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Foto © Magali Dougados

Über Tische und Bänke

CARMEN
(Georges Bizet)

Besuch am
10. September 2018
(Premiere)

 

Grand Théâtre de Genève, L’Opéra des Nations

Allmählich breitet sich so etwas wie Wehmut aus. Die letzte Spielzeit in der Opéra des Nations bricht in Genf an. Die Ausweich­spiel­stätte des Grand Théâtre de Genève hat längst ihre eigenen Fans gewonnen. Aber die Sanierung im Haus an der Place de Neuve neigt sich nach einer überra­schenden Verlän­gerung dem Ende zu. Unter Hochdruck musste das Team des Inten­danten Tobias Richter eine weitere Spielzeit für das Holzhaus an der Place des Nations einrichten. Es wird die letzte sein, und die beginnt mit einem Klassiker. Georges Bizets Carmen sorgt nahezu immer für ein volles Haus. So auch in der Opéra des Nations.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Reinhild Hoffmann ist angetreten, eine Neuin­sze­nierung zu wagen. Ihr Bühnenbild ist schlicht, aber effizient. Ein erster Höhepunkt erschließt sich bereits beim Betreten der Publi­kums­tribüne. Der geschlossene Vorhang prunkt nicht etwa im faltigen, plüschigen Samtrot, sondern ist schwarz, glänzt seidig und bildet auf der linken Seite einen Fächer. Später wird sich zeigen, dass sich diese Augen­weide auch für Projek­tionen eignet. Beim Eintritt werden den Damen rote Plastik­fächer überreicht. Nicht mehr als eine nette Geste angesichts hochsom­mer­licher Tempe­ra­turen, die auch vor dem Saal nicht haltmachen. Hinter dem Vorhang findet sich dazu kein Bezug mehr. In einer schwarzen Guckkas­ten­bühne mit dunklem Boden­belag, der mit Glitter durch­setzt ist, werden rund 20 Tische und einige Bänke hin- und herge­schoben, um die einzelnen Spielorte zu verdeut­lichen. Das ist gut gemacht, weil für jeden leicht erkennbar, grund­solide, aber aufregend ist anders. Das gilt auch für die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer. Die Figuren sind einfach zuordenbar, die Folklore ist auf das Notwen­digste reduziert. Die Erotik der Carmen beschränkt auf das An- und Ausziehen roter Schuhe. Sauberes Handwerk, bei dem der große Zauber auch nicht in den ëtiefen Dekol­letés von Mercédes oder Frasquita zu finden ist. Alexander Koppelmann taucht die Szenen behutsam und wohlüberlegt in langsame Licht­wechsel, die zunehmend an Dramatik gewinnen, sprich, zunehmend dunkler werden. In solchem Umfeld kann Hoffmann ausnehmend sänger­freundlich arbeiten.

Foto © Magali Dougados

Ekaterina Sergeeva bekommt die Standard-Carmen-Perücke mit langem, schwarzem Haar überge­stülpt, hat eine eigene Choreo­grafie, die man auch im besten Fall kaum als lasziv bezeichnen kann, und lässt ihren volumi­nösen Sopran vor allem in den hohen Lagen erstrahlen. Aber sie ist von Anfang an dabei. Anders Sébastien Guèze. Der Tenor muss in den ersten beiden Akten ordentlich gegen die Aufregung kämpfen, einen überzeu­genden Don José darzu­stellen. Dass es besser geht, zeigt er vor allem im vierten Akt. Da erklingt die Stimme frei und unbeschwert. Trotzdem bleibt er weit hinter einem wie immer eindrucks­vollen Ildebrando D’Arcangelo als Escamillo zurück. Der Bass verleiht dem Stier­kämpfer darstel­le­risch und vor allem stimmlich jene Helden­figur, als die sie angelegt ist. Einmal mehr großes Kompliment. Als Micaëla bekommt Mary Feminear ein besonders biederes, farbloses Kostüm. Das passt zur Rolle, lässt sie aber auch wirklich blass erscheinen. Stimmlich läuft’s, wenn auch mit viel Tremolo. Überzeu­gender sind Héloïse Mas als Mercédès – sie wird in späteren Vorstel­lungen auch die Rolle der Carmen übernehmen – und Melody Louledjian als Frasquita, die beide Carmen stimmlich überzeugend unter­stützen. Die übrigen Rollen sind adäquat besetzt und werden mit viel Spiel­freude darge­boten. Hoffmann hat dem Stück ein stummes Paar hinzu­gefügt. Brigitte Cuvelier als Tänzerin und ständige Beglei­terin von Jean Chaize, der als Tod hier Symbol­haftes darstellt. Alan Woodbrigde hat den Chor in gewohnt begeis­ternder Weise einge­stellt, und wenn die Choristen an den Bühnenrand treten, um dem Publikum ihr „Liberté!“ entge­gen­zu­rufen, ist das sicher eine der stärksten Stellen des Abends.

Für durch­gängige Begeis­terung sorgen die Musiker des Orchestre de la Suisse Romande in der fabel­haften Akustik des Hauses. Sie haben es leicht, denn vor ihnen steht John Fiore, der die Bizet-Musik mit selten gehörter Brillanz präsen­tiert. Da erklingen auch in Tutti-Passagen noch die leisen Instru­mente. Fiore leistet Schwerst­arbeit, lässt weder Musiker noch Sänger aus ihrer Verant­wortung und sorgt damit nicht nur für die richtige Schlager-Stimmung, sondern auch für die nötige Dramatik. Ein Glücksfall, das erleben zu dürfen.

Das Publikum, das nach der Pause nicht mehr vollständig erschienen ist, bedankt sich mit langan­hal­tendem Applaus. Und trifft damit den Kern der Stimmung zu Beginn der Spielzeit. Für die hochge­steckten Erwar­tungen, die einer „neuen“ Carmen voran­gehen, bietet die solide Insze­nierung zu wenig Glamour, um als großer Wurf zu gelten. Aber sie unter­stützt Gesang und Musik. Und so bleibt die Empfehlung, sich eine der Folge­auf­füh­rungen anzuhören, vor allem für die, die noch keine Gelegenheit hatten, sich von der hervor­ra­genden Akustik des Hauses zu überzeugen. Der Countdown läuft. Allzu viele Möglich­keiten gibt es nicht mehr.

Michael S. Zerban

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