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Foto © Almut Elhardt

Schwarz vor schwarz

WIR WOLLEN VERSCHWINDEN
(Özlem Alkis)

Besuch am
20. September 2018
(Urauf­führung)

 

Studio 6, Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Es gibt keine Vorschriften darüber, wie ein Haus seine Spielzeit zu eröffnen hat, lässt man die Gesetz­mä­ßig­keiten erfolg­reichen Marke­tings mal außer Acht. Ein grober Überblick über die Einstiegs­termine von Theater- und Opern­häusern zeigt, dass hier gern die große Trommel geschlagen wird. Theater­feste stehen ganz oben in der Gunst der Inten­danten. Inten­dantin Bettina Masuch geht in diesem Jahr zur Eröffnung des Tanzhauses NRW einen anderen Weg. Nicht etwa auf der großen Bühne, sondern im Studio 6 mit rund 40 Sitzplätzen findet die Urauf­führung von Wir wollen verschwinden statt. In einer Kopro­duktion mit dem Tanzhaus hat das Kölner Michael-Douglas-Kollektiv das knapp dreivier­tel­stündige Stück entwi­ckelt und dazu Özlem Alkis als Choreo­grafin eingeladen.

Die Grundidee des Stücks dürfte die Älteren von uns an Schil­de­rungen erinnern, warum sich Lyserg­säu­re­di­äthylamid einst großer Beliebtheit erfreute. „Wir sollen identi­fi­zierbar, öffentlich und verfügbar sein. Aber wir wollen verschwinden. Verschwinden in die Flora und Fauna der wilden Landschaft unserer materi­ellen und immate­ri­ellen Identi­täten. In Kontakt treten mit dem, was uns formt und ausmacht, uns aber nicht zugänglich ist. Eintauchen in ein anderes Bewusstsein“, gelungen ist das in den 60-er Jahren des vergan­genen Jahrhun­derts nicht wirklich überzeugend. Vielleicht auch ein Grund, warum das Kollektiv – zumindest ist nichts anderes bekannt – auf LSD verzichtete und sich statt­dessen einer Hypnose durch Jared Gradinger unterzog. Aber auch von deren Auswir­kungen ist bei der Aufführung zumindest für den Zuschauer nichts zu bemerken.

Foto © Almut Elhardt

Die Tribüne im Studio 6 ist bis auf den letzten Platz besetzt, und vergnügt beobachten die Besucher, wie Douglas Bateman, Susanne Grau, Michael Maurissens, Sabina Perry und Adam Ster sich Sofakissen unter die schwarzen Kleidungs­stücke stopfen, bis sie alle rund und prall wie schwarz­an­ge­laufene Michelin-Männchen aussehen. Anschließend gibt es noch die trendige Gaze-Kopfhaube und Handschuhe. Die Bühne ist schwarz ausge­schlagen, der Bühnenraum durch eine halbhohe Zwischenwand stark verkürzt, auf der zwei Schein­werfer angebracht sind. Sie sind so geschickt einge­richtet, dass ihre Licht­kegel sich unmit­telbar vor der Tribüne treffen, also einen Dunkelraum vor der Wand bilden. Erheben sich die Tänzer in einer bestimmten Höhe, werden ihre Schemen oder Silhou­etten sichtbar. So sind ein ständiges, waberndes Auftauchen und Verschwinden gegeben. Eine nette Idee, die sich schnell abnutzt, zumal im schwarz vor schwarz kaum mehr zu erkennen ist. Und da hilft auch wenig, dass zwischen­durch drei Tänzer ihre Handschuhe ausziehen oder das Putzlicht einge­schaltet wird. Die große Idee der Identi­täts­ver­formung, ‑neufindung oder ‑entwicklung schlägt nicht ein.

Die gutge­meinten Schat­ten­spiele erfahren auch durch das sublime Sound­design von Tian Rotteveel keine wesent­liche Hebung. Zu oft gehört das Pulsieren, in welcher Lautstärke auch immer, als dass sich daraus eine neue Erfahrung abstra­hieren ließe. Der Rest der Geräusche ist schon zum Ende der Aufführung wieder vergessen. Dafür ist die Bewun­derung für die Tänzer umso größer, die sich bei abend­lichen 24 Grad Celsius in Kostüme gezwängt haben, über die man sich als Träger vermutlich eher zu Weihnachten draußen auf der Straße gefreut hätte.

Am Ende des Abends stellt sich die inter­es­sante Frage, wie ein zeitge­nös­si­sches tänze­ri­sches Werk zu werten ist. Liegt der Anspruch in der Recherche, deren Ergeb­nissen oder ihrer Wirkung auf das Publikum? Das Publikum jeden­falls reagiert mit freund­lichem Applaus. Aufre­gender wird es nach dieser samtigen Eröffnung durch die Hintertür dann vermutlich in der kommenden Woche, wenn Alexandra Waier­stall ihr Annna³ – The Worlds of Infinite Shifts erstmalig in Düsseldorf präsen­tieren wird.

Michael S. Zerban

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