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NERO – EIN SCHRITT ZUSAMMEN INS DUNKLE BLAU
(Alfredo Zinola, Maxwell McCarthy)
Besuch am
1. September 2018
(Premiere)
Aufführungen generell benötigen ein ruhiges Publikum und Aufführungen für Kinder umso mehr, gerade an einem schönen Sommersamstagnachmittag in der verlockenden Nähe eines Straßenfestes. Um die junge zwei- bis fünfjährige Zielgruppe also etwas auf das folgende Tanzstück vorzubereiten, werden sämtliche Zuschauer einzeln mit ihren Eltern in aller Stille von den beiden Tänzern und Choreografen Alfredo Zinola und Maxwell McCarthy an der Hand in den Bühnenbereich eingeführt. Ohne Schuhe, denn die müssen sämtliche Gäste noch vor Betreten des Saales ausziehen.
Das Stück Nero bezieht sich nicht auf den römischen Kaiser, sondern kommt aus dem Italienischen und bedeutet „schwarz“. Schwarz ist auch der Bühnenraum, in den man sich begibt und der durch Vorhänge zu einem kleinen intimen und abgedunkelten Raum verengt wurde. Das Publikum wird von den Tänzern zu Kissen in einen Sitzkreis geleitet, und nachdem abermals etwas Ruhe eingekehrt ist, beginnt die Aufführung.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Mit großen Lampen erforschen Zinola und McCarthy zunächst die Vorhänge, lassen die zufälligen Falten immer neue Schatten werfen. Die beiden Lichter sind gold- sowie silberfarben und immer an entgegengesetzten Punkten wie Sonne und Mond. Durch die Fokussierung auf die Lichtpunkte verliert die ansonsten vollständige Dunkelheit ihr Gewicht und damit ihre bedrohliche Wirkung. Anschließend wandern die Lichter zum Publikum, nun werfen die Körper die Schatten und jeder findet sich inmitten des Geschehens wieder.
Im nächsten Abschnitt sind die einzigen Lichtquellen zwei Taschenlampen in den Händen der Tänzer, die damit den inneren Kreis des Publikums abgehen und Füße, Beine und Hände wieder sichtbar machen. Für das junge Publikum verliert die Dunkelheit immer mehr die Bedrohung, denn sie selbst lösen sich nicht darin auf. Auch wird immer klarer, dass durch die Dunkelheit das Licht so viele Details herausbringen kann.

Der Hauptteil der Aufführung ist aber die Performance der Tänzer, wenn sie mit den Taschenlampen ihre Hemden und T‑Shirts beleuchten, die durch verschiedene spiegelnde Materialien faszinierende Lichtreflexe an die Wände zaubern. Auch hier wird die Aufmerksamkeit des Publikums geführt, vom gesamten Raum immer näher und intimer zum Publikum hin, bis die Lampen unter die T‑Shirts gehalten werden und durch die bunten Pailletten der Unterhemden kleine Galaxien auf die Shirts projizieren. Die Tänzer kommen langsam zu ihren Ursprungspunkten, den Lampen, zurück und das Licht erlischt völlig.
Die Choreografie ist beeindruckend wie simpel und gerade deswegen sehr effektvoll. Zinola und McCarthy scheint es wichtiger zu sein, durch den spielerischen Ansatz die Fantasie der Kinder anzuregen, als mit einem dramaturgischen Aufbau eine bestimmte Botschaft vorzugeben. Stattdessen ist die unkommentierte Konfrontation mit Licht und Dunkel eine schöne Anregung für die eigene Auseinandersetzung mit dem täglichen Phänomen.
Die Musik von Marin Zivkovic hält sich sanft zurück und besteht aus synthetischen und naturalistischen Klängen, die sich den jeweiligen Abschnitten entsprechend dramaturgisch zu verschiedenen Klangteppichen verformen. Niemals in den Vordergrund tretend, hat sie mehr eine unterstützende, aber absolut notwendige Funktion, um die Aufführung zu vermitteln.
Die 35 Minuten gehen im Flug vorbei, dürfen für die Zielgruppe aber auch naturgemäß nicht länger sein. Während die Erwachsenen durchweg ihre Freude haben, wird es für die jüngsten mitunter etwas zu langwierig, aber nie beängstigend. Gleichzeitig haben viele Kinder ihre helle Freude an den Lichtern und halten sich auch nicht zurück, ihre Assoziationen direkt kundzutun. Es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft mehr Produktionen Kindern im Allgemeinen etwas mehr Abstraktionsvermögen zutrauen und so spielerisch ein Verständnis für zeitgenössische Aufführungsarten vermitteln. Nero ist definitiv ein Beispiel, wie das gelingen kann.
Sebastian Heuckmann