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DREI MORDE, KÜCHE, BAD
(Carsten Golbeck)
Besuch am
27. Juli 2018
(Premiere am 6. Juli 2018)
Die Komödie Wuppertal ist tot. Es lebe die Komödie Wuppertal. Kristof Stößel steht in lockerer Freizeitkleidung und Sandaletten auf der Bühne und teilt den Paukenschlag nach dem Schlussapplaus scheinbar gelassen mit. Er selber, sagt er, weiß es erst seit acht Stunden. Die Vorpächterin hat die Segel gestrichen, und Stößel hat seinen Mietvertrag just unterzeichnet. Mit dem rauschenden Applaus ob dieser Nachricht könnte eine lange Odyssee zu Ende gehen. Nach seinem Auszug aus dem Tanzhaus war der Theatermacher mit seinem Ensemble als Untermieter in die Komödie Wuppertal gezogen. Die erste Freude über große Anfangserfolge verflog rasch, weil die Finanzierung einfach nicht zu sichern war. Bei wachsender Anhängerschar stand die Zukunft alsbald wieder in den Sternen. Stößel dachte laut darüber nach, aus Wuppertal abzuwandern. Für viele Wuppertaler inzwischen eine unvorstellbare Entwicklung. Allzu gut passt das neue Ensemble in die Wuppertaler Komödie am Elberfelder Karlsplatz. Findet auch der Vermieter und hat vernünftige Konditionen geschaffen.
Jetzt steht also alles wieder auf Anfang. Aber auf einer, wie es aussieht, vernünftigen Basis. Stößels Abenteuer seines Lebens hat begonnen. Und warum er es annimmt? Weil er sich in einem starken Umfeld bewegt. Und dazu gehört ein Ensemble, das sich vor nichts und niemandem zu verstecken braucht. Beweis gefällig? Drei Morde, Küche, Bad müssen genügen. So heißt das Stück von Carsten Golbeck, das Sabine Reinhardt für das KS Theater Wuppertal inszeniert hat. Der Einheitsbühnenraum ist ziemlich abgerockt. Florale Tapeten hängen von den Wänden herunter, Bauträger sind eingezogen. Zusätzlich zum bekannten Abgang in der hinteren linken Ecke führen davor ein paar Treppenstufen in ein unsichtbares Zimmer. Am rechten Bühnenrand vorn gibt es die Tür für den zweiten Abgang. Links noch ein Sofa, später kommt ein „Büffet“ in der rechten Bühnenhälfte hinzu. Im Hintergrund gibt es noch einen Fensterrahmen, hinter dem wahrhaftig ein Prospekt aufgehängt ist, das einen wolkigblauen Himmel zeigt. Golbeck will eine „Komödie zur Immobilienmarkt-Misere“ erzählen. Auf Raffinesse verzichtet er dabei weitgehend. Stattdessen setzt er auf Zoten, Sponti-Sprüche, die wirklich jeder kennt, und glücklicherweise auch auf literarische Zitate von Epikur bis Sartre.

Die Handlung beginnt interessant, um sich dann ein bisschen im Nirgendwo zu verlieren. Ein Ehepaar betritt eine neu erworbene Wohnung im vierten Stock eines Hochhauses und vermisst sie, um sie zu beziehen. Ziemlich weit hergeholt fällt der frischgebackenen Feng-Shui-Beraterin Irene eine Leiche in die Hände. Während die von Irene und ihrem ultralinken Freidenker-Ehemann Uwe im Nebenraum versteckt wird, erscheinen Philipp und Jana auf der Bühne. Sie wollen die Wohnung für einen Empfang von Investoren vorbereiten. Beide Paare haben die Dreizimmer-Wohnung gekauft. Dann fällt auch Jana die Leiche in die Hände. Die beiden Paare treffen aufeinander, streiten darüber, wem die Wohnung gehört, während sich herausstellt, dass Jana schwanger ist. Nicht ganz schlüssig wird die Wohnung in der Fantasie Philipps erst zur Traumwohnung Janas, ehe sich herausstellt, dass aus dem Hochhaus ein Sanierungsobjekt wird. Reinhardt kitzelt die wenigen Effekte, die das Stück bietet, ordentlich heraus, bringt es mit einer Rap-Einlage in der zweiten Hälfte auch noch mal richtig in Schwung und bezieht das Publikum mit ein, ohne es allzu sehr herauszufordern. Wo das doch einmal passiert, geht es auch schief. Das Publikum will sich amüsieren, nicht mitspielen.
Und damit das in dieser flotten Inszenierung funktioniert, hat Stößel ein brillantes Ensemble auf die Bühne gestellt. Oder auch mal gelegt. Prächtig macht sich Swen Wauer als schwergewichtige Leiche. Eric Haug macht als Uwe „bella figura“, wenn er mit Wohlstandsbauch und kurzen Hosen Zitate in den Raum wirft, weil er viel weiß, aber selber wenig zu sagen hat. Als Feng-Shui-Beraterin Irene dreht Viviane Flückiger gerade so weit auf, dass man nicht in Klischees ertrinkt, entwickelt im weiteren Verlauf Kämpferpose, bleibt immer glaubwürdig und gefällt als ewige Verliererin ohne Verkrampftheiten. Melanie Spielmann bringt die rotzige, verwöhnte Göre Jana mit ihren Gefühlswallungen, die mitunter arg schnell wechseln, witzig und glaubhaft auf die Bühne. Auch Jan Philip Keller ist als Erbe, der glaubt, mit Geld alles in den Griff zu bekommen, hervorragend besetzt.
Einem überragenden Ensemble gelingt es in einer überzeugenden Inszenierung, einem thematisch an der Oberfläche dümpelnden Stück, das mehr Wert auf den „Wortwitz“ als auf Dramatik legt, viel Spaß abzugewinnen. Das Publikum im halbwegs gut besuchten Theater amüsiert sich hervorragend und bedenkt die Darsteller mit viel Beifall. Spaßige Ablenkung von Sommerhitze und Alltagsstress ist in Stößels Commödchen, so möglicherweise der künftige Name der Komödie, garantiert. Dass der Theaterleiter für die Zukunft noch mehr in Planung hat, dürfte wohl so sicher sein wie die Kollekte in der Kirche.
Michael S. Zerban