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Lisbeth Gruwez und Voetvolk - Foto © Danny Willems

Kolonialismus und Meeresrauschen

TANZ IM AUGUST
(Festival)

Besuch im
August 2018

 

Sophiensäle, Hebbel am Ufer, Festspielhaus, Berlin

Nach einem starken Eröff­nungs­wo­chenende geht das Berliner Festival Tanz im August in die zweite Runde. Die Vorstel­lungen sind ausge­sprochen gut besucht, bei vielen Vorstel­lungen gibt es Warte­listen an den Kassen, um noch zurück­ge­gebene Karten zu ergattern. Viel Zuspruch erhalten auch die Publi­kums­formate, die im HAU, dem Festival-Zentrum, statt­finden. Als beson­deren Service bieten die Festspiele einen kosten­losen Shuttle­service zwischen ausge­wählten Spiel­stätten an.

In Portrait of myself as my father begibt sich die in Simbabwe geborene Nora Chipaumire auf die Suche nach den Wurzeln ihres Vaters. Dabei geht es ihr auch um die Folgen der Kolonia­li­sierung und die Wahrnehmung Afrikas in Europa. Der Performer Shamar Watt kauert am Eingang der Sophiensäle und beobachtet die bei dröhnender Musik Eintre­tenden. In einem Boxring liegt derweil schon der Tänzer Pape Ibrahima Ndiaya Kaolack in aufrei­zender Pose auf einem Podest. Er verkörpert den schwarzen Mann und die Vorstel­lungen, die wir von ihm haben: wir sehen ihn im Verlauf als Enter­tainer mit Schirm, als Sexual­objekt, als Athlet oder als Unter­drückter im eigenen Land, während Chipaumire Sätze wie „The question is how to be a real black man“ in die Runde schleudert und sich in eine Raserei steigert, so dass nur noch Textfetzen zu verstehen sind. Es herrscht eine aggressive Grund­stimmung in Chipau­mires wilder Perfor­mance aus Tanz, Sprache und sport­lichen Elementen, in der weichere Zwischentöne keinen Platz haben. Selbst nicht bei der scheinbar lockeren Animation des Publikums. “Hands up”, heißt es da beispiels­weise, und das ist durchaus eindeutig zu verstehen. Am Ende sind Gewehr­salven zu hören, während der Chipaumire Kaolack auf dem Rücken ins Dunkel trägt. Ihre eigene Betrof­fenheit spielt in Portrait of myself as my father eine wesent­liche Rolle und gibt dem Stück eine sehr persön­liche Note.

Um das Thema Kolonia­lismus kreist auch das Stück Oh Louis, das die südafri­ka­nische Choreo­grafin Robyn Orlin kreiert hat und das im HAU 1 aufge­führt wird. Grundlage ist das Dekret Code Noir über den Umgang mit Sklaven in den franzö­si­schen Kolonien, das Ludwig XIV. 1685 erließ. Der Sonnen­könig steht auch selbst im Zentrum. Darge­stellt wird er von Benjamin Pech, bis 2016 Erster Tänzer im Ballett der Pariser Oper. Pech, erst in Trainings­anzug und Weste, später nur mit Slip bekleidet, gibt zunächst einen Enter­tainer, der die Anwesenden mit Späßen und Mitmach­ak­tionen unterhält. Es folgt eine Show, in der er, fast nackt, den König mimt, mit entspre­chenden Requi­siten und barocker Musik, die Loris Barrcand auf einem herein­rol­lenden Cembalo beisteuert. Zwischen­durch zitiert er Passagen aus dem Code Noir, was vom Publikum einiges an histo­ri­schem Wissen voraus­setzt, um alle Anspie­lungen zu verstehen: beispiels­weise jene, dass auf einigen Zuschau­er­sitzen Orangen liegen, weil Ludwig XIV. die Früchte so liebte. Orlin packt viel hinein in ihr Stück: sie zeigt einer­seits ein komplexes Porträt des Sonnen­königs, anderer­seits ein Spiel über Herrscher­al­lüren, Macht­struk­turen und Narzissmus. Das Ergebnis ist eine vielschichtige, aber auch überfrachtete Perfor­mance, die von der starken Präsenz Benjamin Pechs lebt. Optisch macht der Abend einiges her. Ein riesiges goldenes Tuch bedeckt die Bühne, es wird als Vor- oder Umhang benutzt und im Schlussbild als Meer, in dessen Fluten Ludwig XIV. untergeht – ein aktueller Verweis auf den Tod von Bootsflüchtlingen.

Tanz ohne aufge­setztes Konzept bietet das reine Frauen­stück The Sea Within im HAU 2. In ihm verschmelzen Natur­stim­mungen und meditative Bewegungs­formen zu einer poeti­schen Einheit. Die Belgierin Lisbeth Gruwez hat es mit zehn Solis­tinnen ihrer Gruppe Voetvolk erarbeitet, in Überein­stimmung mit dem konge­nialen, an- und abschwel­lenden, mal betont rhyth­mi­sierten Sound von Marten Van Cauwen­berghe. Die Tänze­rinnen liegen zunächst vereinzelt im Raum, Gelas­senheit schwebt über dem Ganzen. Nach und nach erwachen sie aus ihrer Ruhe, einige von ihnen beginnen extro­ver­tierte Soli. Im Wechsel fügen sie sich zu Gruppen zusammen und lösen sich wieder vonein­ander. Manchmal brechen einzelne aus dem Kollektiv aus, finden aber wieder zur Gemein­schaft zurück. Daraus entstehen stimmungs­volle, fließende Forma­tionen: Mal bildet sich ein Boot, ein anderes Mal eine Diagonale, mal assoziiert man sanfte Wellen, dann rauen Seegang. The Sea Within ist im positiven Sinne eine Perfor­mance zum Wohlfühlen und vermittelt ein Gefühl von Harmonie, allen emotio­nalen Stürmen zum Trotz.

Foto © Gennadi Novash

Aus England kommt die inter­na­tional hoch gefragte Company Wayne McGregor zum ersten Mal in die Haupt­stadt. Der Choreograf gehört zu den vielsei­tigsten seiner Branche und ist bekannt dafür, wissen­schaft­liche Themen tänze­risch zu verar­beiten. Für die im Berliner Festspielhaus gezeigte Autobio­graphy ließ er seine DNA entschlüsseln und filterte daraus 23 Szenen, den Chromo­so­men­paaren entspre­chend. Vor jeder Vorstellung bestimmt ein Computer die Reihen­folge und die tanzenden Personen und verlangt den Ausfüh­renden daher eine enorme Flexi­bi­lität ab. Was auf dem Papier kompli­ziert klingt, bündelt sich auf der Bühne zu einer Fülle von rasanten Tanzfolgen, die klassi­sches Material ebenso mitein­schließt wie zeitge­nös­sische Formen. Die Abschnitte haben Titel wie Avatar oder Altern, sind choreo­gra­fisch aber so abstrakt gehalten, dass sie Raum für indivi­duelle Inter­pre­ta­tionen bieten. Auch das Bühnenbild setzt starke Akzente: eine von oben herab­hän­gende, beweg­liche Platte mit symme­trisch angeord­neten Metall­rauten in Kombi­nation mit raffi­nierten Licht­wechseln. Vor allem aber begeistern die Tänze­rinnen und Tänzer, die das Bewegungs­ma­terial mit überwäl­ti­gender Energie, Körper­be­herr­schung und Präsenz umsetzen.

Vielver­spre­chend geht es an diesem Wochenende weiter, unter anderem mit einem Gastspiel aus Griechenland, dem neuen Stück von Alexandra Bachzetsis und einer Urauf­führung von Constanza Macras. Und darüber hinaus hat auch noch Sasha Waltz‘ Dreistunden-Novität Exodus Premiere, außerhalb des offizi­ellen Programms.

Karin Coper

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