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Nach einem starken Eröffnungswochenende geht das Berliner Festival Tanz im August in die zweite Runde. Die Vorstellungen sind ausgesprochen gut besucht, bei vielen Vorstellungen gibt es Wartelisten an den Kassen, um noch zurückgegebene Karten zu ergattern. Viel Zuspruch erhalten auch die Publikumsformate, die im HAU, dem Festival-Zentrum, stattfinden. Als besonderen Service bieten die Festspiele einen kostenlosen Shuttleservice zwischen ausgewählten Spielstätten an.
In Portrait of myself as my father begibt sich die in Simbabwe geborene Nora Chipaumire auf die Suche nach den Wurzeln ihres Vaters. Dabei geht es ihr auch um die Folgen der Kolonialisierung und die Wahrnehmung Afrikas in Europa. Der Performer Shamar Watt kauert am Eingang der Sophiensäle und beobachtet die bei dröhnender Musik Eintretenden. In einem Boxring liegt derweil schon der Tänzer Pape Ibrahima Ndiaya Kaolack in aufreizender Pose auf einem Podest. Er verkörpert den schwarzen Mann und die Vorstellungen, die wir von ihm haben: wir sehen ihn im Verlauf als Entertainer mit Schirm, als Sexualobjekt, als Athlet oder als Unterdrückter im eigenen Land, während Chipaumire Sätze wie „The question is how to be a real black man“ in die Runde schleudert und sich in eine Raserei steigert, so dass nur noch Textfetzen zu verstehen sind. Es herrscht eine aggressive Grundstimmung in Chipaumires wilder Performance aus Tanz, Sprache und sportlichen Elementen, in der weichere Zwischentöne keinen Platz haben. Selbst nicht bei der scheinbar lockeren Animation des Publikums. “Hands up”, heißt es da beispielsweise, und das ist durchaus eindeutig zu verstehen. Am Ende sind Gewehrsalven zu hören, während der Chipaumire Kaolack auf dem Rücken ins Dunkel trägt. Ihre eigene Betroffenheit spielt in Portrait of myself as my father eine wesentliche Rolle und gibt dem Stück eine sehr persönliche Note.
Um das Thema Kolonialismus kreist auch das Stück Oh Louis, das die südafrikanische Choreografin Robyn Orlin kreiert hat und das im HAU 1 aufgeführt wird. Grundlage ist das Dekret Code Noir über den Umgang mit Sklaven in den französischen Kolonien, das Ludwig XIV. 1685 erließ. Der Sonnenkönig steht auch selbst im Zentrum. Dargestellt wird er von Benjamin Pech, bis 2016 Erster Tänzer im Ballett der Pariser Oper. Pech, erst in Trainingsanzug und Weste, später nur mit Slip bekleidet, gibt zunächst einen Entertainer, der die Anwesenden mit Späßen und Mitmachaktionen unterhält. Es folgt eine Show, in der er, fast nackt, den König mimt, mit entsprechenden Requisiten und barocker Musik, die Loris Barrcand auf einem hereinrollenden Cembalo beisteuert. Zwischendurch zitiert er Passagen aus dem Code Noir, was vom Publikum einiges an historischem Wissen voraussetzt, um alle Anspielungen zu verstehen: beispielsweise jene, dass auf einigen Zuschauersitzen Orangen liegen, weil Ludwig XIV. die Früchte so liebte. Orlin packt viel hinein in ihr Stück: sie zeigt einerseits ein komplexes Porträt des Sonnenkönigs, andererseits ein Spiel über Herrscherallüren, Machtstrukturen und Narzissmus. Das Ergebnis ist eine vielschichtige, aber auch überfrachtete Performance, die von der starken Präsenz Benjamin Pechs lebt. Optisch macht der Abend einiges her. Ein riesiges goldenes Tuch bedeckt die Bühne, es wird als Vor- oder Umhang benutzt und im Schlussbild als Meer, in dessen Fluten Ludwig XIV. untergeht – ein aktueller Verweis auf den Tod von Bootsflüchtlingen.
Tanz ohne aufgesetztes Konzept bietet das reine Frauenstück The Sea Within im HAU 2. In ihm verschmelzen Naturstimmungen und meditative Bewegungsformen zu einer poetischen Einheit. Die Belgierin Lisbeth Gruwez hat es mit zehn Solistinnen ihrer Gruppe Voetvolk erarbeitet, in Übereinstimmung mit dem kongenialen, an- und abschwellenden, mal betont rhythmisierten Sound von Marten Van Cauwenberghe. Die Tänzerinnen liegen zunächst vereinzelt im Raum, Gelassenheit schwebt über dem Ganzen. Nach und nach erwachen sie aus ihrer Ruhe, einige von ihnen beginnen extrovertierte Soli. Im Wechsel fügen sie sich zu Gruppen zusammen und lösen sich wieder voneinander. Manchmal brechen einzelne aus dem Kollektiv aus, finden aber wieder zur Gemeinschaft zurück. Daraus entstehen stimmungsvolle, fließende Formationen: Mal bildet sich ein Boot, ein anderes Mal eine Diagonale, mal assoziiert man sanfte Wellen, dann rauen Seegang. The Sea Within ist im positiven Sinne eine Performance zum Wohlfühlen und vermittelt ein Gefühl von Harmonie, allen emotionalen Stürmen zum Trotz.

Aus England kommt die international hoch gefragte Company Wayne McGregor zum ersten Mal in die Hauptstadt. Der Choreograf gehört zu den vielseitigsten seiner Branche und ist bekannt dafür, wissenschaftliche Themen tänzerisch zu verarbeiten. Für die im Berliner Festspielhaus gezeigte Autobiography ließ er seine DNA entschlüsseln und filterte daraus 23 Szenen, den Chromosomenpaaren entsprechend. Vor jeder Vorstellung bestimmt ein Computer die Reihenfolge und die tanzenden Personen und verlangt den Ausführenden daher eine enorme Flexibilität ab. Was auf dem Papier kompliziert klingt, bündelt sich auf der Bühne zu einer Fülle von rasanten Tanzfolgen, die klassisches Material ebenso miteinschließt wie zeitgenössische Formen. Die Abschnitte haben Titel wie Avatar oder Altern, sind choreografisch aber so abstrakt gehalten, dass sie Raum für individuelle Interpretationen bieten. Auch das Bühnenbild setzt starke Akzente: eine von oben herabhängende, bewegliche Platte mit symmetrisch angeordneten Metallrauten in Kombination mit raffinierten Lichtwechseln. Vor allem aber begeistern die Tänzerinnen und Tänzer, die das Bewegungsmaterial mit überwältigender Energie, Körperbeherrschung und Präsenz umsetzen.
Vielversprechend geht es an diesem Wochenende weiter, unter anderem mit einem Gastspiel aus Griechenland, dem neuen Stück von Alexandra Bachzetsis und einer Uraufführung von Constanza Macras. Und darüber hinaus hat auch noch Sasha Waltz‘ Dreistunden-Novität Exodus Premiere, außerhalb des offiziellen Programms.
Karin Coper