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Foto © O-Ton

Romantik mit Geschichte

THOMAS MANN UND SEINE LIEDER
(Frauke May)

Besuch am
3. August 2018
(Einmalige Aufführung)

 

Bonner Lieds­ommer, Augus­tinum, Bonn

Die Zielgruppe passt – und das ist sehr bedau­erlich. Der Bonner Lieds­ommer lässt die „Lieder-Lesung“ Thomas Mann und seine Lieder im Theatersaal der Augus­tinum Senio­ren­re­sidenz Bonn statt­finden. Und so setzt sich das Publikum zum größten Teil aus den älteren Herrschaften zusammen, die in dem Altenheim mit 1980-er-Jahre-Charme nahe des Rheins leben. Das bietet den großen Vorteil, dass man nicht lange erklären muss, wer Thomas Mann ist.

Die Idee zu diesem Lieder-Abend der beson­deren Art stammt von der Mezzo­so­pra­nistin Frauke May, die man zu Recht als absolute Lied-Expertin bezeichnen darf. Seit ihrer Jugend befasst May sich mit Leben und Werk von Thomas Mann, hat bei Lesungen und CD-Einspie­lungen mitge­wirkt. Da liegt es nahe, ein Programm zu gestalten, das Manns Vorliebe für Lieder mit seinen Arbeiten verknüpft. Die Urauf­führung des Programms fand im vergan­genen November im Woelfl-Haus in Bonn statt. Jetzt also die Neuauflage im Rahmen des Bonner Lieds­ommers im stark herun­ter­ge­kühlten Theatersaal, während draußen noch in den Abend­stunden der Asphalt vor Hitze flimmert.

Die Sängerin hat sich starke Unter­stützung zur Seite geholt. Der gebürtige Bonner Michael Schwalb hat ursprünglich Cello studiert, dann aber eine Karriere beim Hörfunk und als Schrift­steller absol­viert und ist derzeit Abtei­lungs­leiter beim Westdeut­schen Rundfunk. Er übernimmt die Moderation des Abends. Am Flügel sitzt Kristi Becker, eigentlich Spezia­listin für Neue Musik, die aber schnell zeigt, dass sie auch als Liedbe­glei­terin eine hervor­ra­gende Figur macht.

Frauke May – Foto © O‑Ton

Die Moderation des Journa­listen geht weit über das Übliche hinaus. Vielmehr zeigt Schwalb inter­es­sante Paral­lelen zwischen den Liedern Schuberts und Schumanns und dem Zauberberg, den Budden­brooks wie auch Doktor Faustus. Er referiert aus Manns Zeitungs­auf­sätzen und erzählt von Manns Mutter, die den Schrift­steller am eigenen Klavier für das roman­tische Lied begeis­terte. Der Journalist erzählt fein und fehlerfrei, so dass es aus beruf­licher Sicht eine Freude ist, ihm zuzuhören. Für die Drama­turgie des Abends hätte man sich aller­dings etwas mehr „Attacke“ gewünscht, schon um das emotionale Niveau des Lied-Vortrags zu erreichen.

Denn hier zeigt sich May als Meisterin alter Schule. Mit drama­ti­scher Inbrunst trägt sie die Lieder von Schubert, Schumann, Wolf und Brahms vor. Bewun­dernswert ist vor allem die Textver­ständ­lichkeit, die May zwischen feinen Akzenten und spannungs­ge­la­denen Brüchen geradezu zelebriert. Dass es im Programm zwischen Winter­reise und den Vier ernsten Gesängen Brahms‘ keine großen Überra­schungen gäbe, war zu erwarten, immerhin taucht mit Eduard Lassen ein weniger bekannter Komponist auf, der einen Text von Heinrich Heine vertonte. Aber May gelingt es, die alten Lieder mit Frische und Aplomb vorzu­tragen, so dass die knapp anderthalb Stunden des Vortrags verfliegen.

Das Publikum freut sich über zwei Zugaben und bedankt sich langan­haltend und herzlich bei dem Trio, das noch einmal einen neuen Blick auf einen alten Meister geworfen hat.

Michael S. Zerban

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