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Neun Vorstellungen alleine am Samstag, weiter die traditionelle, viertägige Tanznacht in den Uferstudios, in denen Berliner Choreografinnen und Choreographen Werke vorstellen und zum Austausch einladen und am Ende die Feier des 40-jährigen Bestehens der Tanzfabrik: Am dritten Wochenende von Tanz im August haben Tanzbegeisterte die Qual der Wahl.
Drei Produktionen zeigen auf sehr unterschiedliche Art, dass sich die Street-Dance-Szene mittlerweile einen Platz im bürgerlichen Kulturbetrieb erobert hat. Mit dem positiven Ergebnis, dass sich neue Besucherschichten angesprochen fühlen. Den Auftakt macht in den Sophiensälen die Deutschlandpremiere des australischen Duos Between Tiny Cities von Nick Power. Inmitten der Besucher, die sich um eine kreisrunde Spielfläche verteilen, taxieren und belauern sich die beiden Tänzern Aaron Lim und Erak Mith. Mit immer waghalsigeren Break-Dance-Varianten, durchsetzt mit asiatischen Kampfsportelementen, fordern sie sich gegenseitig heraus, bis es zum wilden tänzerischen Zweikampf kommt, der kongenial durch den pulsierenden Sound von Jack Prester unterstrichen wird. Nach einem kurzen Innehalten ändert sich die Stimmung. Mith singt ein Kinderlied aus Kambodscha, die Musik wird sanfter und auch die Gesten der beiden immer zärtlicher, bis sie sich umschlingen und umarmen. Between Tiny Cities ist ein wunderschönes, bravourös dargebotenes Duett, das davon erzählt, wie zwei Konkurrenten aus unterschiedlichen Milieus durch den Tanz Gemeinsamkeiten entdecken.
Größer dimensioniert geht es im Haus der Festspiele zu. Hier stellt die Compagnie Käfig aus Frankreich ihre Kreation Pixel vor und beschert Tanz im August einen überwältigenden Erfolg. Der Choreograf Mourad Merzouki lotet in seinem Stück die Verbindung zwischen realem Theater und digitalen Projektionen mit einen Feuerwerk an Einfällen aus. Computerpixel simulieren Sterne, Flocken oder Wellen und bilden einen magischen Kosmos. Die elf Performer – zehn Tänzer und eine Akrobatin – verschmelzen mit den virtuellen Animationen, spielen mit ihnen oder reagieren auf sie. Ihre Interaktionen gehen nahtlos in virtuose Tanz-Sequenzen und Zirkusnummern über, begleitet von Armand Amars spirituell-soghafter Musik. Zu einem der schönsten Momente gerät der sinnlich-poetische Pas de deux zwischen der Schlangenfrau-Artistin Elodie Chan und dem Breakdancer Kader Belmoktar. Zwei Stile, die unterschiedlicher nicht sein könnten, gehen in Merzoukis Choreografie eine magische Verbindung ein. Die Show, in der Traum und Wirklichkeit verschwimmen, verzaubert das hingerissene Publikum und löst standing ovations aus.

Zum Abschluss der Street-Dance-Trilogie zeigen der brasilianische Choreograf Bruno Beltrão und seine Kompanie Grupo de Rua im Haus der Festspiele ihr aktuelles Stück INOAH, das auf die korrupten Verhältnisse in ihrer Heimat anspielt. Dieser gesellschaftliche Hintergrund wird zwar nicht konkret abgebildet, doch sprechen die dunkle Bühne und die wummernde Klanguntermalung für sich. In diesem gefängnisartigen Raum, in dem nur ein oberhalb verlaufendes Band mit Himmel- und Wolkenmotiven die Außenwelt imaginiert, herrscht eine aufgeladene Spannung. Zehn Tänzer, mal zu zweit, mal zu mehreren, vollführen Kampfrituale, in denen Hip-Hop- und Breakdance-Merkmale erkennbar sind. Manchmal erstarren sie in Posen und bewegen sich mit zuckenden Gliedern nur noch roboterhaft, als ob sie ständig unter Hochdruck stünden. Beeindruckend ist die Körperpräsenz der Truppe, ihre physische, nicht nachlassende Energie und die virtuosen Drehungen und Überschläge. INOAH ist ein finsteres Stück in finsteren Zeiten, das wenig Hoffnung für die Zukunft verspricht.
Mit Tanz im herkömmlichen Sinne hat das Zweipersonenstück Titans von Euripides Laskaridis, das im HAU 2 gezeigt wird, wenig zu tun, mehr dafür mit absurdem Theater. Die mythologischen Titanen sind bei Laskaridis zwei bizarre Kreaturen, die sich als letzte Überlebende in einer düsteren Mondlandschaft, in der nur noch Reste von ehemaliger Zivilisation zeugen, eingerichtet haben. Die erste – von Laskaridis selbst verkörpert – trägt aufgesetzte Brüste und einen schwangeren Bauch, ist aufgetakelt, aber unbestimmten Geschlechts. Sie umwirbt die andere – Dimitris Matsoukas – ein in durchsichtige Gaze eingehülltes, gesichtsloses Wesen. Man sieht den beiden bei Alltagsverrichtungen zu, beim Fegen, Blumen gießen oder bei handwerklichen Arbeiten mit Styroporplatten und schmunzelt beim Slapstick mit Leuchtröhren. Die aneinandergereihten Aktionen fügen sich zu einer irritierenden Groteske zusammen, die manchmal witzig, manchmal aber auch schwer fassbar ist. Was den Gesamteindruck jedoch erheblich beeinträchtigt, ist der aus verfremdeten, überschrillen Wortcollagen bestehende Dauersound.
Pure Lebens- und Sinnesfreude strahlt das im HAU 1 uraufgeführte Stück Chatsworth von Constanza Macras aus. Es spielt im titelgebenden Township nahe der südafrikanischen Stadt Durban, wo sich indische Einwanderer während der Apartheid ansiedeln mussten, und handelt vom Leben in der Diaspora. Fragen, wie weit Anpassung gehen soll oder die eigene Kultur bewahrt werden kann, präsentiert Macras als flotte Ethno-Revue mit leichter Hand und ohne jegliche Tristesse, wenn auch mit kritischen Untertönen. Zur Akzentuierung sind kurze biografische Erzählungen und Videos über Townships eingewoben. Szenen wie im Bollywood-Film, von Shampa Gopikrishna choreografiert, spielen eine wichtige Rolle, aber auch Musicals wie Anatevka oder West Side Story werden zitiert. Chatsworth ist stilistisch so vielfarbig wie ein Kaleidoskop. Dass die Aufführung so umwerfend gelingt, ist nicht zuletzt Macras‘ fabelhafter Gruppe Dorkypark zu verdanken. Die zwölf Mitwirkenden strotzen nur so vor Vitalität, stürmen singend und tanzend durch das Stück und werden dafür zu Recht heftig umjubelt.
Am kommenden Wochenende ist Endspurt beim Tanz im August: Zum Finale kommt das Tanztheater Wuppertal erstmals mit einem Stück nach Berlin, das nicht von Pina Bausch stammt, und zur Abschlussveranstaltung begibt sich die katalonische Gruppe Cia Vero Cendoya auf einen Sportplatz, wo fünf Tänzerinnen mit fünf Fußballspielern zu einem Match zusammentreffen.
Karin Coper