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Das Opernhaus in Zürich unter der Leitung von Andreas Homoki eröffnet die Saison mit einer skandalumwitterten Oper aus dem 20. Jahrhundert. Mit Franz Schrekers 1918 in Frankfurt am Main uraufgeführtem Werk Die Gezeichneten beweist die Stätte einen guten Riecher für selten gespielte Ausnahmestücke, die den damaligen wie heutigen Zeitgeist bedienen und Konflikte kommentieren. Die schlüssige Inszenierung von Barrie Kosky, ein starkes Sängerensemble sowie das luzide Dirigat von Vladimir Jurowski können allerdings nicht verhindern, dass nach der Pause einige Sitze leer bleiben. Selbst während des Schlussbilds des Dreiakters, verlassen verschreckte Zuschauer den Saal. Barrie Kosky rührt gegen Ende des Dramas in Calixto-Bieito-Manier mit der blutigen Kelle an, und das scheinen nicht alle im gleichen Maß zu goutieren.
Franz Schreker zeichnet auch für das Libretto verantwortlich, und er macht das mit überbordend poetischem Wortschwall. Die Geschichte, die er serviert, basiert auf dem Theaterstück Hidalla von Frank Wedekind. Es handelt sich um starken Tobak im Stil des Kinoskandals Die 120 Tage von Salo des Regisseurs und Drehbuchautors Pier Paolo Pasolini aus dem Jahr 1975. In diesem wie in Schrekers Oeuvre geht es um eine perverse Gilde reicher Adliger, die junge Leute entführen, um sie zu schänden und zu ermorden. In Die Gezeichneten steht der missgestaltete Edelmann Alviano Salvago im Zentrum des grausigen Geschehens. Er ist nicht nur hinsichtlich seiner Verstümmelung eine tragische Figur. Der Genueser Mäzen wird unfreiwillig zur Schlüsselfigur der sexuellen Übergriffe, weil das Ungeheuerliche ausgerechnet in seinem Elysium passiert. Ein Ort, den er für die schönen Künste reserviert hat, aber selber nie betritt. Als er von der geheimen Grotte und den Missbräuchen erfährt, soll eine öffentliche Schenkung an alle Stadtbürger von Genua das teuflische Treiben verhindern. Salvago hat aber die Rechnung ohne all die Vergewaltiger gemacht, die ihre Lasterhöhle auf keinen Fall aufgeben wollen. Die Liebe zur Künstlerin Carlotta Nardi reißt den getriebenen Alviano für einen Moment aus dieser Crux, bis er erkennen muss, dass die Zuneigung der geheimnisvollen Schönen mehr der Kunst als ihm selber gilt. Am Ende steht der Krüppel, ähnlich wie in Verdis Rigoletto, als Schuldiger am Pranger.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Regisseur Barrie Kosky, Bühnenbildner Rufus Didwiszus sowie Kostümdesigner Klaus Bruns erweisen sich als begnadete Geschichtenerzähler. In der auf Reduktion getrimmten Lesart trägt die Genueser Upperclass graue Anzüge aus edlem Zwirn und erinnert vermutlich nicht ohne Grund an das Personal einer Zürcher Nobelbank. Koskys Absicht, den Thriller mit den Stilmitteln des Film noir aufzurollen, erfüllt sich allerdings nur bedingt. Den Kenner verschlägt es eher in die eiskalte Ästhetik der Nullerjahre, als es Regisseurin Mary Harron wagte, Bret Easton Ellis‘ Blutorgie American Psycho mit dem jungen Christian Bale fürs Kino aufzubereiten. Wie Harron setzt auch Kosky gezielt aufs Kopfkino, in dem er das Abscheuliche nur andeutet.
Mit der von Franck Evin grell ausgeleuchteten Bühne wähnt man sich im Ausstellungsraum eines Kunstmuseums. Die weißen Büsten und Statuen aus der Zeit der Antike, die sich passend zur jeweiligen Situation im Kreis drehen, verstärken nicht nur die Nüchternheit, sie werden in der schieren Menge auch als Bedrohung wahrgenommen. Im dritten Akt nach der Pause taucht der Zuschauer in Salvagos Wahnsinn ein. Die Einflüsse Sigmund Freuds und die Wehen des Ersten Weltkriegs, die in Schrekers Schaffen deutlich zum Ausdruck kommen, werden mit schummrigem Licht, üppigen Nebelschwaden und geisterhaften Ensembleauftritten untermalt. Selbst Carlotta erscheint am Ende als eine Art Gespenst, bevor Salvago vollends den Verstand verliert und blutverschmiert eine tragische Kunstfigur abgibt.

Die Zürcher Neuproduktion kann auf ein starkes Sängerensemble zählen, das sich auf der gleichen Höhe begegnet. John Daszak ist als Alviano Salvago vor allem darstellerisch eine Wucht. Als physisch wie psychisch verkrüppelter Edelmann mit einem ausgeprägten Minderwertigkeitsgefühl bedient er die die ganze Palette seelischer Zerrüttung und berührt nachhaltig. Sein heller Tenor strahlt über allem, außer bei den hohen Tönen im Forte wirkt Daszaks Stimme nicht selten angestrengt und spröde. Catherine Naglestad ist bekannt dafür, ihren Figuren emotionale Tiefenschärfe zu verleihen. Das ist auch mit der Partie der Carlotta nicht anders. Stimmlich variiert die Sopranistin geschickt zwischen mädchenhaftem Charme bis hin zu einer lasziven Tiefe einer geheimnisvollen Frau. Die Facetten und die Dynamik ihres schillernden Soprans sind in den ersten beiden Akten ausgeprägter als im letzten Teil der Oper, wo sich vokale Ausbrüche mehren. Thomas Johannes Mayer ist als Graf Andrea Vitelozza Tamare ein diabolischer Gegenspieler Salvagos. Mit seinem wendigen wie warmen Bariton betört er durchwegs, sein dezidiertes Spiel ist plausibel. Christopher Purves als intriganter Herzog Antoniotto Adorno fällt mit seinem kräftigen Bariton stimmlich nicht ab und gibt des Teufels Advokaten mit knisterndem Impetus. Bariton Albert Pesendorfer als Lodovico Nardi, Carlottas Vater, komplettiert den Reigen der Hauptrollen souverän. Wie Purves und Mayer gibt auch Pesendorfer sein Rollendebüt in Zürich.
Es ist kein leichtes Spiel, Schrekers feinste musikalische Verästelungen, die immer wieder in flirrendem Bombast erblühen, auf eine klare Linie zu bringen. Die eindringliche Seelenmalerei des Komponisten ist verschwenderisch schwelgerisch, wie sie im Gegenzug verstörend wirken kann. Im einen Moment umschmeicheln einen zarte Geigenklänge, im anderen ist es ein Furioso mit Donnerhall. Vladimir Jurowski schafft mit der Philharmonia Zürich ein durchwegs transparentes Klangbild, das von Anfang an einen ungeheuren Sog entwickelt und auch nach zweieinhalb Stunden Spielzeit seine Strahlkraft nicht verliert. Zum ersten Mal am Opernhaus Zürich am Dirigentenpult, mangelt es Jurowski zeitweise an Gespür für die akustischen Rahmenbedingungen. Es würde seinem Dirigat nicht schaden, die Crescendi in homöopathischeren Dosen zu verabreichen, anstatt den Klangkörper wie einen Tornado an die Wand krachen zu lassen.
Peter Wäch