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Freiheitssuche endet nicht

FIDELIO
(Ludwig van Beethoven)

Besuch am
16. September 2018
(Premiere)

 

Theater Bremen

Beethovens Fidelio ist in seiner Gebro­chenheit und Vielschich­tigkeit Kalei­doskop und Prisma für viele Aspekte der Musiktheatergeschichte.

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Leonore, die sich als Mann verkleidet in einem Staats­ge­fängnis anstellen lässt, um nach ihrem Ehemann zu suchen, der als wider­rechtlich verhaf­teter, politi­scher Gefan­gener im Gefängnis sitzt. Durch ihren mutigen, lebens­ge­fähr­lichen Einsatz kann sie schließlich den Partner retten und wird als Idol eines heroi­schen Freiheits­be­griffs verehrt. Die Musik der Oper feiert mehr die ideen­ge­schicht­lichen Ideale als dass sie eine tiefe Zeichnung der Charaktere bietet. Für viele Betrachter ist es eher eine ideale musika­lische Umsetzung der Idee einer politi­schen Utopie als eine Oper, die von indivi­du­ellen mensch­lichen Schick­salen erzählt.

Das Werk vereint diverse Stilele­mente und Entwick­lungen der Musik­ge­schichte. Dazu gehört die Spieloper, Bühnen­musik im Übergang von der Klassik zur Romantik und das Oratorium. Ungezählte Inter­pre­ta­tionen der Bühnen­ge­schichte haben aus diesen unein­heit­lichen, oft zuein­ander sperrigen Elementen versucht, eine jeweils sinnfällige, ganzheit­liche Umsetzung für die Bühne zu realisieren.

Fidelio wurde und wird außerdem immer wieder als Fest- und Feieroper zur Selbst­dar­stellung durch einen Auftrag­geber für eine zeitge­schichtlich so verstandene korrekte oder kritische Theateridee genutzt, um gewis­ser­maßen die aktuelle Idee von Mut und Freiheit unter dem jeweils obwal­tenden philo­so­phi­schen oder ideolo­gi­schen Denkrahmen auszu­stellen, zu oktroy­ieren oder zu hinterfragen.

Die Bremer Produktion des Regis­seurs Paul-Georg Dittrich zusammen mit der Bühnen­bild­nerin Lena Schmid und der Kostüm­bild­nerin Anna Rudolph versucht nicht weniger, als einem heutigen, aktuellen Freiheits­be­griff nachzu­spüren, die dispa­raten Elemente der Oper, und dann auch noch die facet­ten­reiche Auffüh­rungs­ge­schichte des Werkes in einem erzäh­le­ri­schen Bogen bühnen­wirksam zusammenzufassen.

Es grenzt an ein Wunder, dass ein solches, poten­ziell hybrides Kopftheater-Konzept, in einer glutvollen und hochenga­gierten Bühnen­um­setzung bestens gelingt.

Bestim­mender drama­tur­gi­scher Faktor ist der Einsatz der Figur der Leonore als Spiel­ma­cherin eines atembe­rau­benden Ritts durch die Auffüh­rungs­ge­schichte des Werkes. Dabei werden die einzelnen Szenen des ersten Aktes jeweils unter­schied­lichen histo­ri­schen Fidelio-Produk­tionen zugordnet.

Die Darstellung beginnt mit der Urauf­führung 1814 im Theater am Kärnt­nertor in Wien wie in einem Museum über eine Aufführung des Werktä­tigen-Theaters in Leningrad 1928, in der das Bühnenbild auf den in Eisen­steins berühmtem Filmepos Panzer­kreuzer Potemkin eine Treppe herun­ter­stür­zenden Kinder­wagen als Sinnbild für blinde Gewalt Bezug nimmt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Durch parallel einge­blendete Film- oder Dokumen­ta­ti­ons­se­quenzen wird eine Verbindung zu den histo­ri­schen politi­schen Ereig­nissen herge­stellt. So werden auch kurze Ausschnitte aus dem Eisen­stein-Film gezeigt. Parallel werden Wendungen oder einzelne Worte, oft solche, die für einen ethisch unter­legten Bedeu­tungs­inhalt taugen, entweder in Verfremdung, oder in Tonqua­li­täten einge­spielt, die aus der Origi­nalzeit der Dokumen­tation stammen. Die Wiedergabe der spezi­fi­schen Aufführung wird so medial eindrucksvoll mit dem jewei­ligen, sich wandelnden histo­ri­schen Zeitge­schehen verknüpft. Sprach- und Wortwen­dungen hallen wie durch die Jahrhun­derte der Auffüh­rungs­ge­schichte des Werkes. Die Wandlung ihrer inhalt­lichen Aufladung über die Zeit wird so deutlich.

Der Reigen geht weiter mit einer Festauf­führung zu „Führers Geburtstag“ in Aachen 1938 zu einer Produktion des Staats­theaters Kassel 1968, zu der der Freiheits­kampf der Studen­ten­un­ruhen und Benno Ohnesorgs gekoppelt wird.

Die Nachzeichnung der Insze­nierung von Chris­tiane Mielitz an der Semperoper Dresden am 7. Oktober 1989 wird durch emotionale Bilder des Mauer­falls sowie die drama­ti­schen Szenen bei Genschers Ansprache in der Prager Botschaft medial begleitet.

Bei der Bremer Insze­nierung von 1997 wird ein neuer Begriff für die Konsti­tution von Unfreiheit einge­führt. Während zuvor ausschließlich auf politische Umstände Bezug genommen wurde, tritt nunmehr mit dem Konkurs der Werft Bremer Vulkan, eines wichtigen Arbeit­gebers in Bremen, eine wirtschaft­liche Kompo­nente als bestim­mende Konsti­tution für Unfreiheit in den Vordergrund.

Im zweiten Akt sind wir in der Neuzeit angekommen. Schon am Ende des ersten Teils werden die Zuschauer im Saal durch Kameras aufge­nommen und auf den eisernen Vorhang der Bühne, gewis­ser­maßen als Teil der Handlung, proji­ziert. Von Beginn des zweiten Aktes an tauschen dann stell­ver­tretend etwa 60 Personen ihren Sitz im Saal mit einem Platz auf der Bühne. Wir erleben eine eigen­tüm­liche Kerker­szene, bei der Florestan seine Leiden reflek­tiert durchlebt, während wir oder unsere 60 Vertreter wie an einem Bankett­tisch um ihn herum­sitzen und speisen.

In bestimmter Weise scheint Florestan auch einer von uns zu sein, aber was ist die Unfreiheit in einer heute gesät­tigten Gesell­schaft? Was ist unser Gefängnis jetzt? Eindeutige Feind­bilder in unserer eigenen, neoli­be­ralen Wohlstands­ge­sell­schaft sind nicht so leicht auszu­machen. Leonore jedoch bleibt ruhelos und umkreist die Szene. Ihre rastlose Suche geht unver­mindert weiter. Dikta­toren oder politi­schen Unfrei­heiten scheinen uns nicht zu bedrohen. Wir sehen eine Gruppe von Individuen, die vereinzelt und allein erscheinen, Einzel­un­ter­nehmer gewis­ser­maßen, aber nicht lebendige Mitglieder einer Gesell­schaft. Was wird das für die Zukunft bedeuten?

Die Apotheose der Schluss­szene schließlich unver­mittelt mit Chor und Solisten auf dem Rang, die den auf der Bühne verblie­benen und im Saal sitzenden Zuschauern gewis­ser­maßen von hinten den Sieg und die Befrei­ungs­nach­richt schmettern, der wir uns gar nicht so sicher sein können. Ein offenes Ende, wie die ewige Utopie.

Die Zusam­men­führung der je nach Szene stark diver­gie­renden Perso­nen­führung, rasche Umbauten zwischen den Szenen sowie die Koppelung mit unter­schied­lichen Film- und Video­ef­fekten ist für das gesamte Ensemble, auch die Technik, eine Heraus­for­derung, die mit großem Enthu­si­asmus gemeistert wird.

Foto © Jörg Landsberg

Nadine Lehner ist ein Glücksfall in Erscheinung und Stimme für die Spiel­ma­cherin dieser Produktion. Ihre Leonore wirkt wie die überzeit­liche Verkör­perung einer kriti­schen Vernunft bei einer manchmal staunenden Erfor­schung eines relevanten Freiheits­be­griffs durch die Zeiten. Sie meistert die immensen stimm­lichen Heraus­for­de­rungen des Gesangs­parts und kann zu jeder Zeit durch anrüh­rendes Spiel überzeugen. Mit ihr werden wir die Sinne für die wache Ausein­an­der­setzung mit einem neuzeit­lichen Freiheits­be­griff immer behalten. Man wünscht sich gewis­ser­maßen eine Fortsetzung in einer Neuin­sze­nierung in weiteren 20 Jahren oder wann immer eine erneute Reflektion der Entwicklung der Menschheit dazu Anlass gibt.    Christian-Andreas Engel­hardt als Florestan trifft aus dem Stand den richtigen Ton für die schwierige Partie und ist für die Zeit der Gemein­samkeit mit Leonore ein ebenbür­tiger Partner. Claudio Otelli ist ein stimm­ge­wal­tiger und darstel­le­risch raumgrei­fender Don Pizarro. Er geht wie das Urbild des Unter­drü­ckers und Sinnbild der Unfreiheit durch die Szenen­folge und Zeiten. Seine sonst öfter auch intro­ver­tierte Haltung ist in dieser Produktion ganz einem gewalt­tä­tigen, menschen­ver­achtend-gefähr­lichen Auftritt gewichen. Christoph Heinrich als Rocco zusammen mit Marysol Schalit als Marzelline und Joel Scott als Jacquino stellen überzeugend das bürger­liche Personal der Oper, wobei sie in stimm­ty­pisch und jugend­lichem Gestus auch nach dem Verschwinden Fidelios ein sehr unter­schied­liches Paar bleiben werden. Daniel Ratchev gibt den korrekten Minister Don Fernando. Der Chor des Theaters Bremen unter der Leitung von Alice Meregaglia vermag die leisen Töne der Gefan­genen wie auch den Jubel der Schluss­szene eindrucksvoll zu gestalten.

Yoel Gamzou, dem jungen General­mu­sik­di­rektor des Hauses, gelingt erneut ein mitrei­ßendes Dirigat mit vielen neuen Hörerleb­nissen für den aufmerk­samen Zuhörer. Manche Phrase klingt im Zusam­men­blick mit der szenisch-medialen Umsetzung auf der Bühne irisierend und im besten Sinne verstörend. Andere klang­liche Verpro­bungen sind inter­essant, aber nicht in jedem Detail zwingend. In jedem Fall aber spielen die Bremer Philhar­mo­niker beseelt von einer Dring­lichkeit und mit einer Begeis­terung, die ihres­gleichen sucht.

Das Publikum weiß den kreativen und spannenden Ansatz der Insze­nierung sowie das hohe musika­lische Niveau, vor allem aber auch das hohe Engagement seines Bremer Ensembles außer­or­dentlich zu schätzen und bedankt sich mit langem Applaus und bravi-Rufen bei allen Betei­ligten der Produktion.

Achim Dombrowski

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