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KONZERT FÜR VIOLINE UND ORCHESTER D‑DUR
SINFONIE NR. 9 E‑MOLL
(Ludwig van Beethoven, Antonín Dvořák)
Besuch am
4. September 2018
(Einmaliges Gastspiel)
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Elbphilharmonie Hamburg
Antonín Dvořák komponiert seine neunte Sinfonie 1893 in New York, ein Jahr nach Übernahme des Direktorats des National Conservatory of Music of America. Das Werk, unter dem irreführenden Titel Aus der neuen Welt eines der meistgespielten der sinfonischen Gattung überhaupt, ist eine melodieselige Hommage an die Klangwelt seiner böhmischen Heimat, angeregt von der Folklore, von Spirituals und Indianerweisen des amerikanischen Kontinents. Was der Kritiker der New York Times nach der Uraufführung in der Carnegie Hall in liebenswerter Weise als eine „Studie nationaler Musik“ missversteht, ist für den Komponisten allenfalls eine stilisierende Verschmelzung von unterschiedlichen Quellen der alten und der neuen Welt, nicht aber eine Adaption der Klänge Amerikas. „Ich habe nur im Geiste dieser Nationalmelodien komponiert“, schreibt Dvořák in seinen Aufzeichnungen zu seinem populärsten Werk. „Nur“? Unter dem Strich auch ein Understatement. Der allem Neuen aufgeschlossene Newcomer ist längst von der dynamischen Entwicklung der Neuen Welt hin zu einer Führungsmacht mehr als angetan.
| Dirigent | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Orchester | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Solistin | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Programm | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Vom an- und aufregenden „Geist dieser Nationalmelodien“ in der tschechischen Verfremdung und Überhöhung ist in der Aufführung des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO) unter Robin Ticciati in der Elbphilharmonie Hamburg unendlich viel zu spüren. Ticciati, nun am Beginn seiner zweiten Spielzeit als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des DSO, legt die Interpretation der vier Sätze je nach Thema elegisch oder wild, ekstatisch, bisweilen heroisch an. Nie statisch oder rein reproduzierend. Die Themen der alten Welt, an Beethoven, Brahms, vor allem Schubert erinnernd, ringen mit denen der neuen, der amerikanischen Welt. Grandios gelingen den Musikern im Scherzo des dritten Satzes die böhmisch und europäisch akzentuierten Sequenzen, die in der Leichtigkeit einer Polka aus Dvořáks Heimat gipfeln. Ebenso souverän meistern sie im vierten Satz das pathetische Thema der Neuen Welt mit dem schmetternden Klang der zwei Trompeten und vier Hörner, das die Assoziation eines Tanzes von Indianern weckt. Effektvoll bringen sie die Synkopen zur Geltung, die die Introduktion und das Hauptthema charakterisieren und einmal mehr für beide musikalische Welten stehen. Raffinierte rhythmische Akzentverschiebungen, zugleich Klammern der Musik des frühen Barock und des Jazz der Gegenwart.

Weidlich und wie kuratiert schöpft das DSO nach leicht zögerlichem Einstand mit großer Konzentration und Spielfreude das immense Potenzial der Partitur aus, wobei die Blech- und Holzbläser eigentlich nur glänzen können. Das tun sie dann auch, allen voran je zwei Flöten, Klarinetten und Oboen, darunter das einfühlsam intonierende Englisch Horn, das die Melodie der Totenklage eines Häuptlings um seine Squaw im zweiten Satz zum ergreifenden Erlebnis macht. Im frenetischen Schlussapplaus des Publikums räumt Ticciati ihnen zu Recht das Privileg einer speziellen Würdigung ein.
Von der Souveränität und Empathie Ticciatis inspiriert ist auch die Interpretation des einzigen Violinkonzerts Ludwig van Beethovens mit der aus Norwegen stammenden Vilde Frang als Solistin, das den Konzertabend eröffnet. Ticciati scheint den pastoralen, anmutigen, lyrischen, letztlich romantischen Passagen des Werks, das der Komponist, selbst Pianist, 1806 in Wien für den Konzertmeister Franz Clement schreibt, die erste Priorität zuzuschreiben. In der Suche nach der Intimität des Stücks, die der Dirigent durch den Verzicht auf den Taktstock unterstreicht, ist ihm Frang eine willkommene Partnerin. Die Geigerin beherrscht ihr Instrument nicht nur mit technischer Perfektion. Ihr ist auch die Fähigkeit gegeben, die Violine in einen singenden, quasi vokalisen Dialog mit dem Orchester zu bringen und diese wechselnde Balance schwärmerisch auszukosten, etwa in der Romanze des Larghetto, des zweiten Satzes.
Der große Saal der Elbphilharmonie erscheint für dieses Geigenverständnis wie geschaffen. Mühelos und gleichsam stufenlos vernehmbar schraubt sich der Ton der Violine in die Höhe, als gäbe es selbst im maximalen Piano keine akustischen Grenzen. Was jedoch irritiert, zumindest in Phasen, ist eine punktuell aufscheinende eigenwillige Körpersprache der Virtuosin. Sie bewegt den Kopf nach links und rechts, bisweilen auch nach hinten, als wolle sie die Musiker bei ihrem Handwerk mustern oder sich – eine andere Theorie – der letzten Akkorde vergewissern, ehe diese sich für immer aus der Elbphilharmonie und damit unserer Welt verabschieden.
Das Publikum quittiert die musikalische Performance und das Engagement aller Beteiligten mit anhaltendem Applaus und eingeworfenen bravi-Rufen. Die übliche Zugabe des Solo-Künstlers vor der Pause wie des Orchesters am Ende ist auf dem Podium kein Thema. Sie wird offenkundig auch von der Mehrheit im Saal nicht vermisst. Qualität, so sie zum Glücksfall wird, braucht ja auch keine Ausdehnung, um sich zu bestätigen. Vielleicht wollen auch viele möglichst rasch auf der Plaza ihre Entdeckertour durch und um die Elbphilharmonie fortsetzen. Apropos: Das DSO wird das Programm zusammen mit der Solistin auch in anderen Konzertmetropolen aufführen, so am 9. September in Antwerpen und am 21. November in Köln.
Ralf Siepmann