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TANZ IM AUGUST
(Festival)
Besuch im
August 2018
Haus der Berliner Festspiele, Potsdamer Platz, Hebbel am Ufer, Berlin
Das Berliner Festival Tanz im August ist dreißig geworden, und es wird drei Wochen lang kräftig gefeiert. Genauso viele Produktionen sind an elf Spielstätten angekündigt. Bei etlichen Formaten, wie Talks und Workshops, hat das Publikum die Möglichkeit zum Austausch mit Künstlerinnen und Künstlern. Mit dabei ist auch die Gründerin Nele Herling, die die Berliner Tanzszene wie keine geprägt hat, bis heute darin aktiv ist und für ihre Verdienste im September den diesjährigen Deutschen Tanzpreis verliehen bekommt.
Ein spezielles Motto hat die künstlerische Leiterin Virve Sutinen diesmal nicht vorgegeben, der Reiz liegt in der Abwechslung und der Begegnung mit besonders glanzvollen Namen. Die Eröffnung bestreitet das Ballet de l’Opéra de Lyon. Der Abend mit dem Namen Trois Grandes Fugues ist dramaturgisch ein großer Wurf. Gezeigt werden drei Tanzschöpfungen zur Musik von Beethovens Große Fuge, kreiert von drei Choreografinnen. Von Lucinda Childs, einer Ikone der Postmoderne, stammt die am traditionellsten anmutende Fassung. Sechs Paare in grauen Trikots bewegen sich nach Formen des klassischen Bewegungsvokabulars, ganz der Harmonie verpflichtet. Anne Teresa De Keersmaeker dagegen steckt zwei Solistinnen und sechs Solisten in schwarze Anzüge mit weißem Oberteil und setzt auf Verve, Drive und mitreißende Energie, so als wollten sich alle von ihren beruflichen und persönlichen Zwängen befreien. Nur vier Frauen in roten Kleidern sind bei Maguy Marins Version auf der Bühne. Mit ihrem Tanz scheinen sie Obsessionen vertreiben zu wollen und zu versuchen, aus inneren Bedrängnissen auszubrechen. Die Gruppe aus Lyon führt alle drei choreografischen Handschriften mit der gleichen Perfektion und Intensität aus und wird dafür am Ende ausgiebig bejubelt.
Draußen im Sony-Center am Potsdamer Platz macht, bei freiem Eintritt und zur Gaudi von Jung und Alt, die amerikanische Truppe Streb Extreme Action von Elizabeth Streb Station. Tanz kann man ihre Show SEA (Singular Extreme Actions) kaum nennen. Es sind waghalsige, ungesicherte Akrobatik-Acts, die sieben Performer an vier gigantischen Maschinen ausführen. So klettern sie über ein Riesenrad und balancieren auf ihm oder zwischen den Streben, während es sich dreht. Oder sie vollführen auf dem Trampolin zirzensische Sprünge und wahnwitzige Figuren, um sich dann von großer Höhe auf Matten fallen zu lassen. Das ist pures Entertainment mit sportlichem Kick und bringt ein bisher wenig tanzaffines Publikum zum Staunen. Denn auch das will Tanz im August: neue Zuschauer gewinnen.

Die polnische Choreografin Ola Maciejewska hat sich in ihrem Stück Bombyx Mori vom Serpentinentanz der Tanzpionierin Loïe Fuller inspirieren lassen, für den sich diese in ein übergroßes Schleierkostüm hüllte. Bei Maciejewska sind es drei Akteure, die schwarze Tücher aus Seide in immer neuen Formationen um ihre Körper drapieren. Daraus entstehen changierende Gebilde, fantastische Objekte, Gestalten und Skulpturen – so wie auch die Seidenraupen, auf die der Titel anspielt, verschiedene Metamorphosen von der Raupe bis zum Schmetterling durchlaufen.
Die 2005 von Marcos Morau gegründete Gruppe La Veronal zeigt im HAU 1 ihr neuestes Stück Pasionaria. Ein veritables Treppenhaus, von Max Glaenzel entworfen, füllt die Bühne aus. Es verbreitet eine unheimliche Atmosphäre, so wie auch die sich dort befindenden Menschen deformiert wirken. Sie bewegen sich roboterhaft, tragen Masken oder Riesenbrillen, als ob sie ihre Gefühle dahinter verstecken wollten, mal haben sie vier Arme, mal überlange Beine. Zwischen ihnen entstehen teils komische, teils gespenstische Spielszenen, die in aberwitzigen Verschlingungen und Slapstick-Nummern ausarten. Pasionaria ist ein virtuoses Tanztheater über eine Gesellschaft, in der die Menschen miteinander in Beziehung treten wollen, es aber nur selten schaffen.
Der Auftritt von La Veronal ist eines von drei Gastspielen aus Katalonien, dessen Tanzszene bei Tanz im August somit einen kleinen Schwerpunkt bildet.
Karin Coper