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Foto © Bernd

Porzellanpuppen und Knastbrüder

DIE ZAUBERFLÖTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
18. September 2018
(Premiere)

 

La Monnaie de Munt, Brüssel

Mozart macht es den Regis­seuren mit seiner Zauber­flöte nicht leicht. Mit seinem aufklä­re­risch morali­sie­renden Zeige­finger hebt sich das freimau­re­risch geprägte Werk schroff von Mozarts anderen, vor allem psycho­lo­gisch filigran gestrickten Opern ab. Es ist kein Wunder, dass gerade die Zauber­flöte den krudesten Um- und Neudeu­tungen ausge­setzt ist, wenn man ihr den moralin­sauren Stall­geruch nehmen will. Überzeugen können solche Versuche nur selten. Und auch Romeo Castel­lucci, der noch in Salzburg mit einer tiefen­psy­cho­lo­gisch getränkten Salome Triumphe feierte, scheitert derzeit am hoch gelobten und an sich quali­tativ stabilen Brüsseler Monnaie auf ganzer Linie.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Castel­lucci misstraut dem Libretto und der drama­tur­gi­schen Anlage des Stücks so sehr, dass er es regel­recht zerschreddert und mit klugen Ideen überfrachtet, die mit dem Werk nichts zu tun haben. Schika­neders Dialoge streicht Castel­lucci völlig, die ethisch-humanitäre Botschaft wird an den Rand gedrängt. Das „Licht“ erklärt er zum Angel­punkt seiner Deutung. Im ersten Akt spiegelt das Licht das Bühnen­ge­schehen, so dass alle Figuren symme­trisch gedoppelt erscheinen. Gekleidet in weiße Rokoko-Kostüme, liefern die Sänger ohne verbin­dende Dialoge an der Rampe wie leblose Porzel­lan­puppen ihr Arien-Konzert ab, während im Hinter­grund ein Ballett ohne erkenn­baren Bezug zur Handlung für ein wenig Bewegung auf der Bühne sorgt. Das war’s.

Foto © Bernd Uhlig

Nach der Pause wird die Musik vollends zum Störfaktor erklärt. Die putzige Porzel­lan­vi­trine ist einem schmuck­losen Pappkarton gewichen, der sich als Gefäng­nis­zelle entpuppt. In entspre­chend trister Kluft dürfen die Sänger ihre Nummern absondern, wenn sie denn gelassen werden. Denn das Zepter nehmen zwei Sprecher­gruppen in die Hand, die ausführ­liche Kranken­be­richte als Blinde oder als Brand­opfer von sich geben und damit den letzten drama­tur­gi­schen Zusam­menhalt des Akts über Bord werfen. Kluge Absichten sind im Programmheft zu lesen, die Stoff für ein eigenes Stück liefern können, in der Zauber­flöte aber nichts zu suchen haben.

Die musika­li­schen Quali­täten können sich auch nur schwer entfalten, wenn man sich auf die rätsel­haften Gedan­ken­gänge des Regis­seurs einlässt. Antonello Manacorda am Pult des Monnaie-Orchesters verzichtet zum Glück auf die derzeit aktuelle Marotte, Mozart mit hängender Zunge durch­zu­hetzen und schlägt sänger­freund­liche Tempi an. Intendant Peter de Caluwe ist mit Recht stolz darauf, die Haupt­rollen gleich doppelt mit ausschließlich Ensemble-Sängern besetzen zu können. Und die Sängercrew bestätigt das hohe Niveau des Hauses, angefangen von der überragend kolora­tur­ge­wandten Sabine Devieilhe als Königin der Nacht bis zur Pamina von Sophie Karthäuser und dem noblen Tamino von Ed Lyon. Auch Elmar Gilbertsson als Monostatos, Elena Galit­skaya als Papagena und das Damen-Terzett, das in Brüssel als Quartett auftritt, können überzeugen. Die clownesken Einlagen Papagenos, die in der Insze­nierung überhaupt keinen Sinn ergeben, führen bei Georg Nigl leider auch zu einem sehr freizü­gigen Umgang mit dem Notentext. Die Rolle des Priesters ist mit Dietrich Henschel geradezu luxuriös besetzt, und Gabor Bretz singt die Sarastro-Arien recht kernig, aber mit wenig stimm­lichem Balsam.

Buh-Rufe sind in Brüssel nicht angesagt. Ein Teil des Publikums versagt Castel­lucci freilich den Beifall, wovon die musika­li­schen Akteure nicht betroffen sind. Insgesamt ein weiterer untaug­licher Versuch eines Regis­seurs, ein ohnehin proble­ma­ti­sches Werk zur Selbst­dar­stellung zu missbrauchen.

Pedro Obiera

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