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TRAUMGEKRÖNT
(Franziska Heinzen, Benjamin Mead)
Besuch am
29. Juli 2018
(Einmalige Aufführung)
Es ist Sonntag, der 2. Januar des Jahres 1927. Im Wallis ist es bitterkalt. Die Geigen-Virtuosin Alma Moodie spielt in der Kirche ein Stück von Johann Sebastian Bach. Dann geht es auf den Friedhof von Raron. „Seine Einfriedung gehört zu den ersten Plätzen, von denen aus ich Wind und Licht dieser Landschaft empfangen habe, zusammen mit allen den Versprechungen, die sie mir, mit und in Muzot, später sollte verwirklichen helfen“, hatte Rainer Maria Rilke am 27. Oktober 1925 geschrieben. Sein letzter Wille wird ihm erfüllt. Er wird dort beerdigt.
91 Jahre später ruft Franziska Andrea Heinzen in ihrem Geburtsort Brig, vierzehn Kilometer Luftlinie von Raron entfernt, das Rhonefestival für Liedkunst ins Leben. Am 9. Mai stellt sie in diesem Rahmen gemeinsam mit Klavierbegleiter Benjamin Malcolm Mead das Lied-Programm Traumgekrönt vor – eine Hommage an den Dichter Rainer Maria Rilke. Der Abend wird so erfolgreich, dass er zum Bonner Liedsommer eingeladen wird.

Die Zentrifuge Bonn sind Räume für Musik und Kultur. Ihre Besonderheit ist die Zentrifugenhalle, die 1955 errichtet wurde, um dort Experimente für die Raumfahrt durchzuführen. Heute ist der kreisrunde Raum zum Konzertsaal umgebaut und mit einer Orgel ausgestattet. Die Besucher sitzen ebenerdig und schauen auf ein Podium, das eher den Bereich markiert als eine echte Bühnenfunktion zu erfüllen. Die Beleuchtungsmöglichkeiten sind marginal. Nun wird man bei einem Liederabend keine aufwändige Technik erwarten – das widerspräche vermutlich auch dessen Charakter. Aber die „Bühne“ mit ein paar gleißenden Deckenscheinwerfern auszuleuchten, wirkt dann doch ein wenig lieblos. Denn das bewirkt, dass die Augen der Sängerin im Schatten liegen. Wenig vorteilhaft. Auch die Akustik hat ihre Tücken. Zumindest an diesem Nachmittag bei nur halbgefülltem Saal.
Heinzen und Mead, die sich während ihres Studiums an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf kennengelernt haben und seit 2014 als Lied-Duo zusammenarbeiten, betreten mit strahlenden Gesichtern das Podium. Und sie haben auch allen Grund dazu. Sie sind hervorragend vorbereitet und haben ein wirklich ungewöhnliches Programm in petto. Da ist Vorfreude spürbar.

Mit zwei Liebesliedern zu beginnen, die Leonard Bernstein 1949 musikalisch umgesetzt hat, ist eine gute Wahl. So kann Heinzen nachjustieren, ohne dass es dem Publikum bei den englischen Texten großartig auffällt. Denn was die Akustik in der Mittellage schluckt, legt sie in den Höhen an Hall drauf. Das mag jemandem, der den Saal gut kennt, sogar nützen, bei einem einmaligen Auftritt kann das schnell zur Schlitterpartie werden. Die Sopranistin lässt sich keine Irritation anmerken und hat die Situation bei den nachfolgenden Kompositionen von Inger Wikstrom weitestgehend im Griff. Das ist große Kunst, zumal das Niveau bei der Auswahl der Lieder sehr hoch liegt.
Von Dora Pejacevic bringt Heinzen vier Lieder aus den Mädchengestalten zu Gehör. Gelegenheit genug, das perfekte Zusammenspiel der Sängerin und ihres Begleiters zu genießen. Hier braucht es keinen Notenständer zur Sicherheit der Sängerin oder bedeutsame Blicke zwischen den beiden, um Einsätze abzustimmen. Mead spielt hochkonzentriert und wunderbar artikuliert. Mit Alban Bergs Umsetzung von Traumgekrönt aus Sieben frühen Liedern verabschiedet sich das Duo aus einer kurzweiligen, genussvollen ersten Hälfte.
Nach der Pause haben die beiden noch ein besonderes Erlebnis parat. Sie präsentieren Arbeiten von Rilke, die man – in Deutschland – im Allgemeinen kaum kennt: Französische Texte. Paul Hindemith hat sich damit kompositorisch um 1942 befasst. Vier Lieder gibt Heinzen zum Besten, ehe sie das Niveau noch mal ganz nach oben schraubt. Aus dem Jahr 2014 stammen die Kompositionen der Cinq fragments français von Aribert Reimann. Da geht es auch bei Heinzen nicht mehr ohne Notenblätter und Stimmgabel. Das Duo bewältigt die Anforderungen „mit Leichtigkeit“. Chapeau! Einen großartigen Abschluss liefern die beiden Musiker mit Samuel Barbers Interpretationen von fünf weiteren Liedern aus den Mélodies passagéres. Wenn es an dieser Aufführung etwas auszusetzen gibt, dann ist es das dürftige Programmheft, das dem Publikum keine Texte respektive Übersetzungen an die Hand gibt.
Von allem anderen sind die Besucher begeistert. Insbesondere, als Heinzen als Zugabe Alma Mahlers Bei dir ist es traut gefühlvoll ohne jeden Kitsch wiedergibt. Ein krönender Abschluss.
Michael S. Zerban