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Hochzeit im Umspannwerk

LOHENGRIN
(Richard Wagner)

Besuch am
25. Juli 2018
(Premiere)

 

Bayreuther Festspiele, Festspielhaus

No Borders, no Söder, no Nation“: Die einzigen Proteste am Eröff­nungstag der 107. Bayreuther Festspiele muss Minis­ter­prä­sident Markus Söder vor dem Festspielhaus schlucken. Die Premiere des neuen Lohengrin wird dagegen von keinem einzigen Buh-Ruf getrübt. Angesichts einer Insze­nierung, mit der Regisseur Yuval Sharon das Werk gegen den Strich bürsten wollte, geradezu eine Sensation. Aller­dings stellt sich die frene­tische Begeis­terung eher als Dankbe­zeugung für eine Regie­arbeit von extremer Harmlo­sigkeit heraus, die niemandem weh tun dürfte. In Rückerin­nerung an die perfekt ausge­ar­beitete letzte Insze­nierung des Werks durch Hans Neuenfels werden freilich auch die handwerk­lichen Mängel der Neupro­duktion deutlich, die allen­falls durch die Bühnen­präsenz und darstel­le­rische Intel­ligenz so starker Sänger­per­sön­lich­keiten wie Anja Harteros und Waltraud Meier gemildert werden. Und natürlich durch das insgesamt überra­gende musika­lische Niveau, dem diesmal eindeutig die Palme des Abends gebührt.

Man muss dem Regisseur aller­dings zugute­halten, dass er mit der Übernahme der Regie erst betraut wurde, als das Leipziger Künst­lerpaar Neo Rauch und Rosa Loy sowie Musik­di­rektor Christian Thielemann bereits wichtige Weichen gesetzt hatten. Szenisch geben die promi­nenten Künstler in der Tat den Ton an, indem sie die Konfron­tation der wundersam heilen Gralswelt voller „Glanz und Wonne“ mit der harten, bedrohten Realität der Menschen durch ein zentral postiertes Umspannwerk andeuten, das sie in ein trautes Delfter Blau tauchen. Die Idee, die Entste­hungszeit des Werks inmitten der Unruhen des Vormärz einbe­ziehen zu wollen, greift der Regisseur auf. Wenn auch überzeu­gender im Programmheft als auf der Bühne. Theore­tisch bezieht sich Sharon auf den Wagner-Freund und Revolu­tionär Mikhail Bakunin, der in einer Schrift Satan als Rebell, Freidenker und Welten­be­freier preist. Aus diesem Ansatz heraus will Sharon die negativ besetzte Figur der Ortrud gegenüber der eher naiven Licht­ge­stalt der Elsa aufwerten. Das gelingt ihm auch partiell. Wenn auch weniger durch seine dürftige Perso­nen­führung als durch die Darstel­lungs­kraft der Sänge­rinnen. Sowohl Harteros als Elsa als auch Meier als Ortrud präsen­tieren sich beide als so willens­stark, dass sie ihre männlichen Partner an die Wand spielen. Die Konfron­tation der beiden Frauen im zweiten Akt gerät so zu einer Macht­probe auf Augenhöhe, der freilich ein wenig Druck genommen wird, indem Elsa bereits unmit­telbar nach dem rettenden Auftritt Lohen­grins wenig Bereit­schaft zeigt, sich dem rätsel­haften Frage­verbot des Ritters zu unter­werfen. Ortrud hat leichtes Spiel, Elsa zur Gebots­ver­letzung zu drängen und Lohengrin in der Braut­ge­machs-Szene keine Chance, Elsa von den verbo­tenen Fragen nach Nam‘ und Art abzuhalten.

Während am Ende Lohengrin entschwindet und der gesamte Chor, warum auch immer, entseelt zu Boden sinkt, bleiben die beiden Frauen aufrecht und lebend zurück. Elsa freilich mit dem als Männchen in schil­lerndes Neo-Rauch-Grün geklei­deten Gottfried an der Hand, „dem Erben von Brabant“, dessen Verschwinden die ganze Tragödie auslöste. Dass dieser Bezug völlig unerklärt bleibt und Gottfried unver­mittelt wie ein Meteorit aus dem All erscheint, gehört zu den vielen Ungereimt­heiten der noch längst nicht fertigen Inszenierung.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



An den Bühnen­bildern von Neo Rauch und Rosa Loy rühmt Christian Thielemann vor allem die akustisch vorteil­hafte Tatsache, dass sie den Raum für den riesigen Chor nicht einschränkt. Das Umspannwerk mit seinen Trafo­häuschen wirkt dagegen eher willkürlich hinge­tupft und atmosphä­risch dünn. Größeren Eindruck hinter­lassen die konven­tionell, aber geschmackvoll gemalten Wolken­land­schaften im Hinter­grund und auf dem Zwischen­vorhang. Wenn die Wolken die Szene freilich so dominant beherr­schen wie in der großen Ausein­an­der­setzung zwischen Ortrud und Telramund zu Beginn des zweiten Akts, wird das Spiel der beiden eher zur Staffage degra­diert. Schade angesichts der sehr klugen und hinter­grün­digen Leistung von Waltraud Meier.

Christian Thielemann, Musik­di­rektor der Festspiele, schließt mit dem Lohengrin die letzte Lücke des zehntei­ligen Bayreuther Werk-Kanons. Er kennt die eigen­willige Akustik des Festspiel­hauses wie kein anderer und entfaltet einen Klang von brillanter Trans­parenz, trägt die Sänger in der Regel wie auf Händen und zelebriert, vor allem in den Hochzeits­szenen des zweiten und dritten Akts, kammer­mu­si­ka­lische Delika­tessen vom Feinsten. Dass er in der Premiere im ersten Akt das straffe Grund­tempo strecken­weise überzieht, worunter vor allem das Vorspiel und Elsas Traum­er­zählung zu leiden haben, dürfte sich in den Folge­vor­stel­lungen korri­gieren lassen. Den Rest des Abends dosiert der Dirigent die Tempi erheblich organischer.

Foto © Enrico Nawrath

Dass der kurzfristig einge­sprungene Tenor Piotr Beczala in der Titel­rolle überzeugen kann, überrascht angesichts seiner Erfah­rungen mit der Partie nicht. Thielemann bietet ihm nicht nur für die Grals­er­zählung einen seiden­weichen Klang­teppich, so dass er den italie­ni­schen Glanz seiner kulti­vierten Stimme mühelos verströmen kann. Eine weiche, in den wenigen drama­ti­schen Ausbrüchen aber genügend metal­lisch klingende Stimme, die durch eine vorbild­liche Textver­ständ­lichkeit geadelt wird. Anja Harteros ist der Rolle der Elsa eigentlich schon entwachsen. Die lyrischen Nuancen kommen kaum zur Geltung, die drama­ti­schen Impulse führen zu verhär­teten Höhen. Die selbst­be­wusste Kraft, die der Rolle in der Insze­nierung zugedacht ist, kann sie natürlich perfekt umsetzen. Insgesamt immer noch eine Leistung von charis­ma­ti­scher Größe.

Vor 18 Jahren ist Waltraud Meier, die legendäre Isolde der Tristan-Insze­nierung von Heiner Müller, von Bayreuth in Unfrieden geschieden. Für eine einzige Saison kehrt sie jetzt auf den Grünen Hügel zurück. Der schil­lernden Hinter­grün­digkeit der Ortrud bleibt sie nichts an diffe­ren­zierten und stets makellos geformten Tönen schuldig. Stimm­kultur und Intel­ligenz verhelfen ihr zu einer überra­genden Leistung, die allen­falls an den wenigen mörde­ri­schen Spitzen­tönen der heiklen Partie ihre Grenzen findet. Ihren Partner Tomasz Konieczny alias Telramund überflügelt sie damit um eine mindestens eine Klasse. Konieczny mit seinem rauen, holprig geführten Bariton bietet den einzigen vokalen Schwach­punkt der Besetzung. Davon kann bei dem wiederum grandios auftrump­fenden Georg Zeppe­nfeld als König Heinrich und dem kernge­sunden Bariton des Heerrufers Egils Silins keine Rede sein. Die extrem komplexe Chorpartie bereitet dem monumen­talen Festspielchor, wie gewohnt, keine Probleme, auch wenn Thielemann im besonders schwie­rigen ersten Akt mächtig aufs Tempo drückt. So voluminös und flexibel dürften die Lohengrin-Chöre derzeit nirgends zu hören sein. Dass Thielemann auch das Festspiel­or­chester zur Höchst­leistung motivieren kann, versteht sich von selbst.

Ein neuer Lohengrin von hoher musika­li­scher Qualität, mit dem die Bayreuther Festspiele ihren beson­deren Rang als Wagner-Werkstatt bestä­tigen können, was sich beileibe nicht von jeder Produktion sagen lässt. Szenisch gehört er eher zu den belang­lo­seren Beiträgen.

Ungetrübter Beifall des ungewöhnlich unruhigen Premieren-Publikums.

Pedro Obiera

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