eingängiger gewesen, denn der Text ist nicht leicht verständlich, die Handlung bisweilen konfus. Während das Zusammenspiel von Video und Musik an der vorgesehenen Stelle gelingt, ist die Idee, auf Video statt auf Kulisse zu setzen, über die drei Akte insgesamt gesehen etwas ermüdend und wirkt wie ein dramaturgischer Einheitsbrei.
Am Ende ist die Regie auf ein notwendiges Minimum reduziert – die Leinwand flackert hier größtenteils schwarz – Sinnbild für die düstere Atmosphäre nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Inneren der Seele der kranken Lulu. Jorine van Beek hat die der Zeit entsprechenden Kostüme angefertigt. Durch das stilistische Mittel der Rückblenden mit Hilfe des Stummfilms in schwarzweiß können nicht nur die unterschiedlichen Orte wie Wien, Berlin, Paris und London im Zeitraffertempo eingespielt werden, durch Originalfilmausschnitte der frühen Zwanziger Jahre wird der Zuschauer wie in einem Kino in die Vergangenheit katapultiert und erlebt so in teils drastischen Bildern den Missbrauch der kleinen Lulu durch Ihren Vater, der sie dann auch noch an andere pädophile Freier verkauft. Ein missbrauchtes, traumatisiertes Kind, das seine Seele, seine Gefühle verloren hat und wie ein kalter Engel zum männermordenden Vamp mutiert.
Dass am Ende ihres sozialen Abstieges, wo sie als Prostituierte versucht zu überleben, ihre Freier die selben Figuren sind wie ihre verstorbenen Männer, ist genauso bizarr wie genial. Dass ihr Mörder Jack the Ripper in der Figur des von ihr getöteten Dr. Schön auftritt, gibt dem psychopathischen Seelenstriptease eine besonders pikante Note. Sigmund Freud hätte seine Freude gehabt. Am Schluss schließt sich der Kreis, und die junge Lulu betritt die Bühne. Das ist ausdrucksstark als Bild, aber nicht aussagekräftig im Hinblick auf die emotionale Komponente der Protagonisten. Doch kein kalter Engel? Nur eine arme geschundene Kinderseele? Diese Frage bleibt am Ende offen und muss von jedem Zuschauer selbst beantwortet werden.

Rebecca Nelsen gibt mit der Rolle der Lulu nicht nur ein fulminantes Rollendebüt, sie lebt diese Figur in allen Facetten stimmlich und schauspielerisch. Omnipräsent auf der Bühne, überzeugt sie mit ihrem jugendlichen Sopran mit dramatischem Einschlag. Ja, und sie lässt sich auf atemberaubende Weise auf diese Rolle ein, dass man fast schon Angst um die junge Sängerin haben muss. Da wirkt nichts gekünstelt, das ist im wahrsten Sinne des Wortes Kunst. Nicht nur in den Figuren des Dr. Schön und Jack the Ripper ist Simon Neal ein Seelenverwandter der Lulu. Sein geschmeidiger und ausdrucksstarker Bariton ist der ideale Kontrast zu Lulus Sopran, und auch seine schauspielerische Leistung verdient höchste Anerkennung. Der Tenor Patrick Vogel zeigt als Maler neue Facetten seines Könnens. Yves Saelens überzeugt mit schönem tenoralem Gesang, während Martin Blasius als Lulus Vater Schigolch mit schwarzem, markantem Bass und grobschlächtigem Habitus beeindruckt. Großartig in ihrer Wandlungsfähigkeit auch die Mezzosopranistin Kathrin Göring als lesbisch verklemmte Gräfin Geschwitz. Auch die vielen Darsteller der kleinen Rollen haben sich ein besonderes Lob verdient, insbesondere was Spielfreude und Ausdruckskraft anbelangt. Das ist Schauspiel mit Gesang, weniger konventionelle Oper.
Musikalisch ist das Gewandhausorchester unter der Leitung von Ulf Schirmer wieder einmal in Topform und erzeugt einen Klangteppich voller Chromatik und dramaturgischer Vielfalt. Schirmer kennt die Partitur wie kaum ein anderer und lässt den Musikern die Freiheiten, die Tonvielfalt auszukosten, auch wenn es für den in der Zwölftonmusik unerfahrenen Zuhörer sicher eine Grenzwerterfahrung ist und nicht jeder, der harmonische Ästhetik bevorzugt, wird trotz der großartigen Darbietung zu einem Fan dieser Musik.
Das Publikum ist nach gut dreidreiviertel Stunden fast erschlagen, es herrscht ein Moment der Stille und des Durchatmens, bis der Applaus losbrandet und insbesondere Rebecca Nelsen, Simon Neal, Ulf Schirmer und das Leipziger Gewandhausorchester werden umjubelt. Insgesamt gibt es nur drei Aufführungen dieser Lulu anlässlich des Jubiläums „325 Jahre Oper in Leipzig“. Und es ist die letzte Neuproduktion in dieser Spielzeit gewesen, die mit einem fulminanten Don Carlos begann und mit einer ebenso grandiosen Lulu ihrem Ende entgegen geht.
Andreas H. Hölscher