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Foto © Marco Borelli

Das Inferno der Gerichtsbarkeit

DER PROZESS
(Gottfried von Einem)

Besuch am
14. August 2018
(Einmalige, konzer­tante Aufführung)

 

Salzburger Festspiele, Felsenreithalle

Hoch über seinen Kopf hebt der Dirigent beim frene­ti­schen Schluss­ap­plaus die Partitur des Kompo­nisten. Dann küsst er sie auch noch, und das Publikum jubelt noch mehr. Zum 100. Geburtstag von Gottfried von Einem wurde, noch dazu am Urauf­füh­rungsort in Salzburg vor 65 Jahren, seine Oper Der Prozess nach dem Roman von Franz Kafka in der vollen Felsen­reit­schule konzertant aufge­führt. Die Urauf­führung 1953 war eine Rehabi­li­tation des Kompo­nisten, der sich 1951 als damaliges Direk­to­ri­ums­mit­glied der Salzburger Festspiele für Bert Brecht einge­setzt hatte. Der damals staatenlose Autor sollte im Auftrag von Einems einen „Totentanz“ für Salzburg schreiben und dafür die öster­rei­chische Staats­bür­ger­schaft bekommen. Als das publik wurde, kam es zum Skandal und Einem verlor seine Position im Direktorium.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Publikum



Chat-Faktor



„Warum wollen sie sich nicht fügen? Ich bin zum Prügeln bestellt, also prügle ich …“ Kafka scheint aktueller denn je, wenn man so manche rechts­staat­lichen Entwick­lungen auf der Welt betrachtet. Es ist ja regel­recht zum Fürchten, wenn man die alptraum­haften und völlig willkür­lichen Eingriffe des Gerichtes erfährt, das sich um keinerlei Legali­täts­prinzip zu scheren scheint. Wenn ein Unschul­diger willkürlich verhaftet wird, aber in Freiheit bleibt, wenn ihm nie die Anklage zu Kenntnis gebracht wird und er so zum Spielball der Behörde wird. Und wenn er diese abstrakte Schuld akzep­tiert und schließlich hinge­richtet wird. Also eine Art Täter-Opfer Umkehr, wobei es weder Täter und Opfer gibt.

Und dazu gibt es eine ungeniert tonale, ungeniert swingende, ja, teils sogar jazzende und immer pulsie­rende Musik von Gottfried von Einem. Das Stück ist ein packendes, inten­sives Stück Musik­theater mit einer sehr dichten musika­li­schen Sprache. Es wird vom ORF-Radio­sym­phonie-Orchester Wien unter Heinz Karl Gruber – dieser hat bei Einem als Schüler Kompo­sition studiert und war später mit ihm befreundet, also ein idealer Sachwalter seiner Musik – messer­scharf und mit schnei­dender Präzision umgesetzt. Er meißelt die Feinmo­torik des Werkes behutsam heraus und arbeitet die Lyrismen geradezu liebevoll zärtlich heraus.

Foto © Marco Borelli

Hervor­ragend und mit exempla­ri­scher Wortdeut­lichkeit ist das große Sänger­ensemble zu vernehmen, das keine Opern­arien abzuliefern hat, sondern haupt­sächlich einen dekla­ma­to­ri­schen Gesang, fallweise sogar einen direkten Sprech­gesang. Selten hört man so viele Gesänge immer nur auf einem Ton. Dabei ist Michael Laurenz an der Spitze zu erwähnen: Er singt den Josef K. mit allen notwen­digen Fassetten des Aufbe­gehrens und des Sich-Fügens, mit geradezu atembe­rau­bender Sicherheit und Durch­hal­te­ver­mögen, ist er ja doch im Dauer­einsatz. Auch die kniff­ligsten Passagen bewältigt er mit Bravour. Alle anderen Protago­nisten sind in mehreren Rollen zu erleben. Auch Ilse Eerens ist, wie vom Kompo­nisten gewünscht, in fast allen Frauen­rollen mit sicher geführtem Sopran und samtiger Innigkeit zu bewundern. Anke Vondung faszi­niert als Fräulein Grubach. Jochen Schme­cken­becher ist ein stimm­ge­wal­tiger und bedroh­licher Aufseher und Geist­licher, Lars Woldt ein inten­siver Unter­su­chungs­richter und Prügler, beide im Dienste der Macht und beide sind Reprä­sen­tanten des Systems. Mit großer Brillanz erlebt man auch Matthias Schmid­lechner als Student der Rechte und Direktor-Stell­ver­treter. Weiters wird man noch beein­druckt von Jörg Schneider als Gerichts­maler Titorelli sowie von Johannes Kammler und Tillmann Rönnebeck.

Es erhebt sich nur die berech­tigte Frage, ob die Produktion nicht bei einer szeni­schen Umsetzung noch weitaus eindrucks­voller gewirkt hätte. Opern leben nun Mal aus der Spannung zwischen Handlung und Musik. Denn einige Sänger versuchen immer wieder, insbe­sondere Michael Laurenz als Josef K., dem fließenden Dialog Gesten hinzu­zu­fügen und mit den Kollegen in irgend­einer Form in Inter­aktion zu treten, um wenigstens etwas von der beklem­menden Handlung in irgend­einer Form sichtbar zu machen.

Zum Finale gibt es stehende Ovationen eines restlos begeis­terten Publikums.

Helmut Christian Mayer

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