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Foto © Jerzy Bin

Das Schmachten der Zigeunergeige

GRÄFIN MARIZA
(Emmerich Kálmán)

Besuch am
13. Juli 2018
(Premiere am 12. Juli 2018)

 

Seefest­spiele Mörbisch

Alljährlich pilgern tausende von Operet­tenfans nach Mörbisch an den Neusiedler See, wo im Sommer die Seefest­spiele mit ihren Operet­ten­pro­duk­tionen mittler­weile Kultstatus haben. Mit einem Fassungs­ver­mögen von etwa 6.000 Zuschauern sind die Seefest­spiele Mörbisch zudem das größte Operet­ten­fes­tival weltweit. Peter Edelmann, in Mörbisch mit seinem eleganten Bariton ein gefei­erter Danilo und Eisen­stein, hat die Seiten gewechselt und seit diesem Jahr die künst­le­rische Leitung der Seefest­spiele übernommen. Mit Spannung wird nun die Neupro­duktion von Emmerich Kálmáns Operette Gräfin Mariza erwartet, die in Mörbisch zuletzt 2004 zu sehen war.

„Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah – das war ein wichtiger Gedanke bei der Auswahl dieses Wunder­werkes von Emmerich Kálmán für meine erste Saison als Künst­le­ri­scher Direktor“, sagt Peter Edelmann. Der Ort der Handlung liegt im Original in der ungari­schen Puszta und fügt sich somit perfekt in die panno­nische Landschaft rund um die Seebühne. Dazu passend stammen die Bilder auf den ins Bühnenbild integrierten Video­wänden aus dem Archiv des Natio­nal­parks Neusied­lersee-Seewinkel. Doch nicht nur die Nähe von Mörbisch zur ungari­schen Grenze lassen entspre­chendes Folklo­re­ko­lorit erwarten. Im ersten Jahr seiner Intendanz möchte Edelmann neue Maßstäbe setzen. Zumin­destens mit dem Bühnenbild von Manfred Waba gelingt ihm das. Die größte Geige der Welt, mit allerlei techni­schen Raffi­nessen, ist das optische Herzstück dieser Insze­nierung. Die Geige ist 45 Meter lang, 14 Meter hoch und 2,5 Meter dick. Der Geigen­körper fasst 800 m³ Volumen. Der Geigenkopf, die Schnecke, hat eine Länge von 2,5 Metern. Der Durch­messer einer Saite beträgt 6 cm. In der Geige, die sich natürlich öffnen lässt, sind die diversen Schau­plätze des Stücks integriert. Insgesamt wurde um die 120 Tage am Bühnenbild gebaut, davon die erste Hälfte in der Werkstatt, die zweite Hälfte beim Aufbau auf der Bühne.

„Die Aufgabe war, ein Bühnenbild zu schaffen, das den See zur Geltung bringt, in die Landschaft passt und natürlich dem Stück gerecht wird. So suchten wir nach einem poeti­schen Stimmungsbild mit hoher Symbol­kraft und sehr schnell war die Idee einer Geige als Bühnenbild geboren. Um der riesigen Seebühne gerecht zu werden, ist daraus nichts Gerin­geres als die größte Geige der Welt geworden“, erläutert Bühnen­bildner Manfred Waba den Entste­hungs­prozess des imposanten Bühnenbildes.

„Höre ich Zigeu­ner­geigen, wird es mir ums Herz so eigen, wachen alle Wünsche auf“, singt Gräfin Mariza in ihrem Auftrittslied und bringt so die Sehnsucht zum Ausdruck, einmal das Glück der Liebe kennen­zu­lernen. „In keinem anderen Stück steht die Geige so im Mittel­punkt wie in Emmerich Kálmáns mitrei­ßender Operette Gräfin Mariza. Mit feurigen Csárdás-Rhythmen und melan­cho­li­schen Zigeun­er­klängen verbindet dieses Instrument das weite Feld zwischen Lachen und Weinen und beschert uns ein Wechselbad der Gefühle“, sagt Regisseur Karl Absenger über das Stück. Doch genau diese Melan­cholie, die Sehnsucht nach Liebe und Glück, all das, was Kálmáns Musik so ausmacht, wird in dieser Insze­nierung einfach zu kitschig und folklo­ris­tisch insze­niert, die großen Gefühle bleiben auf der Strecke. Und daran krankt die Insze­nierung. Optisch schön anzusehen, ist es aber Operet­ten­schublade ohne Tiefgang. Da helfen weder die größte Geige der Welt mit all ihren Treppen, Räumen und Bögen innendrin noch die sehr folklo­ris­ti­schen Kostüme, hier großes Gefühl zu erspüren. Es ist mehr ein Event, das seinen eigenen Gesetzen, vor allem der Vermarktung und des Kommerzes folgt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Es sind Emotionen wie Sehnsucht, Stolz und verletzte Eitelkeit, die im Vorder­grund der Operette stehen und von Absenger ohne großes Finger­spit­zen­gefühl für die Seebühne insze­niert werden. Und das ist das zweite Manko dieser Insze­nierung. Die Bühne ist ideal für große Szenen mit Chor, Ballett, Statisten. Hier kann man Dinge auf die Bühne bringen, die in einem normalen Theater nicht zu reali­sieren sind. Doch in der Gräfin Mariza sind die entschei­denden Momente die intimen Duette, die Zweisamkeit, das Spiel der Gefühle. Da sind die Darsteller auf der großen Bühne verloren, das Gefühl und damit der Funke springt nicht rüber. Absenger spielt statt­dessen mit den gängigen Operet­ten­kli­schees. Illusion und Desil­lusion, Schein und Sein stehen in einem ständigen Gegen­ein­ander. Heraus­ge­kommen ist einer­seits ein pracht­volles Revue­theater im Stil der 1920-er Jahre; durchaus spritzig, witzig und mit viel Operet­ten­nost­algie, doch das sinnliche Erlebnis für Augen und Ohren bleibt dabei auf der Strecke. Dabei ist die Handlung eigentlich ganz simpel.

Tassilo, der verarmte Adlige, hat sich inkognito als neuer Verwalter bei der reichen Gräfin Mariza anstellen lassen, um dort Ausbildung und Mitgift für seine Schwester Lisa zu verdienen, die von der ganzen finan­zi­ellen Misere ihrer Familie nichts ahnt.

Und so steht Tassilo mit seinem alten Freund Karl Stephan Liebenberg allein auf der Bühne, und voller Melan­cholie erinnert er sich an sein altes Leben in Wien. Doch dann erscheint der Budapester Adel und inmitten Gräfin Mariza, die ihren aufdring­lichen Verehrern mittels einer Schein­ver­lobung mit dem Baron Koloman Zsupán, der Figur aus der Strauß-Operette Der Zigeu­ner­baron, zu entfliehen versucht. Jetzt müssten sich die Bilder entwi­ckeln, die Revue an Drama­turgie und Spannung gewinnen. Doch das Geschehen plätschert eher dahin, die einzelnen Nummern werden ohne große Spannung anein­an­der­ge­reiht. Wenn die Zigeu­nerin Manja ihre Weissagung oben vom Geigenkopf verkündet, dann ist das optisch sehr effektvoll, aber drama­tur­gisch ist es langweilig. Während des Auftritts­liedes der Gräfin Mariza Höre ich Zigeu­ner­geigen passiert auch nichts. Lediglich der Geiger, der Zigeuner, verleiht mit seinem Spiel und seinen Auftritten dem Geschehen etwas Emotion. Absenger bewegt sich hier wie dort auf einem schmalen Grat zwischen Kitsch und Operet­ten­se­ligkeit, aber das scheint wohl das Erfolgs­rezept von Mörbisch zu sein. Auch die Operet­ten­figur Koloman Zsupán erscheint tatsächlich in schicker Husaren­uniform, aber auch mehr als überzeichnete Witzfigur.  Und die Liebe zwischen der Gräfin Mariza und dem Grafen Tassilo, der als angestellter Verwalter versucht, seine Schulden zu bezahlen, ist eigentlich ein intimes Kammer­spiel von versteckten Gefühlen und verletztem Stolz, der sich im Finale in große Gefühle verwandelt. Doch von der dazu nötigen intimen Perso­nen­regie kann leider keine Rede sein. Und so bleibt die Operette an der Oberfläche, und andere Dinge stehen im Vorder­grund und laufen der Regie den Rang ab.

So sind die Kostüme von Karin Fritz ein echter Hingucker. „Besonders das Aufein­an­der­treffen zweier Welten, einmal der ungari­schen Folklore und zum zweiten der dekadenten Städter machen den beson­deren Reiz der Kostüm­aus­stattung aus. Federn, Boas, Seide, Pelz, Pailletten und edelste Perlsti­cke­reien auf der einen und Plissee, Rüschen, Bänder, bestickte Westen und Mieder in wunder­schönen Farbkom­bi­na­tionen auf der anderen Seite. Echte Highlights werden natürlich die Kostüme der Gräfin Mariza – feinst aus Seide, Strass, Tüll und Federn gearbeitet. Daneben opulent, die Gräfin Božena im schrägen Texaslook“, so beschreibt Karin Fritz ihre gelun­genen Werke. Und natürlich gehört in Mörbisch zur Operette ein Ballett, das nicht nur optisch schön anzusehen ist, sondern dessen Choreo­grafie dieses besondere Lebens­gefühl zum Ausdruck bringen soll. Johanna Bodor von der Staats­ope­rette Budapest bringt den Csárdás quasi von Hause aus mit. „Es ist sehr wichtig für mich, dass die Choreo­grafie mit der Aussage und der Seele des Stückes zusammen atmet: die Energie und Leiden­schaft, das Spiel, die Vielsei­tigkeit, Lebenslust und Glück, Reichtum an Stilen, Weiblichkeit und Männlichkeit muss sich in den Tänzen wider­spiegeln. Ich arbeite für das Publikum und deshalb muss die Choreo­grafie über die Unter­haltung hinaus auch Freude bereiten. Und hoffentlich manchmal auch die Herzen des Publikums berühren“, sagt Bodor. Und das ist ihr rundum gelungen.

Sänge­risch ist der Abend durchweg ein Erfolg. Es ist die zweite Vorstellung der diesjäh­rigen Saison, aber für die doppelt besetzten Haupt­dar­steller ist es die Premiere.

Foto © Jerzy Bin

Julia Koci in der Titel­rolle gibt sänge­risch und optisch eine inter­es­sante Gräfin Mariza. Sicher in den Höhen, drama­tisch im Spiel und lyrisch im Duett, zeigt sie alle Facetten, die diese Partie verlangt. Doch im Spiel bleibt sie kühl und distan­ziert, und den Wechsel von der hochnä­sigen Gräfin zur liebenden Frau will man ihr nicht so recht abnehmen. Alexander Geller ist ein sehr lyrischer Tassilo, ohne große Operet­ten­at­titüde, etwas zurück­haltend im Spiel, aber musika­lisch und in der Intonation sicher und ausdrucks­stark. Seine beiden großen Arien sind der Höhepunkt des Abends. Katerina von Bennigsen als seine Schwester Lisa ist eine zuckersüße Operet­ten­sou­brette, kokett und mit hellem Sopran, für dieses Fach eine Ideal­be­setzung. Abräumer des Abends ist der Tenor Christoph Filler als Baron Koloman Zsupán. Sänge­risch, spiele­risch, tänze­risch und optisch der Inbegriff des Operet­ten­buffos. Horst Lamnek als Fürst Moritz Dragomir Populescu imponiert mit dröhnendem Bass und gelacktem Spiel, während Mila Janevska als die junge Zigeu­nerin Manja mit warmem Mezzo-Gesang zwar aufhorchen lässt, aller­dings sehr textun­ver­ständlich singt. Melanie Holliday als texanische Fürstin Cudden­stein spielt sich hier selbst, das aber sehr erfolg­reich. Der bekannte Schau­spieler Franz Suhrada als ihr Kammer­diener Penicek komplet­tiert das Ensemble mit Witz und Temperament.

Die musika­lische Leitung hat der Dirigent Guido Mancusi übernommen, der ebenfalls sein Mariza-Debüt gegeben hat. „Emmerich Kálmán ist ein als ernst­hafter Musiker sehr unter­schätzter Komponist, dem man gerne nachsagt, die leichte Muse kitschig darzu­stellen. Die Wahrheit ist aber, dass seine Parti­turen wahre kompo­si­to­rische Meister­werke sind, die sich ganz nebenbei auch noch weltweit als Gassen­hauer ins Kollektiv einprägen. Er schafft es, volks­tüm­liche Musik in ein sympho­ni­sches Korsett zu bringen und es manchmal auch zu sprengen. Durch ihn ist Zigeu­ner­musik auf die Bühnen der Welt gekommen und hat Weltstatus erreicht. In der Folge wurde seine Musik verkitscht, verzerrt und ins Volks­tüm­liche verdreht. Das gilt es wieder gut zu machen und zu berich­tigen“, sieht Mancusi die große Heraus­for­derung für ihn und das Orchester der Seefest­spiele Mörbisch. Und das gelingt ihm im Großen und Ganzen auch. Er führt das Festival-Orchester Mörbisch sicher durch die Klippen der Partitur mit den vielen Tempo- und Rhyth­mus­wechseln und gibt den Sängern den notwen­digen Spielraum. Noch fehlt ihm aber etwas die Leich­tigkeit des Dirigates, ein gewisser Schmäh, der für die Operette so typisch ist. Der Opernchor der Seefest­spiele Mörbisch ist musika­lisch bestens von Walter Zeh einstu­diert und hat offen­sichtlich große Freude am opulentem Spiel und Tanz, aller­dings ist die ansonsten hervor­ra­gende Tonab­mi­schung beim Chor nicht gut austa­riert, so wirkt der Gesang nicht sehr diffe­ren­ziert. Ein Sonderlob hat sich Ondrej Janoska als Zigeuner für seine inten­siven und melan­cho­li­schen Geigensoli auf der Bühne verdient.

Der Höhepunkt für die Zuschauer ist das musika­lische Finale mit choreo­gra­fiertem Feuerwerk, mittler­weile ein unver­zicht­barer Bestandteil jeder Aufführung. Und es ist schon bezeichnend, dass das Feuerwerk den meisten Applaus erhält. Es gibt zwar großen Beifall für alle Protago­nisten, doch von Enthu­si­asmus, den man durchaus in Mörbisch gewöhnt ist, kann keine Rede sein. Und das Publikum fällt an diesem Abend eher durch schlechtes Betragen auf als durch glühende Begeis­terung. Peter Edelmann ist mit großen Vorsätzen in seine erste Saison gestartet. Doch bei aller Begeis­terung für große Geigen und folklo­ris­tische Kostüme sollte das Gefühl im Mittel­punkt stehen. Im Moment laufen die Seefest­spiele Gefahr, mehr ein Mega-Event zu sein, in dem Marketing und Kommerz im Vorder­grund stehen. Das ist ganz dünnes Eis und wird dem künst­le­ri­schen Anspruch nicht gerecht.

Andreas H. Hölscher

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