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Für den Saisonbeginn hat sich das Theater Münster einen schweren Stoff ausgesucht. Puccinis Madama Butterfly ist eine Oper, die den Zuschauern mit dem letzten Ton betroffen zurücklässt. Sicher, da kann sowohl musikalisch als auch szenisch zuvor noch eine Menge schiefgehen.
In Münster haben Regisseur Hans Walter Richter und Dramaturg Ronny Schulz insofern alles richtig gemacht, weil sie falschen japanischen Kitsch ausblenden und sich auf die Tragödie der Cio-Cio-San konzentrieren. Eine junge Frau, die als kleines Mädchen den Selbstmord ihres Vaters beobachten musste, zerbricht nach und nach an diesem Trauma. Richter hat für seine ausgefeilte Personenführung genau hingehört und hingeschaut. Ein 15-jähriges Mädchen kann die Sängerin Kristi Anna Isene bei allem Einsatz nicht mehr verkörpern, wohl aber die Naivität einer Jugendlichen. Nachdem der Offizier Pinkerton, dem sie zwangsverheiratet wurde, nicht mehr zurück nach Japan kommt, bleibt ihr nur noch der Wunschgedanke, dass dieser zweite bedeutende Mann in ihrem Leben wieder heimkehrt. Doch dessen Rückkehr – mit einer neuen Frau an seiner Seite – ist für sie der endgültige Zusammenbruch, als sie ihren gemeinsamen Sohn ihrem Mann mitgeben muss.
Auf der einen Seite erzählt Richter die Geschichte sehr gradlinig und mit Blick auf die Gesellschaft, in der Cio-Cio-San lebt. Korrupt und verdorben sind die Menschen um sie herum, angeführt vom schmierigen Heiratsvermittler Goro. Man kassiert gerne den amerikanischen Dollarsegen, den der angewiderte Pinkerton mitbringt. Gleichzeitig wendet man sich empört ab, wenn der buddhistische Onkel es verlangt. Das alles passiert in einem sehr hektisch erzählten ersten Akt, in dem nicht ein Hauch von Wärme über die Bühne von Bernhardt Niechotz huscht. Der hat eine Art Seelenraum entworfen, angelehnt an einen japanischen Pavillon. Der schmucklose Container, der sich als zukünftiges Heim der Butterfly herabsenkt, macht das Elend erst recht perfekt.
Auf der anderen Seite bringt Richter auch eine psychologische Ebene in die Handlung ein, indem er den Sohn der Butterfly gegenwärtig und zukünftig auftreten lässt. Respekt für Vico Große-Onnebrink, der den dreijährigen Sohn spielt und den psychotischen Schwankungen seiner Mutter ausgesetzt ist. Jörg Dufhues kehrt als erwachsener Rucksacktourist an den Ort des Geschehens zurück und versucht, sein Trauma aufzuarbeiten. Bis auf wenige Ausnahmen fügen sich die Erzählstränge sehr sauber und vor allem auch sehr nüchtern und nicht zu psychologisch und theatralisch überfrachtet zusammen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Golo Berg, Generalmusikdirektor am Theater Münster in seiner zweiten Saison, setzt da mit dem Sinfonieorchester deutlich mehr Pathos ein, ohne je eine Schmerzgrenze zu überschreiten. Außerdem hat er auch ein Händchen für die schönen, leisen Momente des zweiten und dritten Aktes. Hier scheinen die Instrumentalisten auch die Partitur erobert zu haben. Im ersten Akt klingt vieles spröde und ungenau. Die Balance mit der Bühne will nicht so recht passen. Vor allem nicht bei Garrie Davislim, der womöglich zu wenig Substanz für den Pinkerton mitbringt. Auch wünscht man sich etwas mehr tenoralen Schmelz. So richtig springt bei ihm der Funke nicht über. Dagegen weiß Pascal Herington aus seiner unsympathischen Rolle des Goro richtig viel herauszuholen, auch wenn nicht alles schön klingt. Die vielen Nebenrollen sind aus den Reihen des Opernchors besetzt. Der unter der Leitung von Inna Batyuk stehende Opernchor ist wie immer sehr engagiert, wirkte aber in der Vergangenheit schon souveräner. Seinen besten Moment, den so schwerelos angesetzten Summchor, kann er nicht bis zum Ende durchziehen.

Filippo Bettoschi trägt die Mahnungen und die Entrüstung des Konsul Sharpless mit viel Nachdruck vor. Als Dienerin Suzuki gibt es ein Wiedersehen und ‑hören mit Judith Gennrich, die bis 2012 geschätztes Ensemblemitglied war und auch bei ihrer Rückkehr als Gast wieder vorbehaltlos überzeugt. Wenngleich die dramatische Höhe nicht das Aushängeschild von Kristi Anna Isenes Sopran ist, wird sie der großen Verantwortung in der Rolle der Madama Butterfly mehr als nur gerecht. Ihre Stimme liegt über dem Orchester und weiß jede Phrase inhaltlich auszudrücken und dazu auch noch sehr intensiv und vielschichtig zu spielen. Das ist eine Meisterleistung, die am Ende von einem premierenwürdigen Publikum gefeiert wird. Konzentriert und ruhig wird zugehört, am Ende wird lange und differenziert geklatscht, die standing ovations gehören ja mittlerweile in Münster dazu. Das größte Kompliment machen die Zuschauer den Akteuren mit den wenigen Sekunden Stille nach dem letzten dramatischen Ton. Zuerst muss der Kloß runtergeschluckt werden, dann wird applaudiert. Die Oper hat Wirkung hinterlassen – das zählt!
Christoph Broermann