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ANMUT UND WÜRDE
(Maura Morales)
Besuch am
21. Juli 2018
(Uraufführung am 13. Juli 2018)
Für 20.10 Uhr hat der Wetterdienst ein Gewitter angesagt“, sagt der Mitarbeiter vom Kulturbüro Krefeld mit besorgtem Blick zum Himmel, wo sich Wolkenberge bilden. Dann begibt er sich auf die Suche nach einem wasserdichten Baldachin, um im schlimmsten aller denkbaren Fälle Schaden von der hochempfindlichen Musik- und Computeranlage abzuwenden. Und das Gewitter kommt. Es entlädt sich über Düsseldorf. Davon bekommen die Gäste im Krefelder Schönwasserpark aber nichts mit. Sie erleben energetische Entladungen ganz anderer Art.
Der knapp 30 Hektar große Schönwasserpark wurde um 1924 als erste Volksparkanlage im Krefelder Stadtteil Oppum angelegt und steht heute unter Denkmalschutz. Am Ende der Parkanlage mit geraden Wegen, großer Teichanlage mit Wasserfontäne und abwechslungsreicher Bepflanzung findet sich eine Terrasse mit Platanenhain, der durch eine Rasenfläche geteilt wird. Der in sich geschlossene Bereich bietet mit ein wenig Fantasie eine ideale Arena für eine Freiluftveranstaltung. Findet zumindest das Krefelder Kulturbüro und hat die Cooperativa Maura Morales beauftragt, ein Stück für diesen Ort zu entwickeln.
Eine Tanzaufführung unter freiem Himmel zu entwickeln, ist riskant. „In einem öffentlichen Raum ist es schwierig, die Energie aufrecht zu erhalten, weil sie dort keinen Widerhall findet“, sagt Michio Woirgardt, der Musiker der Cooperativa. Damit hat er in der Theorie natürlich völlig Recht. Außerdem ist es schwierig, einen Bühnenraum einzugrenzen, wenn man nicht einfach eine Bühne ins Freie baut, sondern tatsächlich das Gelände einbeziehen will. Das Publikum ist kaum zu steuern, wenn es keine festgelegten Sitzplätze gibt, von Außeneinflüssen einmal ganz abgesehen. Um nicht auch noch von den optischen und akustischen Unwägbarkeiten anzufangen. Es gibt also keinen wirklich überzeugenden Grund für einen Choreografen, einen solchen Auftrag anzunehmen. Maura Morales nimmt die Herausforderung an. Und holt neben Woirgardt Georgia Conte, Valentina Militano und Laura Colombo vom italienischen Balletto di Calabria mit ins Boot.
Anmut und Würde überschreibt Morales das neue Stück, das vergangene Woche Freitag zur Uraufführung kam. Und gibt ihm den Untertitel Die Balance der Geschlechter im öffentlichen Raum. Damit verweist die Choreografin einerseits auf die philosophische Schrift Friedrich Schillers aus dem Jahr 1793, die die Schönheiten von Körper und Vernunft als zwei Seiten des Menschen im Begriff der schönen Seele eint, und stellt andererseits einen aktuellen Bezug her, der das unterschiedliche Rollenverhalten der Geschlechter in der Öffentlichkeit kritisch begutachtet. Ein Ansatz, der für mindestens eine Nacht mit vielen Flaschen guten Weins reicht, um ihn zu diskutieren. Die schöne Seele, so viel wissen wir längst, ist ein philosophisches Konstrukt, das der Wirklichkeit nicht standhält. Und ebenso wenig werden wir bei allem guten Willen eine Geschlechtergleichheit herstellen. Schon allein deshalb, weil der Begriff des Geschlechts längst virulent ist. Was in einer Diskussion kaum lösbar scheint, ohne vorher lallend unter den Tisch zu sinken, muss also im künstlerischen Zugang geklärt werden.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die drei Tänzerinnen beginnen ihren Ausflug mit einem Picknick unter dem linken Platanendach, unter dem auch die Musikstation untergebracht ist. Zwei Tänzerinnen erklettern verschiedene Platanen, ehe sie zur Decke zurückkehren, dort Alkohol in der Öffentlichkeit trinken und ihre Köpfe mit Plastikfolien umhüllen. Von dort aus begeben sie sich in den „öffentlichen Raum“, die Rasenfläche zwischen den beiden Platanengruppierungen. Es beginnt der Wettstreit, bisweilen ein wenig plakativ, zwischen dem, was Frauen in der Öffentlichkeit dürfen und was nicht, ehe die Tänzerinnen in ungewöhnliche, explosive Bilder wechseln, die das Thema bisweilen vergessen lassen, weil die Choreografie so stark wird, dass thematische Bezüge in den Hintergrund geraten. Colombo, Militano und Conte wechseln ständige ihre Kostüme zwischen Bikinis, T‑Shirts mit Hosen, bringen zwischenzeitlich so etwas wie ein Hochzeitskleid ins Spiel, während sie das Gelände erobern. Der Clou ist ein gemeinsames Kostüm, das Militano fast das Leben kostet, weil sie sich in dem Beziehungsdrama verwickelt. Zwischen buntem Treiben, in dem die Frauen so etwas wie Freiheit kosten, verfangen sie sich erneut in Beziehungen, die eng aneinandergeklammert in Folien umwickelt enden. Aber auch die dritte im Bunde ist nicht sicher und findet sich alsbald ihrer Freiheit beraubt, in lebensgefährlicher Situation an einen Baum gewickelt wieder. Und haben sich alle wieder aus dem Leben auf der Straße befreit, finden sie zurück in ihr kleines Paradies auf der Wolldecke. Nicht alle sind schadlos davongekommen, wie der starre Blick einer Tänzerin verrät. Ein richtig starkes Stück, das den Zuschauer nicht einen Moment aus seiner Energie entlässt. Dankbar schaut das Publikum den Tänzerinnen hinterher, als sie aus dem Szenario entschwinden.

Michio Woirgardt hat eines seiner brillantesten Stücke komponiert und aufgeführt. Während er sich sonst eher zurückhält, enthemmt er sich förmlich gegen Ende des Werks und sorgt mit rockigen Klängen für eine deutliche Aussage, untermalt die Folierung mit entsprechend überzogenen Geräuschen. Das unterstreicht den Charakter des Stücks deutlich, bringt mehr Farbe als alle elektronischen Ausflüge, und in dieser Richtung darf er gerne weitergehen.
Ansonsten ist fast alles eingetreten, was zu befürchten war. Gut, bis auf das Gewitter, das über Düsseldorf niederging. Morales muss zwischenzeitlich eingreifen und die Publikumsströme lenken, um das Geschehen nicht zu gefährden. Zwischenzeitlich taucht ein älterer Anwohner neben der Musikstation auf, um sich über den Psychoterror der Musik zu beschweren, ehe er endlich vom Gelände geleitet werden kann. Und die Rücksichtslosigkeiten der Besucher sorgen mitunter für fast schon lautstarke Auseinandersetzungen untereinander. Anstatt zu genießen, dass sie da sind, fertigen die Zuschauer Fotos und Filme an, um zu beweisen, dass sie da waren. Aber. Und da hatte Morales Recht. Alle Widrigkeiten können nichts an einer glanzvollen, kraftstrotzenden und nachhaltigen Aufführung ändern, die sich tief in das kollektive Gedächtnis eingraben wird.
Zum Herbst hin muss Morales aus dieser sehr gelungenen Freilicht-Aufführung eine Bühnenfassung schaffen. Bei allen Vorbehalten im Vorfeld, klingt das nun noch mal nach einer echten neuen Herausforderung. Aber Morales hat sie angenommen. Und wie so was meist ausgeht, konnte man im Schönwasserpark erleben.
Michael S. Zerban