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Harlekine wissen mehr

COSÌ FAN TUTTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
8. September 2018
(Premiere)

 

Staatsoper Hamburg

Zur Spiel­zeit­er­öffnung präsen­tiert die Hamburger Oper eine Neuin­sze­nierung von Mozarts Così fan tutte des vielbe­schäf­tigten, vor allem im Schau­spiel aktiven Regis­seurs Herbert Fritsch, der viele Jahre zwischen 1990 und 2007 selbst Schau­spieler an Frank Castorfs Berliner Volks­bühne war. Die wunder­samen, stark körperlich geprägten Bühnen­rea­li­sie­rungen des Künstlers faszi­nieren nunmehr seit einigen Jahren eine wachsende Fange­meinde beim Schau­spiel. Seine Produk­tionen sind schon fast regel­mäßig zum Theater­treffen einge­laden oder ander­weitig ausgezeichnet.

Musik­theater-Erfah­rungen hat Fritsch mit Peter Eötvös‘ Tri Sestri am Opernhaus Zürich, Die Banditen am Theater Bremen und Don Giovanni bei der Komischen Oper Berlin gesammelt.

Nun also Così fan tutte, diese hinter­gründige Verfüh­rungs­ge­schichte, in der zwei junge Offiziere aus einer Laune heraus eine Wette mit dem erfah­renen und abgeklärten Don Alfonso eingehen, in der sie sich verpflichten, versuchs­weise ihre beiden angebe­teten jungen Geliebten überkreuz zu verführen. Sie glauben an deren Stand­haf­tigkeit und Treue und müssen das Gegenteil erfahren. Aller­dings in einem Szenario, in dem sie sich als wunsch­gemäß erfolg­reiche Verführer selbst ihrer eigenen, schwan­kenden Gefühlswelt nicht mehr sicher bleiben. Wer liebt am Ende wen? Dauerhaft, oder wie überhaupt? Ende offen, Zukunft ungewiss …

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Fritsch liebt es, mit den Mitteln der Commedia dell’arte, ihren Harle­ki­naden sowie äußerst expres­siven Gesten und Ausdrucks­weisen zu arbeiten. Dem Charakter dieser Kunstform entspre­chend arbeitet er mit ebenso bunten Bühnen­räumen und krassen Kostüm­krea­tionen. Während Fritsch das Bühnenbild selbst gestaltet, stammen die Kostüm­welten von Victoria Behr, die sich in nachgerade überbor­dender Fantasie nicht scheut, auch Yeti-Elemente bei den Männer­ver­klei­dungen zu verwenden und die Frauen mit einem Kopfputz wie eine übergroße Schleife auszu­statten, der sich vielleicht auch in eine Nonnen­haube verwandeln mag. Wer weiß, wohin sich die zukünf­tigen bürger­lichen und purita­ni­schen Sitten noch entwi­ckeln werden. Die Harlekine Don Alfonso und Despina treten in den überspitzten Attri­buten ihrer Funktionen auf. Bei Don Alfonso in einer aggressiv-roten, abstra­hierten Uniform eines öffent­lichen Ordnungs­trägers mit Schirm­mütze und Despina im roten, überbor­denden Tüllge­spinst und mit Glitzer­steinen bestickter Haube, einer Fantasie-Erscheinung, die sich aus der Überspitzung von Frauen- oder Männer­fan­tasien über das scheinbar ewig-kindliche Mädchen entwi­ckelt haben mag.

Bei der Umsetzung der Licht- und Farbef­fekte wird Fritsch kongenial von den Licht­krea­tionen von Carsten Sander begleitet.  Die wirkungs­vollen Farbpro­jek­tionen wechseln je nach Stimmungen der Handlung, der Musik und des Personals oft und in manchmal unerwartet rascher Folge. Die Farbtöne bleiben immer satt und intensiv, nur ganz gegen Ende kommen auch schwarze Elemente ins Spiel.

Im Mittel­punkt des Bühnen­orbits steht ein sich gelegentlich verselb­stän­di­gendes, das heißt von allein spielendes Cembalo, das dann scheinbar direkt von der Mitte der Bühne aus die Handlung kommen­tiert, oder sogar lenkt? Teilweise spielt es Continuo-Teile der Partitur, teilweise erklingen spiel­do­senhaft Mozart­zitate, wie beispiels­weise Eine kleine Nacht­musik. Manchmal rennt es in Tempo und Anschlag wie ein eigener Harlekin durch die Musik.

Dieses unkon­trol­lierte Instrument wird umkreist von den Harle­kinen der Commedia, Don Alfonso und Despina. Despina erhält in Auftritt, Präsenz und Expres­si­vität eine ebenso aktive Rolle wie der alte Zyniker Don Alfonso.

Fritsch nutzt die bewährten Mittel der Commedia dell’arte, durch die Epochen der Geistes­ge­schichte zu schauen. Weder gab es nach der Rokokozeit oder davor, und erst recht nicht heute, einen Kanon von Normen, der sich nicht auch ändern könnte. Der Harlekin als Urtyp des Theaters fordert den Zuschauer heraus, enthüllt und hinter­fragt die Einsamkeit des liebenden und enttäuschten Indivi­duums. Je unbedingter der Glaube, umso tiefer der poten­zielle Absturz. Aber ebenso gilt, je weniger Vertrauen in einen Menschen, desto geringer die Chance, Liebe zu erfahren. Das Dilemma bleibt bestehen. Die Harlekine wissen das und lassen uns nicht entkommen. Sie sind klug genug zu sehen, dass wir immer weiter die Liebe suchen werden und sie wie Luft und Wasser zum Leben brauchen.

Foto © Hans Jörg Michel

Eine neuzeit­liche, im besten Sinne witzige, unter­haltsame und kurzweilige, nicht wertende, schon gar nicht beleh­rende, nachgerade anti-intel­lek­tuelle Inter­pre­tation. Eine Deutung der Inhalte und die eigene Position dazu muss der Betrachter selbst finden. Kunst kann nicht delegiert werden.

Fritsch wird trotz aller körper­lichen Akrobatik den Sängern gerecht, indem er Ihnen immer ermög­licht, in ihren großen Arien und Ensembles, den Kulmi­na­ti­ons­punkten der inneren Konflikte, eine ruhige, fokus­sierte Körper­haltung einzu­nehmen, die die Bewäl­tigung der außer­or­dent­lichen gesang­lichen Erfor­der­nisse zulässt.

Und die werden grandios gemeistert. Maria Bengtsson spannt in ihren beiden großen Arien wunder­volle Bögen und findet für die Propor­tionen und Dynamiken der Gesangs­linien atembe­rau­bende Reali­sie­rungen. Das Haus hält mehrfach den Atem an angesichts der Schönheit ihres stimm­lichen Ausdrucks. Dem folgt unmit­telbar Doviet Nurgel­diyev als Ferrando, dessen Kantilene und filigran abgestufte Tongebung sowie ruhige und konzen­trierte Stimm­führung für ebenso gebannte Stille im Hause sorgt.

Der in seiner Verzweiflung über die Untreue der Frauen und gleich­zeitig bei seinen ariosen Verfüh­rungs­werken überzeu­gende Kartal Karagedik bringt stimmlich und darstel­le­risch als Guglielmo die Mischung der männlich-eitlen Verfüh­rungs­geste und seiner in der Umkehr bittere Verletztheit über die Folgen verzweif­lungs­würdig zum Ausdruck. Die erst drei Tage vor der Premiere angesichts des anspruchs­vollen Konzeptes mehr als coura­gierte Einsprin­gerin Ida Aldrian bewältigt die Partie der Dorabella gleichwohl glänzend. Pietro Spagnoli ist körperlich und stimmlich ein enorm agiler Don Alfonso, der es in seiner komödi­an­ti­schen Routi­niertheit im besten Sinne an nichts fehlen lässt. Sylvia Schwartz gibt in den immer weiter gedrehten Harle­ki­naden bei exzel­lenter Stimm­be­herr­schung eine brillante Despina, die wahrlich kein ahnungs­loses Mädchen ist. Der Chor unter der Leitung von Eberhard Friedrich wird den Anfor­de­rungen aufs Beste gerecht.

Unter der musika­li­schen Leitung von Sebastian Rouland findet das Philhar­mo­nische Staats­or­chester Hamburg zu einem außer­ge­wöhnlich feinen und ausge­gli­chenen Mozart-Stil. Das Orchester sitzt in einem leicht erhöhten Graben.  Das Orches­ter­spiel wirkt wie eine Konso­li­dierung der Mozart­in­ter­pre­ta­tionen der letzten Jahrzehnte in Hamburg. Atmung, Rhythmus, und Balance, insbe­sondere auch der exzel­lenten Hörner und Holzbläser, erstrahlen in wunder­barer Durch­sich­tigkeit und Trans­parenz.  Das Dirigat atmet mit den Sängern, die sich sichtlich wohl fühlen. Dabei wird weder eine quasi barock-basierte Spiel­weise noch ein schnell-tempe­rierter Hochdruckstil verfolgt. Indivi­duelle Tempo­an­pas­sungen werden mitunter sehr flexibel und geschmacks­sicher vollzogen.

Das Publikum nimmt den bunten Reigen zunächst etwas konster­niert auf, reali­siert aber von Anfang das hohe musika­lische Niveau der Aufführung und wird im zweiten Akt von der Inten­sität des Spiels mitge­rissen. Langan­hal­tender Applaus, Bravorufe für alle Betei­ligten. Auch das Regieteam wird ausnahmslos gefeiert.

Achim Dombrowski

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