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So recht will das Publikum nicht glauben, dass Dramaturgin Claudia Scherb für die Spielzeiteröffnung einen echten Leckerbissen eingeplant hat. Und das Publikum in Leverkusen bleibt bei leisen Zweifeln lieber zuhause, als sich auf Experimente einzulassen, so will es scheinen. Also bleiben im Forum viele Plätze frei an diesem Abend, an dem Jonglierer die Bühne stürmen. Zu Recht, möchte man meinen, schließlich gehören solche Artisten auf die Straße oder in den Zirkus.
Ja, die Straße kennt Sean Gandini gut. Da hat er mal angefangen. Im kubanischen Havanna geboren und aufgewachsen, interessierte er sich eigentlich mehr für Magie und Mathematik, ehe er im Alter von 16 Jahren damit begann zu jonglieren. Heute gilt er als der zeitgenössische Jonglierer überhaupt. Nicht aber etwa deshalb, weil er die Kunst des Jonglierens ins Unendliche vorangebracht hätte, sondern weil er Genre-Grenzen sprengt. Die Jonglage im Ballett hat er hinter sich, derzeit setzt er sich mit seiner Artistik im zeitgenössischen Tanz auseinander. Im Forum Leverkusen präsentiert er sein neuestes Stück mit dem Namen Spring, also Frühling, als deutsche Erstaufführung. Die wird im kommenden Jahr in Saddler’s Wells Premiere feiern und ist bis dahin erklärtermaßen work in progress.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Für dieses einstündige Werk hat sich Gandini mit dem Choreografen Alexander Whitley zusammengetan, um die Verbindung von Tanz und Jonglage zu schaffen. Whitley wird derzeit als aufgehender Stern unter den Choreografen in London gefeiert. Gabriel Prokofiev, ja, er ist der Enkel von Sergej Prokofjew, hat die Klangwelt zu dem Stück geschrieben, die an diesem Abend nur „vom Band“ kommt, aber ungemein gefällt, weil sie nicht nur Rhythmik, sondern auch bislang nicht Gehörtes bietet. Überwiegend fabelhaftes Licht fügt Guy Hoare hinzu. Er verschafft dem Ganzen Lebendigkeit, Stimmung und Überzeugungskraft. Einzig mit den Kostümen von Prince Lydia möchte man ein wenig hadern. Ganz in grau gehalten, wirken sie eher unvorteilhaft bei Jongleuren und Tänzern, die zwar viel Bewegungsfreiheit brauchen, aber deshalb nicht in Sack und Asche zu gehen brauchen. Die Bühne bleibt leer, lediglich im Hintergrund wird der Vorhang hin und wieder hochgezogen, um eine Leinwand freizugeben, die Platz für Schattenspiele oder ganzflächige Farbspiele gibt.

Whitley und Gandini zeigen in einer Mischung aus Tanz und Jonglage durchchoreografierte Szenen, in denen die Jongleure sich in äußerster Präzision mit Ringen, Bällen und Keulen auseinandersetzen. Kati Ylä-Hokkala, ebenfalls Künstlerische Leiterin bei Gandini Juggling, Kim Huynh, Liza van Brakel, Dominik Harant, Tristan Curty, Yu-Hsien Wu, Tia Hockey, Ruben del Monte und Erin O’Toole glänzen in ihren Aufgabenbereichen. Hier werden keine Zirkusnummern feilgeboten, sondern auf den Bruchteil einer Sekunde genaue Bewegungsabläufe des zeitgenössischen Tanzes gezeigt, in die die Hilfsmittel wie selbstverständlich einfließen. Serielle Wiederholungen wechseln mit fließenden, fast balletthaften Bewegungen, immer wieder werden die Schattenspiele, die sich aus dem Lichtwechsel ergeben, miteinbezogen. Auch die Dramaturgie im Sinne einer Spannungssteigerung kommt nicht zu kurz. Dass ein Reifen oder Ring zwei – verschiedenfarbige – Seiten hat, macht man sich ja zunächst mal nicht so bewusst. Aber wenn Gandini genau mit diesen Elementen spielt, erntet er Verblüffung und Faszination. Vier von vorn betrachtet hintereinanderstehende Jongleure werfen zeitgleich gerade noch weiße Ringe jetzt eingefärbt in die Höhe, während die vier Gegenspieler die Farben rufen. Das ist schon ein prächtiger Anblick. Die Übergänge zwischen den Szenen werden mit gespielten „Werbeblöcken“ aufgelockert, so dass auch der Humor nicht zu kurz kommt.
Wirklich, so etwas sieht man nicht alle Tage. Und die Aufführung bietet den richtigen Einstieg zum Motto der Spielsaison, das Querdenker lautet. Da freut man sich doch auf die nächsten Querdenker. Vorerst bedankt sich das Publikum langanhaltend und fühlt sich geehrt, als Gandini aus der Applausordnung heraustritt, um sich beim Publikum für die Einladung und den Abend zu bedanken. So kann die Saison weitergehen.
Michael S. Zerban