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Das finale Wochenende von Tanz im August beginnt mit einer Enttäuschung. Wegen einer Verletzung der Protagonistin Claudia Marsicano kann die Vorstellung R.OSA_10 Exercises nicht stattfinden. Doch spontan springt die Choreografin Silvia Gribaudi selbst ein und beschert dem Auditorium völlig überraschend eine inspirierende Performance, nach der man fröhlich beschwingt das HAU 3 verlässt. Die Italienerin gibt ihr Solo A corpo libero und Auszüge aus dem Duo What are you acting? zum Besten. Mit viel Humor stellt die ehemalige Balletttänzerin ihren Körper in den Mittelpunkt, der nicht mehr die Figur einer Elfe hat. Lässig demonstriert sie die Gelenkigkeit und Beweglichkeit ihrer Glieder und fragt selbstironisch und mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein ins Publikum, was denn das Alter sei, das wirkliche oder das gefühlte. Am Ende inszeniert sie sich, dabei ganz Komödiantin, als Popstar und Operndiva. Der Abend vermittelt auf wunderbar entspannte Weise ein positives Körpergefühl und ist gleichzeitig eine Aufforderung, sich selbst anzunehmen.
In den Sophiensälen versucht der Choreograf Michiel Vandevelde, die Performance-Legende Paradise Now auf die heutige Zeit zu übertragen. Er hat die subversive Aktion des New Yorker Living Theatre, die vor 50 Jahren inmitten der 68-er Protestbewegung für Furore sorgte, wiederbelebt und mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen der belgischen Kultureinrichtung Fabuleus erarbeitet. In Standbildern stellen sie Gräuel der vergangenen Jahrzehnte nach, bilden Leidensposen zu Abu Ghraib oder Srebenica. Ihre Handlungen werden zu ohrenbetäubenden Klängen immer aggressiver und steigern sich fast bis zum Gewaltausbruch. Dann kippt die Stimmung ins Positive um, die sexuelle Befreiung wird gefeiert, Erinnerungen an Woodstock werden geweckt und am Ende kommt es zum Happening zwischen Performern und Besucher auf der Spielfläche. Anarchismus und provozierende Gruppendynamik: Was damals einen Skandal auslöste, verstört heute kaum noch. Kritik ist höchstens angebracht, weil die Ausführenden teilweise noch Jugendliche sind. Die allerdings verraten im Programmheft, dass ihnen radikale Proteste bisher weitgehend fern sind. Wie sie sich dennoch schonungslos und mit greifbarer Intensität auf das Stück einlassen, das verdient unbedingten Respekt.

In der Volksbühne tritt das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch auf, dort also, wo in der vergangenen Saison die Querelen um den mittlerweile mehr oder minder freiwillig zurückgetretenen Intendanten Chris Dercon hinter den Kulissen größere Spannung erzeugten als davor. Ähnliches erleben derzeit auch die Wuppertaler, die mit der forcierten Kündigung ihrer Künstlerischen Leiterin Adolphe Binder nach nur einem Jahr zu kämpfen haben. Was angesichts der Neufindung des Ensembles umso schwerer wiegt. Hier ist das Ende noch offen, denn Binder hat gegen die Entscheidung geklagt. Von dieser Affäre im Hintergrund ist nichts zu spüren beim Berliner Gastspiel, das das Ensemble höchst konzentriert und hingebungsvoll absolviert. Gezeigt wird die knapp vierstündige, im Juni uraufgeführte Kreation des norwegischen Regisseurs und Choreografen Alan Lucien Øyen. Es ist die erst zweite Produktion, die nicht von Pina Bausch stammt, und sie hat – ähnlich wie deren zunächst oft titellose Werke – keinen Namen, sondern heißt schlicht Neues Stück II. Øyen fügt viele kleine Szenen, die alle vom Abschied, Warten und Sterben handeln, zu einem melancholischen Bilderbogen zusammen. Manche spielen sich simultan ab: Ein Ehekrach im Hintergrund findet vorne in einem expressiven Duo seine tänzerische Entsprechung. Dabei wird Tanz, meist solistisch oder zu zweit, nur als ein Ausdrucksmittel von Øyen benutzt. Es wird auch viel gesprochen und dazu ständig geraucht – eine von mehreren Reminiszenzen an Pina Bausch. Gleichzeitig beschwört Øyen die Welt des Kinos der 40-er und 50-er Jahre, die sich in der Kleidung des Ensembles widerspiegelt und von passender Barmusik untermalt wird. Das Bühnenbild besteht aus beweglichen Wänden, die zu immer neuen Räumen zusammengesetzt werden. Es sind exquisit ausgeleuchtete Kulissen, die entrückte Stimmungen erzeugen. Nichts ist so, wie es scheint: Wenn sich etwa Julie Shanahan mit einem Revolver erschießt, ist das nicht real, sondern es handelt sich um einen Filmdreh. Neues Stück II ist ein traumverlorenes Tanztheater, das nur um einiges zu lang geraten ist.
Das dreieinhalbwöchige Jubiläumsprogramm von Tanz im August zeigte an elf Spielstätten insgesamt 30 Produktionen, darunter 4 Uraufführungen und 16 Deutschlandpremieren, und war bei rund 95% Auslastung ein Erfolg in jeglicher Hinsicht. Geschickt balancierte die künstlerische Leiterin Virve Sutinen zwischen Großproduktionen und kleinen, aber feinen Performances und konnte damit ein aufgeschlossenes Publikum gewinnen. Zwei Outdoor-Veranstaltungen bei freiem Eintritt lockten auch Menschen an, die normalerweise nicht beim zeitgenössischen Tanz zu finden sind. So wie beim Finale La Partida auf dem Lilli-Henoch-Sportplatz, wo die katalanische Choreografin Vero Cendoya Tänzerinnen und Fußballer, angefeuert von einer kleinen Blaskapelle und einem Chor, einen vergnüglichen Wettkampf bestreiten ließ. Nach dem Abpfiff heißt es nun: Auf Wiedersehen im nächsten Jahr.
Karin Coper