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Foto © Martin MacLachlan

Farbenlehre im Tanz

SPRING
(Alexander Whitley)

Besuch am
26. September 2018
(Deutsche Erstaufführung)

 

Forum Lever­kusen

So recht will das Publikum nicht glauben, dass Drama­turgin Claudia Scherb für die Spiel­zeit­er­öffnung einen echten Lecker­bissen einge­plant hat. Und das Publikum in Lever­kusen bleibt bei leisen Zweifeln lieber zuhause, als sich auf Experi­mente einzu­lassen, so will es scheinen. Also bleiben im Forum viele Plätze frei an diesem Abend, an dem Jonglierer die Bühne stürmen. Zu Recht, möchte man meinen, schließlich gehören solche Artisten auf die Straße oder in den Zirkus.

Ja, die Straße kennt Sean Gandini gut. Da hat er mal angefangen. Im kubani­schen Havanna geboren und aufge­wachsen, inter­es­sierte er sich eigentlich mehr für Magie und Mathe­matik, ehe er im Alter von 16 Jahren damit begann zu jonglieren. Heute gilt er als der zeitge­nös­sische Jonglierer überhaupt. Nicht aber etwa deshalb, weil er die Kunst des Jonglierens ins Unend­liche voran­ge­bracht hätte, sondern weil er Genre-Grenzen sprengt. Die Jonglage im Ballett hat er hinter sich, derzeit setzt er sich mit seiner Artistik im zeitge­nös­si­schen Tanz ausein­ander. Im Forum Lever­kusen präsen­tiert er sein neuestes Stück mit dem Namen Spring, also Frühling, als deutsche Erstauf­führung. Die wird im kommenden Jahr in Saddler’s Wells Premiere feiern und ist bis dahin erklär­ter­maßen work in progress.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Für dieses einstündige Werk hat sich Gandini mit dem Choreo­grafen Alexander Whitley zusam­men­getan, um die Verbindung von Tanz und Jonglage zu schaffen. Whitley wird derzeit als aufge­hender Stern unter den Choreo­grafen in London gefeiert. Gabriel Prokofiev, ja, er ist der Enkel von Sergej Prokofjew, hat die Klangwelt zu dem Stück geschrieben, die an diesem Abend nur „vom Band“ kommt, aber ungemein gefällt, weil sie nicht nur Rhythmik, sondern auch bislang nicht Gehörtes bietet. Überwiegend fabel­haftes Licht fügt Guy Hoare hinzu. Er verschafft dem Ganzen Leben­digkeit, Stimmung und Überzeu­gungs­kraft. Einzig mit den Kostümen von Prince Lydia möchte man ein wenig hadern. Ganz in grau gehalten, wirken sie eher unvor­teilhaft bei Jongleuren und Tänzern, die zwar viel Bewegungs­freiheit brauchen, aber deshalb nicht in Sack und Asche zu gehen brauchen. Die Bühne bleibt leer, lediglich im Hinter­grund wird der Vorhang hin und wieder hochge­zogen, um eine Leinwand freizu­geben, die Platz für Schat­ten­spiele oder ganzflä­chige Farbspiele gibt.

Foto © Tom Bowles

Whitley und Gandini zeigen in einer Mischung aus Tanz und Jonglage durch­cho­reo­gra­fierte Szenen, in denen die Jongleure sich in äußerster Präzision mit Ringen, Bällen und Keulen ausein­an­der­setzen. Kati Ylä-Hokkala, ebenfalls Künst­le­rische Leiterin bei Gandini Juggling, Kim Huynh, Liza van Brakel, Dominik Harant, Tristan Curty, Yu-Hsien Wu, Tia Hockey, Ruben del Monte und Erin O’Toole glänzen in ihren Aufga­ben­be­reichen. Hier werden keine Zirkus­nummern feilge­boten, sondern auf den Bruchteil einer Sekunde genaue Bewegungs­ab­läufe des zeitge­nös­si­schen Tanzes gezeigt, in die die Hilfs­mittel wie selbst­ver­ständlich einfließen. Serielle Wieder­ho­lungen wechseln mit fließenden, fast ballett­haften Bewegungen, immer wieder werden die Schat­ten­spiele, die sich aus dem Licht­wechsel ergeben, mitein­be­zogen. Auch die Drama­turgie im Sinne einer Spannungs­stei­gerung kommt nicht zu kurz. Dass ein Reifen oder Ring zwei – verschie­den­farbige – Seiten hat, macht man sich ja zunächst mal nicht so bewusst. Aber wenn Gandini genau mit diesen Elementen spielt, erntet er Verblüffung und Faszi­nation. Vier von vorn betrachtet hinter­ein­an­der­ste­hende Jongleure werfen zeitgleich gerade noch weiße Ringe jetzt einge­färbt in die Höhe, während die vier Gegen­spieler die Farben rufen. Das ist schon ein präch­tiger Anblick. Die Übergänge zwischen den Szenen werden mit gespielten „Werbe­blöcken“ aufge­lo­ckert, so dass auch der Humor nicht zu kurz kommt.

Wirklich, so etwas sieht man nicht alle Tage. Und die Aufführung bietet den richtigen Einstieg zum Motto der Spiel­saison, das Querdenker lautet. Da freut man sich doch auf die nächsten Querdenker. Vorerst bedankt sich das Publikum langan­haltend und fühlt sich geehrt, als Gandini aus der Applaus­ordnung heraus­tritt, um sich beim Publikum für die Einladung und den Abend zu bedanken. So kann die Saison weitergehen.

Michael S. Zerban

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