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DIE ZAUBERFLÖTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
14. Juli 2018
(Premiere am 8. Juli 2018)
In den letzten Wochen kann man angesichts des schwachen Abschneidens der Fußball- Nationalmannschaft viel über Leidenschaft, Teamgeist, Änderungen und andere Faktoren lesen. Interessanterweise lässt sich ähnliches nun auch auf die konzertante Zauberflöte im Festspielhaus Baden-Baden sagen. Gleich vorweg: Vergleichbar ist die desolate Leistung der Nationalelf auf dem Fußballplatz mit der der engagierten Musiker auf der Bühne nicht. Dennoch bleibt die Erkenntnis, dass die Zauberflöte gegenüber den anderen bislang innerhalb der so genannten Baden-Baden-Gala aufgeführten und eingespielten Mozart-Opern abfällt.
Zur Erinnerung: 2011 beginnen das Festspielhaus Baden-Baden und das Label Deutsche Grammophon ein Mozart-Projekt. Die sieben großen Opern von Mozart sollen für eine CD-Veröffentlichung konzertant vor Publikum eingespielt werden. Das Ziel ist es, eine Best-Besetzung von heute zu finden, angelehnt an die legendären Wiener Mozart-Ensembles der 1960-er und 70-er Jahre. Anvertraut wird das Projekt dem damals noch aufsteigendem Dirigenten Yannick Nézet-Séguin und Rolando Villazón, der in den großen Tenorpartien zum Einsatz kommen soll. Tatsächlich haben sich daraus musikalische Großereignisse ergeben. Im Gedächtnis bleiben Aufführungen, bei denen man eine Regiearbeit angesichts eines großartigen Ensembles, das die Oper geschlossen erarbeitet, nicht vermisst.
Ausgerechnet bei der Zauberflöte, der wohl volkstümlichsten Oper Mozarts, geht das schief. Und in erster Linie darf man die Schuld daran den Änderungen im Konzept geben. In den vorherigen Opern hat man den Rezitativen eine große Bedeutung gegeben. Hier werden nun die Dialoge gestrichen, die – wenn richtig einstudiert – einen nicht unerheblichen Teil der Unterhaltung ausmachen. Stattdessen hat das Festspielhaus einen Erzähltext geschrieben, der zwischen die musikalischen Teile gesetzt wird und das manchmal leider auch so unvorteilhaft, dass kein Fluss entstehen kann. Über den Abend hinweg entstehen ein Stückwerk und ein fast ritueller Ablauf. Auf Musik folgt braver Applaus, dann Text, dann wieder Musik und so weiter. Es ist eine Mischung aus Rückblick, Vorschau, Szenenbeschreibung und eben den berühmten Dialogen, die André Eisermann dem Publikum zu erzählen hat. An ihm liegt es jedenfalls nicht, dass die Texte nicht wirklich zünden. Er legt sich so richtig ins Zeug, sucht den Kontakt zum Publikum, wechselt die Stimmfarben – aber trotzdem fehlt der Austausch der Figuren.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Auf diese Art und Weise wird Regula Mühlemann zu einer Art Luxus-Papagena, da sie nur für das berühmte Plapperduett mit ihrem Papageno auf die Bühne kommen muss. Den Rest ihrer komödiantischen Qualitäten, die sie in den Dialogen als „alte Hexe“ stets unter Beweis gestellt hat, kann sie ausgerechnet in ihrer letzten Papagena nicht zeigen. Dass ihr Papageno kein geringerer ist als Rolando Villazón, ist sicher ein spannendes Experiment der Verantwortlichen gewesen. Es mussten wohl Risiken abgewogen werden. Da der letztjährige Titus für Villazón eine grenzwertige Partie gewesen ist, wollte man wohl ein mögliches Scheitern am Tamino verhindern. Der nach wie vor ungebrochene Sympathiefaktor des Tenors passt natürlich bestens zu einer beim Publikum beliebten Figur wie der des Vogelfängers. Aber leider passt der nach unten gedrückte Tenor nicht zu den nach oben strebenden lyrischen Phrasen des Papageno. So sehr oder vielmehr, weil sich Villazón bemüht, wirkt seine Figur „nur“ gewollt, aber leider nie natürlich-authentisch.
Der Tamino wird nun von Klaus Florian Vogt gesungen, dessen helles Timbre sich sehr gut von Villazón abhebt. Vogt scheint in der dritten und letzten Vorstellung müde zu sein. Die zweite Vorstellung der Zauberflöte hat er an seinen Kollegen Martin Mitterrutzner abgegeben. Vielleicht stecken ihm die Probenarbeiten zu den Bayreuther Meistersingern in den Knochen. Davon abgesehen singt Vogt sehr ordentlich, aber leider auch eine Spur distanziert und unbeteiligt. Was möglich ist, zeigt er in Momenten wie „Oh wenn ich doch imstande wäre …“, wenn er seinen Tenor richtig aufblühen lässt, wie man es aus seinen Wagner-Partien kennt. Solche Probleme kennt Christiane Karg nicht, ihre Pamina bewegt schon allein durch ihr lyrisches Material. Völlig schnörkellos, ohne Mätzchen, ohne Schärfen entsteht ein völlig natürliches Bild. Dank einer hervorragenden Diktion lauscht man gespannt ihrer Erzählung, wie ihr Vater die Zauberflöte aus der 1000-jährigen Eiche herausgeschnitten hat.
Die ursprüngliche Besetzung der Drei Damen, Golda Schulz, Angela Brower sowie Okka von der Damerau, ist irgendwann kommentarlos ausgetauscht worden. Johanni van Oostrum, Corinna Scheurle und Claudia Huckle, die die interessanteste Stimme vorzuweisen hat, sind harmonisch schön aufeinander abgestimmt, aber es fehlt ein bisschen der vokale Spielwitz. Aus den Reihen der Aurelius-Sängerknaben begeistern Luca Kuhn, Giuseppe Mantello und Lukas Finkbeiner mit ihrem konzentrierten und seriösen Auftritt, der sie mit gestandenen Bühnenprofis mithalten lässt. Paul Schweinester ist ein engagierter Monostatos. Tareq Nazmis wohltönender Bassbariton wertet die kurze Partie des Sprechers zu einer autoritären, weisen Figur auf. Etwas weniger können Levy Sekgapane und Douglas Williams als vorsichtig singende Priester beziehungsweise Geharnischte überzeugen.
Während man sich in der Pause fragt, was dieser Aufführung denn noch fehlt, liefert kurz darauf Albina Shagimuratova die Antwort darauf. Ihren ersten Auftritt als Königin der Nacht zeichnet sie noch als besorgte Mutter mit warmer, schmerzhafter Lyrik. Aber dann zeigt sie bei der Arie Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen ihr wahres Gesicht. Mit Eiseskälte schleudert sie ihre gnadenlosen Koloraturen und einen wahrhaft gefährlichen „der Mutter Schwur“, der schärfer ist als jener Dolch, der Sarastro töten soll, in den Zuschauerraum, so dass die Zuhörer von Gänsehaut nur so heimgesucht werden. Der Bravosturm, der spontan ausbricht, erinnert an frühere Aufführungen in Baden-Baden. Denn genau solche Ereignisse des Gesangs, in dem Technik und Emotionen sich zum bestmöglichsten Ergebnis eines Augenblicks verbanden, waren es, die die frenetisch gefeierten Sternstunden besiegelten. Genau das erlebt man in dieser Aufführung nur ein einziges Mal. Allerdings muss man dazu sagen, dass auch Franz Josef Selig als Sarastro einen solchen Beifall verdient hätte. Auch er formt mit rein gesanglichen Mitteln einen Charakter, den man nicht nur gutmütig nennen möchte. Dafür schwingt in Seligs Tiefen zu sehr eine gewisse Schwärze mit.

Dass der energiegeladene Yannick Nézet-Séguin der Motor dieser Aufführung ist, muss eigentlich gar nicht mehr erwähnt werden. Wenn man ihm etwas vorwerfen kann, dann nur, dass er es in der Aufführung nicht schafft, die vielen Personen zu der oft beschworenen Mozart-Familie zusammenzuführen. Aber das ist auch Tagesform, auf die man selbst auch nicht immer Einfluss hat. In seiner ersten Zauberflöten-Interpretation überhaupt vermisst man ein wenig die Raffinesse und Unvoreingenommenheit, die seine vorherigen Mozart-Interpretationen ausgezeichnet haben. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Denn wie immer sind der Dirigent und das hervorragende Orchester, das Chamber Orchestra of Europe Gestalter und Begleiter gleichermaßen. Das Orchester bringt wieder seinen wunderschön warmen Klang zur Geltung und malt die Geschichte in den schönsten Farben. Auch die solistischen Einlagen von Glockenspiel und Zauberflöte sind ein wahrer Genuss. Dazu kommt noch der RIAS-Kammerchor in der Einstudierung von Justin Doyle, der mit die beste vokale Leistung des Abends bringt. Den Herren gelingt für ihre Priesterchöre, die sie nahezu mit liedhafter Perfektion und Atmosphäre singen, ein Extralob. Es ist mehr als nur ein schönes Bild, wenn sich alle Solisten beim Finale des zweiten Aktes versammeln, um diesem Jubelsturm zu lauschen, den Chor und Orchester entfachen.
Das Publikum reagiert entsprechend darauf und bejubelt die Interpreten, vor allem Karg und Shagimuratova, aber eben auch Chor und Orchester samt Nézet- Séguin. Doch bei allem gerechtfertigten Lob fällt auf, dass der Applaus für Villazón, aber auch in der Gesamtsumme deutlich weniger enthusiastisch ausfällt. Für eine Baden-Baden-Gala verfügt diese Zauberflöte über etwas zu wenig Magie. Vielleicht ist aber gerade auch dieses Werk einfach das Schwierigste aus Mozarts Feder. Es bleibt nun noch der Idomeneo offen, um das Projekt wieder mit alter Stärke zu vollenden.
Rebecca Hoffmann