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No Borders, no Söder, no Nation“: Die einzigen Proteste am Eröffnungstag der 107. Bayreuther Festspiele muss Ministerpräsident Markus Söder vor dem Festspielhaus schlucken. Die Premiere des neuen Lohengrin wird dagegen von keinem einzigen Buh-Ruf getrübt. Angesichts einer Inszenierung, mit der Regisseur Yuval Sharon das Werk gegen den Strich bürsten wollte, geradezu eine Sensation. Allerdings stellt sich die frenetische Begeisterung eher als Dankbezeugung für eine Regiearbeit von extremer Harmlosigkeit heraus, die niemandem weh tun dürfte. In Rückerinnerung an die perfekt ausgearbeitete letzte Inszenierung des Werks durch Hans Neuenfels werden freilich auch die handwerklichen Mängel der Neuproduktion deutlich, die allenfalls durch die Bühnenpräsenz und darstellerische Intelligenz so starker Sängerpersönlichkeiten wie Anja Harteros und Waltraud Meier gemildert werden. Und natürlich durch das insgesamt überragende musikalische Niveau, dem diesmal eindeutig die Palme des Abends gebührt.
Man muss dem Regisseur allerdings zugutehalten, dass er mit der Übernahme der Regie erst betraut wurde, als das Leipziger Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy sowie Musikdirektor Christian Thielemann bereits wichtige Weichen gesetzt hatten. Szenisch geben die prominenten Künstler in der Tat den Ton an, indem sie die Konfrontation der wundersam heilen Gralswelt voller „Glanz und Wonne“ mit der harten, bedrohten Realität der Menschen durch ein zentral postiertes Umspannwerk andeuten, das sie in ein trautes Delfter Blau tauchen. Die Idee, die Entstehungszeit des Werks inmitten der Unruhen des Vormärz einbeziehen zu wollen, greift der Regisseur auf. Wenn auch überzeugender im Programmheft als auf der Bühne. Theoretisch bezieht sich Sharon auf den Wagner-Freund und Revolutionär Mikhail Bakunin, der in einer Schrift Satan als Rebell, Freidenker und Weltenbefreier preist. Aus diesem Ansatz heraus will Sharon die negativ besetzte Figur der Ortrud gegenüber der eher naiven Lichtgestalt der Elsa aufwerten. Das gelingt ihm auch partiell. Wenn auch weniger durch seine dürftige Personenführung als durch die Darstellungskraft der Sängerinnen. Sowohl Harteros als Elsa als auch Meier als Ortrud präsentieren sich beide als so willensstark, dass sie ihre männlichen Partner an die Wand spielen. Die Konfrontation der beiden Frauen im zweiten Akt gerät so zu einer Machtprobe auf Augenhöhe, der freilich ein wenig Druck genommen wird, indem Elsa bereits unmittelbar nach dem rettenden Auftritt Lohengrins wenig Bereitschaft zeigt, sich dem rätselhaften Frageverbot des Ritters zu unterwerfen. Ortrud hat leichtes Spiel, Elsa zur Gebotsverletzung zu drängen und Lohengrin in der Brautgemachs-Szene keine Chance, Elsa von den verbotenen Fragen nach Nam‘ und Art abzuhalten.
Während am Ende Lohengrin entschwindet und der gesamte Chor, warum auch immer, entseelt zu Boden sinkt, bleiben die beiden Frauen aufrecht und lebend zurück. Elsa freilich mit dem als Männchen in schillerndes Neo-Rauch-Grün gekleideten Gottfried an der Hand, „dem Erben von Brabant“, dessen Verschwinden die ganze Tragödie auslöste. Dass dieser Bezug völlig unerklärt bleibt und Gottfried unvermittelt wie ein Meteorit aus dem All erscheint, gehört zu den vielen Ungereimtheiten der noch längst nicht fertigen Inszenierung.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
An den Bühnenbildern von Neo Rauch und Rosa Loy rühmt Christian Thielemann vor allem die akustisch vorteilhafte Tatsache, dass sie den Raum für den riesigen Chor nicht einschränkt. Das Umspannwerk mit seinen Trafohäuschen wirkt dagegen eher willkürlich hingetupft und atmosphärisch dünn. Größeren Eindruck hinterlassen die konventionell, aber geschmackvoll gemalten Wolkenlandschaften im Hintergrund und auf dem Zwischenvorhang. Wenn die Wolken die Szene freilich so dominant beherrschen wie in der großen Auseinandersetzung zwischen Ortrud und Telramund zu Beginn des zweiten Akts, wird das Spiel der beiden eher zur Staffage degradiert. Schade angesichts der sehr klugen und hintergründigen Leistung von Waltraud Meier.
Christian Thielemann, Musikdirektor der Festspiele, schließt mit dem Lohengrin die letzte Lücke des zehnteiligen Bayreuther Werk-Kanons. Er kennt die eigenwillige Akustik des Festspielhauses wie kein anderer und entfaltet einen Klang von brillanter Transparenz, trägt die Sänger in der Regel wie auf Händen und zelebriert, vor allem in den Hochzeitsszenen des zweiten und dritten Akts, kammermusikalische Delikatessen vom Feinsten. Dass er in der Premiere im ersten Akt das straffe Grundtempo streckenweise überzieht, worunter vor allem das Vorspiel und Elsas Traumerzählung zu leiden haben, dürfte sich in den Folgevorstellungen korrigieren lassen. Den Rest des Abends dosiert der Dirigent die Tempi erheblich organischer.

Dass der kurzfristig eingesprungene Tenor Piotr Beczala in der Titelrolle überzeugen kann, überrascht angesichts seiner Erfahrungen mit der Partie nicht. Thielemann bietet ihm nicht nur für die Gralserzählung einen seidenweichen Klangteppich, so dass er den italienischen Glanz seiner kultivierten Stimme mühelos verströmen kann. Eine weiche, in den wenigen dramatischen Ausbrüchen aber genügend metallisch klingende Stimme, die durch eine vorbildliche Textverständlichkeit geadelt wird. Anja Harteros ist der Rolle der Elsa eigentlich schon entwachsen. Die lyrischen Nuancen kommen kaum zur Geltung, die dramatischen Impulse führen zu verhärteten Höhen. Die selbstbewusste Kraft, die der Rolle in der Inszenierung zugedacht ist, kann sie natürlich perfekt umsetzen. Insgesamt immer noch eine Leistung von charismatischer Größe.
Vor 18 Jahren ist Waltraud Meier, die legendäre Isolde der Tristan-Inszenierung von Heiner Müller, von Bayreuth in Unfrieden geschieden. Für eine einzige Saison kehrt sie jetzt auf den Grünen Hügel zurück. Der schillernden Hintergründigkeit der Ortrud bleibt sie nichts an differenzierten und stets makellos geformten Tönen schuldig. Stimmkultur und Intelligenz verhelfen ihr zu einer überragenden Leistung, die allenfalls an den wenigen mörderischen Spitzentönen der heiklen Partie ihre Grenzen findet. Ihren Partner Tomasz Konieczny alias Telramund überflügelt sie damit um eine mindestens eine Klasse. Konieczny mit seinem rauen, holprig geführten Bariton bietet den einzigen vokalen Schwachpunkt der Besetzung. Davon kann bei dem wiederum grandios auftrumpfenden Georg Zeppenfeld als König Heinrich und dem kerngesunden Bariton des Heerrufers Egils Silins keine Rede sein. Die extrem komplexe Chorpartie bereitet dem monumentalen Festspielchor, wie gewohnt, keine Probleme, auch wenn Thielemann im besonders schwierigen ersten Akt mächtig aufs Tempo drückt. So voluminös und flexibel dürften die Lohengrin-Chöre derzeit nirgends zu hören sein. Dass Thielemann auch das Festspielorchester zur Höchstleistung motivieren kann, versteht sich von selbst.
Ein neuer Lohengrin von hoher musikalischer Qualität, mit dem die Bayreuther Festspiele ihren besonderen Rang als Wagner-Werkstatt bestätigen können, was sich beileibe nicht von jeder Produktion sagen lässt. Szenisch gehört er eher zu den belangloseren Beiträgen.
Ungetrübter Beifall des ungewöhnlich unruhigen Premieren-Publikums.
Pedro Obiera