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Foto © Matthias Stutte

Reizüberflutung

DIE ZAUBERFLÖTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
2. Oktober 2018
(Premiere am 23. September 2018)

 

Theater Krefeld Mönchen­gladbach, Theater Krefeld

Während andere Theater­macher sich erst mal vorsichtig zu Kongressen und Seminaren treffen, um heraus­zu­finden, wie das digitale Theater gehen könnte, nutzt Kobie van Rensburg seit vielen Jahren die Bühne als prakti­sches Experi­men­tierfeld. Und lässt das Publikum an seiner Entwicklung, vor allem im Bereich der Video­grafie, teilhaben. Dabei ist seine Ausein­an­der­setzung mit der Zauber­flöte nicht neu. Bereits 2013 insze­nierte der Regisseur einen Vorläufer seiner jetzigen Regie-Arbeit in Krefeld. Die Arbeit war ein großer Erfolg weit über die Stadt­grenzen Münsters hinaus und beruhte bereits auf der Idee, aus dem Werk der Aufklärung ein Unter­hal­tungs­stück mit Fantasy-Charakter zu machen. Jetzt geht van Rensburg einen Schritt weiter. „Nach meinen Entwick­lungs­schritten im Videobe­reich will ich mit der Zauber­flöte alle bisher erprobten techni­schen Möglich­keiten zusam­men­führen“, sagt der Videofan. Er lässt auf der Bühne des Krefelder Theaters ein Fantasy-Spektakel entstehen, das vor ameri­ka­ni­schen Science-Fiction-Film-Zitaten nur so strotzt. „Möge die Macht mit euch sein“ wird sich vermutlich in den nächsten Wochen in Krefeld wieder zum geflü­gelten Wort entwi­ckeln. Ein anderes Bonmot stammt aus Kriti­ker­kreisen und bezieht sich auf Insze­nie­rungen der Zauber­flöte: „Die Oper ist unver­wüstlich.“ Nach van Rensburgs Insze­nierung kann man sich da nicht mehr so sicher sein.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Nach den Lobhu­de­leien der Lokal­presse im Anschluss an die Premiere könnte man glauben, dass das Stück Jugend­liche reihen­weise ins Theater lockt. Nichts davon ist im immerhin ausver­kauften Haus zu sehen. Vielleicht liegt es daran, dass Filme wie Star Wars, Star Trek oder E.T. für die Jugend­lichen längst histo­rische Schinken sind. Sie kommen alle vor: Mr Spock, E.T., die Ewoks, Jedi-Ritter, Darth Vader und wie sie alle heißen, die Helden der ameri­ka­ni­schen Filmpro­duk­tionen vergan­gener Tage. Das manifes­tiert sich für die Einge­weihten in erster Linie in den Kostümen und Masken. Für alle anderen sehen die Helden der Zauber­flöte vermutlich einfach ein bisschen merkwürdig aus. Aber auch die Science-Fiction-Landschaften greift van Rensburg auf, wenn er die Bühne als Bluescreen-Box gestaltet, über der eine Leinwand die Darsteller in die entspre­chende Umgebung versetzt. Ein Gaze-Vorhang, der zwischen­zeitlich immer mal wieder herun­ter­ge­lassen wird, bietet viel Platz für Sternen­bilder und Symbole. Das wirkt erstmal überwäl­tigend, aber alsbald offen­baren sich auch die Tücken. Die Lippen­be­we­gungen von Sängern und Leinwand-Darstellern stimmen nicht überein. Echte Blick­fänge gibt es selten, weil der Blick ständig zwischen Leinwand und Bühne wandert. Und letztlich gibt es außer Auf- und Abgängen wenig Bewegung auf der Bühne, weil sich das Geschehen ja auf der Leinwand abspielt. Also ein Ausschnitt des Geschehens. Dadurch, dass die Leinwand relativ weit vorne aufge­hängt ist und der Raum dahinter offen ist, gerät die Akustik zum Fiasko. Auf Übertitel wird verzichtet, um die Reizüber­flutung nicht noch weiter voranzutreiben.

Die Konzen­tration auf die Oper wird von Anfang an vermieden. Das Publikum fokus­siert sich darauf, die Ohren von Mr Spock zu entdecken, die Jedi-Ritter mit ihrem – wirklich herrlichen – Ballett zu belächeln oder über die Stimme von Darth Vader zu staunen, die der Königin der Nacht vorüber­gehend verliehen wird. Ach, und die niedlichen Ewoks! Selbst erfahrene Opern-Besucher beklat­schen plötzlich jede Gesangs­nummer. Ein wirklich gelun­genes Unter­hal­tungs­spek­takel, wenn man es unter dem Aspekt betrachtet. Und bis zum großar­tigen Schlussbild können einen die gezeigten Bilder packen.

Wer in der irrtüm­lichen Annahme gekommen ist, die Zauber­flöte zu sehen, geht in der Pause. Die anderen wollen ihren Spaß und nehmen dafür die akusti­schen Mängel in Kauf. Texte sind nur in Ausnah­me­fällen zu verstehen, und die Stereo­typien nehmen immer wieder mal überhand. Davon abgesehen, hat das Theater Krefeld Mönchen­gladbach eine Vielzahl an wirklich ausnehmend guten Sänger-Darstellern aufzu­bieten. Zusätzlich einge­laden hat Opern­di­rektor Andreas Wendholz als Königin der Nacht Judith Spiesser. Eine Glanztat. Ihre Kolora­turen kommen messer­scharf und glasklar. So wird aus dem Arien-Schlager ein Knüller. Besondere Meriten verdient sich auch Matthias Wippich als Sarastro, eine Rolle, die man so gesanglich überzeugend selten hört. Um den Schau­spieler-Text zu dekla­mieren, braucht es besondere Anstrengung, aber Wippich überwindet auch diese Hürde. Tamino wird von van Rensburg arg blass angelegt, aber das ficht Woongyi Lee nicht an. Der Opern­studio-Teilnehmer präsen­tiert sich angemessen.

Ein anderer Teilnehmer des Opern­studios Nieder­rhein, Alexander Kalina, hat die dankbare Rolle des Papageno ergattert und kostet sie voll aus. Im Volumen noch ausbau­fähig, besticht Kalina durch erfri­schende Spiel­freude, die verkündet: Hier kommt noch viel mehr. Und die dritte im Bunde ist Valerie Eickhoff, die als Zweite Dame zum Einsatz kommt. Sie fügt sich wunderbar in das Terzett mit Debra Hays und Johanna Werhahn ein. Da aber alle drei komplett unver­ständlich sind, kann man sich lediglich am schönen Klang ihrer Stimmen und den frech-fröhlichen Auftritten erfreuen. Eickhoff hat bereits mehrfach ihr Potenzial bewiesen, da sollte sie demnächst zu eigen­stän­di­geren Auftritten Gelegenheit bekommen.

Foto © Matthias Stutte

Höchst eigen­ständig zeigt sich selbst­ver­ständlich Sophie Witte als Pamina. Sie verkörpert die Rolle, als sei sie für sie geschrieben. Dass auch sie mit der Akustik und der Statik zu kämpfen hat, ändert nichts daran, dass sie längst in die erste Reihe gehört. Gabriela Kuhn mimt eine lustige Papagena und kommt Mozarts Vorstellung von dieser Rolle vermutlich ziemlich nahe. Das zweite Terzett des Abends, die drei Knaben, werden von Marie Lina Hanke, Claudia Sandig und Lucia Ostermann entzü­ckend und fanta­sievoll darge­stellt und gesungen. Der Chor ist von Michael Preiser gut einge­stellt und mit Sprech­rollen mit Sonder­auf­gaben betraut, die überzeugend beherrscht werden.

Diego Martin-Etxebarria liefert mit den Nieder­rhei­ni­schen Sinfo­nikern die nötige „Filmmusik“. Hier gibt es echten Mozart-Klang, der aller­dings im Video-Dreh etwas untergeht. Und das ist das Problem, das Kobie van Rensburg noch nicht endgültig gelöst hat. Gibt es Oper, in der Musik und Gesang im Vorder­grund stehen, also auch alles dafür getan wird, dass beide im optimalen Umfeld ertönen, oder gibt es ein Science-Fiction-Spektakel mit Hinter­grund­musik und Gesang, der allen­falls schön klingt, aber unver­ständlich erscheint? Die Antwort bleibt der Mann schuldig. Großartig, dass er sich Gedanken darüber macht, wohin Oper in der Zukunft geht, noch besser, dass er es einfach auspro­biert. Der Zuschauer muss entscheiden, ob er eine Opern­auf­führung oder ein Spektakel sehen will.

Das Publikum dieses Abends hat sich im Großen und Ganzen für das Spektakel entschieden und applau­diert letztlich stehend, nachdem es im Laufe des Abends so ziemlich alle guten Regeln eines Opern­be­suchs verletzt hat. Da wird lautstark geschnarcht, eine Reihe weiter unter­halten sich die Besucher über die wieder­erkannten Science-Fiction-Merkmale und wem es gefällt, der klatscht halt mal, egal, ob angebracht oder nicht. Wenn das aller­dings die Zukunft des Theater­be­suchs ist, wird es schwierig. Kobie van Rensburg hat sie übrigens schon für sich entschieden. „Nach dieser Zauber­flöte werde ich vielleicht mal eine Video-Pause einlegen. Es scheint sich schon als mein Marken­zeichen etabliert zu haben. Und dann ist es auch mal an der Zeit, andere Wege zu gehen.“

Michael S. Zerban

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